Deutsch? Serie? Nein, danke. Junge TV-Zuschauer auf der Flucht.

Foto: RTL II
Eine Serie. Eine Qualitäts-Serie. Von RTL II. Kein billiges "Reality-TV", um armes oder reiches Prekariat vor wie hinter dem Bildschirm durch den Tag zu begleiten, nein, echtes "Drama". Mit Schauspielern, die gut genug sind um Geld dafür zu verlangen, was sie vor den Kameras tun. Das fällt auf in der täglichen Tsunami-Welle der Pressemitteilungen.

"Gottlos - Warum Menschen töten" ist eine dreiteilige Serie von Thomas Stiller und wird am 19. September auf dem renommierten Filmfestival in Oldenburg uraufgeführt. Noch in diesem Jahr soll sie bei RTL II zu sehen sein. "Mit 'Gottlos' findet eine Produktion den Weg auf die TV-Bildschirme, die sich in vielerlei Hinsicht vom Gewohnten abhebt". Meint jedenfalls Tom Zwiessler, Bereichsleiter Programm bei RTL II. "Die Serie transportiert in einer packenden Art die Entwicklung zwischenmenschlicher Konflikte - bis hin zur vollständiges Eskalation. Mit seiner ungewöhnlichen Erzählweise und der intensiven Bildsprache rückt der Zuschauer hautnah an die Verbrechen heran und bekommt die Möglichkeit, in die Gefühlswelt von Opfer und Täter einzutauchen."

Hehe- man könnte denken, er redet von "Breaking Bad". Und irgendwie tut er das ja auch. "Breaking Bad" wollte bei der "normalen" TV-Ausstrahlung in Deutschland kaum einer sehen. Aber alle reden darüber. Insbesondere bei den Fernsehsendern. Und alle wollen uns jetzt auch solche Serien liefern.

Allein, es bleibt die noch offene Frage, ob die deutsche TV-Produktionsmaschinerie das überhaupt noch kann. Seit vielen Jahren werden mit Ausnahme einiger weniger Leuchtturm-Projekte eigentlich nur noch billig produzierte Fließband-Krimis, Soziologen-Trash a'la "Lindenstraße" oder bunte Heile-Welt-Schnulzen in der Tradition des damals noch leicht braun gefärbten Heimatfilms der 50er Jahre produziert. Manchmal vielleicht noch eine Mischung dieser Genres.

"Breaking Bad" wurde übrigens zuerst vom Fox-Sender FX Network in Auftrag gegeben- und dann aus Angst vor negativen Zuschauer-Reaktionen nicht abgenommen. In den USA gab es dann mit AMC einen Konkurrenten, der sofort einsprang. Ein vermeintliches Risiko einging. Die Serie war anders als das bisher gewohnte, das war das "Risiko" und genau das war dann der Grund für einen Riesen-Erfolg.

Ob "Gottlos" wirklich "anders" ist? Wir werden es sehen. Gerade bei den kleineren deutschen Sendern geht manchmal noch was- die Entscheider sind noch nicht so abgehoben und satt, vermeintlich etabliert und risikoscheu wie bei den großen Stationen. Nur fehlen dort die eigentlich notwendigen finanziellen Möglichkeiten. Bei den "Großen" sieht man irgendwie, zumindest gelegentlich, den Trend der Zeit. Sagt man wenigstens. Hauptsächlich aber redet man darüber.

Das Ergebnis aller Reden, wenn es denn überhaupt einmal ein Ergebnis gibt, sind dann Alibi-Projekte, die versuchen, den Anschein zu erwecken, etwas Neues zu sein. Aber natürlich möglichst ohne Risiko. Geradezu zwangsläufig führt das dann zu fast rührend hilflosen Pseudo-Ideen wie Anke Engelke als lustige Fernseh-Ansagerin oder einem Winnetou mit freiem Oberkörper von RTL.

