Die ständige Vermessung des Zuschauers - weil es beruhigt.

Grafik: Netflix
Hehe- das, wofür die Top-Experten von Netflix wohl monatelang arbeiten mussten, das habe ich einfach so gewusst. Ganz klar: Der "Breaking Bad"-Moment war in Folge 2- und zwar genau da, als Badewanne, Säure und halb aufgelöste Leiche zusammen durch die Decke in Jesse Pinkmans Korridor krachten.

Genau das war die "Schlüsselfolge", so haben es die "Netflixe" jetzt herausgefunden- die Folge, nach der mindestens 70 Prozent der Zuschauer zu "Breaking Bad"-Fans wurden und auch den Rest der gesamten ersten Staffel sehen wollten. Netflix hat die weltweiten Streaming-Daten der ersten Staffeln einiger der beliebtesten Serien analysiert, um herauszufinden, wann die Zuschauer zu "Fans" wurden und "dranbleiben" bis zu Schluss.

Warum macht man das? Ganz einfach: Wohl um sich selbst zu beruhigen. "Binge Watching is the New Normal"- das ist eigentlich die Netflix-Philosophie. Also Serien zum Beispiel nicht mehr wie früher im klassischen Fernsehen Folge für Folge und Woche für Woche anschauen. Deshalb stellt Netflix bei seinen Serien immer ganze Staffeln auf einmal ins Programm.

Nun gibt es mit Amazon einen großen Konkurrenten, der es bei brandneuen Serien auch einmal anders macht. Eigentlich genau wie früher beim Fernsehen gibt es dort jetzt jede Woche eine Folge "Fear The Walking Dead"- und plötzlich gilt das nun wieder als "Event". Also braucht man Argumente, dass man selbst trotzdem noch richtig liegt. Und sie wurden gefunden.

"Im traditionellen Fernsehen sind die besten Sendeplätze äußerst kostbar. Daher ist die Pilotfolge einer Serie der wohl wichtigste Moment im gesamten Serienablauf", so Ted Sarandos, "Chief Content Officer" von Netflix. "Unsere Analysen des Zuschauerverhaltens für über 20 Serien in 16 verschiedenen Märkten haben jedoch gezeigt, dass niemand bereits nach der Pilotfolge ein überzeugter Anhänger der Serie war. Dies stärkt unsere Zuversicht, dass die Bereitstellung von sämtlichen Folgen auf einmal der Bildung von Fangemeinden besser entgegenkommt."

Die Herren des traditionellen Fernsehens erklären uns ja immer wieder, dass Netflix & Co. völlig überbewertet sind. Dass die Zuschauer heute genauso viel traditionelles Fernsehen gucken wie schon immer und dies auch bis in alle Ewigkeit weiterhin tun werden. Da sind sie sich ganz sicher. Sie müssen sich nicht selbst beruhigen.

Genau deshalb gibt es derzeit fast täglich neue und teure Studien und Analysen über das unergründliche Phänomen des heutigen Fernsehzuschauers und sein Verhältnis zum Internet. Weil man sich seiner Sache so sicher ist.

Die aktuellste Studie hat die ANGA, der Verband Deutscher Kabelnetzbetreiber e.V., bestellt. Und es geht um nicht weniger als den "Medienkonsum der Zukunft". "Fünf Trends des zukünftigen Medienkonsums" wurden dabei für Deutschland von Goldmedia im Auftrag der Kabelnetzbetreiber herausgefunden:
  • Die Zuschauer lösen sich zunehmend vom linearen Programmschema des klassischen Fernsehens und gestalten ihren Medienkonsum unabhängig von Ort und Zeit. Dies geschieht insbesondere durch die Aufzeichnung von Fernsehinhalten auf digitalen Festplattenrekordern, die 43 Prozent der Befragten nutzen
  • Die Zuwächse bei internetbasierten Streamingdiensten und Videoportalen sind erheblich: Bereits 40 Prozent der Befragten haben ein Konto bei einem Video on Demand-Anbieter, vor einem Jahr waren es noch rund 20 Prozent. 
  •  Mit TV Everywhere-Lösungen wird das Bewegtbild auf allen Endgeräten verfügbar: 56 Prozent der Befragten geben an, dass sie TV-Sendungen und Videos auch auf Smartphone, Tablet oder Laptop anschauen. 
  • Mit der Verbreitung mobiler, internetfähiger Geräte wächst die parallele Nutzung von TV und Internet: So nutzen 56 Prozent der Befragten häufig ein internetfähiges Endgerät (Second Screen) parallel zum laufenden Fernsehprogramm (First Screen). 
  • Das Interesse an Pay TV und HD steigt: Pay TV-Angebote gehören zu den am stärksten nachgefragten Fernsehangeboten von Kabelnetzbetreibern, für Free TV-Sender in HD-Qualität interessieren sich 46 Prozent der Befragten.
Ich will ja jetzt nicht angeben, aber auch das steht (fast) alles hier schon irgendwie irgendwo. Ist also in etwa so eine Geschichte wie die mit Jesse Pinkmans Korridor. Aber trotzdem interessant.

Denn (fast) jede Analyse oder Studie fasziniert. Sobald man darüber nachdenkt, wer da weshalb beruhigt werden muss.

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