Goldmedia hat gerade Bundesbürger für eine Studie zum Thema Fernsehserien befragt- mit interessanten Ergebnissen. Drei Viertel der Befragten schauen mindestens eine Serie regelmäßig. 38 Prozent verfolgen zwei bis drei Serien und 23 Prozent sogar vier und mehr. Die jüngeren Zuschauer, also die begehrteste, aber immer seltener erreichte Zielgruppe ist dabei besonders serienaffin: Fast 90 Prozent der 18- bis 29-Jährigen haben eine Lieblingsserie, die einen wichtigen Platz in ihrem Alltag einnimmt.

Die meisten Lieblingsserien finden die Zuschauer bei den Fernsehsendern RTL, ARD und ProSieben. Sechs Prozent der Befragten nannten Amazon Prime Instant Video als Anbieter, bei dem ihre Lieblingsserie läuft. Gut drei Prozent nannten Netflix. Damit haben sich bereits zwei VoD-Anbieter in die Top Ten der beliebtesten Serienanbieter geschoben. Interessant ist auch hier wieder die Auswertung bei den 18- bis 29-jährigen Zuschauern: Hier rücken Amazon und Netflix mit 18 bzw. 17 Prozent bereits in die Top 5 der beliebtesten Serien-Channels vor.

Und eine Entwicklung wird immer deutlicher: Die jungen Zielgruppen favorisieren US-amerikanische Serien. Mehr als 80 Prozent der 18- bis 39-Jährigen gaben an, dass ihre Lieblingsserie aus den USA stammt. Erst mit zunehmendem Alter werden Serien aus Deutschland und der EU beliebter. Oder andersherum formuliert: Die deutsche Serie wird zunehmend nur noch für die Älteren produziert. Die angeblich begehrteste TV-Zielgruppe wendet sich ab, weil sie ihre Programme dort nicht mehr findet:

Grafik: Goldmedia
Die deutschen Tageszeitungen zeigten vor Jahren übrigens ein ähnliches Abonnenten-Verhalten. Man beruhigte sich damals mit der Idee, dass die verloren gegangene Jugend dann eben mit 30 oder 40 Jahren eine Zeitung abonnieren würden. Das fand dann aber nicht statt. Statt dessen verlieren die Zeitungen heute auch zunehmend die älteren Abonnenten. Die schwindende Einnahme-Basis zwingt sie zu Qualitätsminderung und Preiserhöhungen, was nun zunehmend auch die treuen älteren Leser vertreibt.

So zu tun, als ob man etwas täte, hilft nur den Verantwortlichen beim Bewahren ihrer einmal erreichten bequemen und gut dotierten Chefsessel. Mittel- und langfristig führt es zum Verlust der Zuschauer und damit der Existenzgrundlage auch für öffentlich-rechtliche Sender.

"Gefragt ist mittelfristig mehr Mut zum Risiko bei Programm-Akquisitionen und Eigen- oder Auftragsproduktionen. Wenn Fernsehsender keine Antwort auf die erfolgreichen Serien der Genres Krimi/Thriller und Comedy der anderen Anbieter finden, werden wenige private und besonders VoD-only-Angebote à la Netflix und Amazon Prime Instant Video bei den jüngeren Zuschauern weiter punkten", so Dr. Mathias Wierth, "Associate Partner" bei Goldmedia.

Und Goldmedia-Geschäftsfürer Dr. Florian Kerkau legt nach: "Das ist gerade auch für den Produktionsstandort Deutschland von Bedeutung: Über 80 Prozent der Lieblingsserien der 18- bis 39-Jährigen kommen aus den USA. Positiv formuliert, gibt es für deutsche Produktionen in Sachen Serien noch viel Luft nach oben. Content is and will be king – der Inhalt ist es, dem die Zuschauer über alle Plattformen folgen."

Das sind die diplomatischen Statements der Profis. Netz-TV würde sagen: Macht endlich wieder Fernsehen. Räumt endlich diejenigen Verantwortlichen aus ihren Sesseln, die ohnehin nur zu jeder Lösung das passende Problem finden. Einst ging es doch auch, zu den schwarz-weißen Zeiten der "Raumpatrouille". Die fanden junge Zuschauer damals fast noch spannender als ihre großen Kollegen vom "Raumschiff Enterprise". Und sie fliegt immer noch- für Amazon oder YouTube. Verstehe ich nicht. Bringt deutsches Fernsehen endlich wieder zum fliegen oder geht sterben.

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