Von Wut und der Wirklichkeit- Filippa, LeFloid und Angela Merkel

Moderatorin Filippa von Stackelberg in der Berliner Redaktion von VICE Foto: obs/RTL II / Copyright: VICE Media
Netflix? Amazon? UHD-TV? Denkste... Die meisten Besucher, die von Googles Suchmaschine zu "Netz-TV" geschickt werden, suchen nach... Filippa von Stackelberg. Vor allem am Montag Abend. Dann, wenn bei RTL II die von ihr moderierten "VICE Reports" laufen, die auch der Grund sind, warum ihr beeindruckender Name hier im Blog bereits Erwähnung fand.

Nein, ich glaube nicht, dass so viele bei Google nach "Filippa von Stackelberg" suchen, weil sie nach tiefgründigeren Informationen über VICE oder RTL II im allgemeinen und die Zukunft des Journalismus im Besonderen suchen. Google unterstützt ja mittlerweile perfekt die fehlerfreie Namenseingabe und wenn ich noch im "LeFloid-Alter" wäre, tja dann... Also, zur Aufklärung für die Mädels: So ungefähr müsst ihr Euch den perfekten Jungs-Traum vorstellen.

Dabei erinnert mich ihre Moderation doch eher stark an das einstige "SPIEGEL-TV" mit Stefan Aust. Sie hat eigentlich nur einen Gesichtsausdruck, und der wirkt irgendwie traurig. Das ist bei Themen wie den Arbeitsumständen kambodschanischer Textilarbeiterinnen durchaus passend, wirkt aber beim eigentlich an "professionelles" Dauergrinsen zahlloser TV-Moderatoren und Moderatorinnen gewöhnten Zuschauer irgendwie befremdlich.

Und damit sind wir beim Thema. Filippa von Stackelberg ist nicht "professionell". Zumindest nicht in dem Sinne, was Fernsehen, Fernsehnachrichten oder Journalismus bisher darunter verstehen. Ihr "Steckbrief" bei RTL II berichtet über Tätigkeiten als Model, über ein Studium ("Lateinamerikastudien mit Spanischer Philologie") und sie hat eine "eigene NGO" gegründet. Und nun ist sie Redakteurin bei VICE. Sehr beeindruckend. Aber über den klassischen Ausbildungsweg zum Journalisten, das "Volontariat", liest man da nichts.

Auch "Moderation" hat sie wohl nirgends bei den "Profis" gelernt. Vielleicht ist aber gerade das ein weiterer Grund, warum viele ihren Namen googeln. Sie wirkt bei ihrer Moderation "anders". Sie wirkt authentisch. Da ist keine "vierte Gewalt", die uns über die Welt belehrt. Da ist auch keine turboblonde, immer gut gelaunte Fernsehmoderatorin. Sie wirkt wie eine schöne junge Frau aus der Nachbarschaft, die uns Geschichten erzählt, die wir so bisher nicht kannten- und dann gucken wir zu. Ob dafür der Dienstag Abend auf RTL II der richtige Platz ist, um gefunden zu werden, muss man abwarten. Aber es könnte durchaus erfolgreich sein. Weil es "authentisch" wirkt. "Anders" ist.

Das wiederum erinnert ein wenig an die YouTuber. Wie "LeFloid", der ja dieser Tage seinen ganz großen Auftritt hatte. Im Bundeskanzleramt. Mit einem Exklusiv-Interview von Angela Merkel. Und das nicht nur für ein oder zwei Fragen- eine volle halbe Stunde Zeit nahm sich die Kanzlerin für den YouTuber. Die Reaktion des "klassischen", per Volontariat ausgebildeten "Journalismus", war so voraussehbar wie erbärmlich.

Stellvertretend für (fast) alle anderen ist heute mal die "FAZ" dran. Sie überschreibt ihre Kritik am Interview mit "Ein Pennäler im Kanzleramt".  Für die begehrte jugendliche Zielgruppe: "Pennäler" bedeutet "Schüler". Vor allem in dem Sinne, dass der Pennäler noch viel zu lernen hat. Man kann also schon in der Headline die Fassungslosigkeit darüber erahnen, dass da jemand ein halbstündiges Exklusiv-Interview im Bundeskanzleramt bekommt, der in einer richtig geordneten Welt doch wohl maximal als "Volontär" dem Alt-Journalisten der "vierten Gewalt" den Kaffee reichen dürfte. Und nicht einmal das: "LeFloid" hat ja noch nicht einmal fertig studiert!

Und weiter geht's: "Unkenntnis journalistischer Standards" wird dem armen LeFloid da vorgeworfen. Dass "diese Fragestunde von Mundt" (Florian Mundt, so heißt LeFloid im "Real Life") nur eine "PR-Geschichte" gewesen sei, "die man beim besten Willen nicht Interview nennen kann". Na gut, dann eben "Fragestunde". So what? "Ist Mundt mit seinem Youtube Kanal überhaupt ein Journalist?" so fragt die "FAZ" dann hammerhart und spätestens hier fragt Netz-TV: "Will er das überhaupt sein?"

Denn offenkundig ist das nicht mehr notwendig für eine halbstündige Audienz im Bundeskanzleramt. Also ganz oben. Da, wo früher nur andere Mächtige zur Audienz geladen wurden. Und die Alt-Journalisten der "vierten Gewalt". Zum Beispiel von der "FAZ". Die in der Zeitungskrise feststeckt, Verluste schreibt und deshalb sparen muss. Und, sorry, liebe FAZ, aus Sicht der "Generation YouTube" doch auch nur noch eines von vielen Überbleibseln einer vergangen Zeit ist. Wie so ein Atomkraftwerk, mit einer begrenzten und überschaubaren Restlaufzeit.

Das Bundeskanzleramt hat übrigen sogar einen eigenen YouTube-Kanal. Mit sehr vielen Videos, alle "professionell" erstellt. Wahrscheinlich sogar von Leuten, die auf ein "Volontariat" verweisen können. Der hat nach jahrelanger, teurer und mühsamer Arbeit immerhin gut zweieinhalb Millionen Abrufe. Insgesamt. Für Hunderte von Videos. LeFloids Merkel-Interview hat nach gut 24 Stunden die erste Million fast voll. Nicht, weil er "Journalist" ist. Oder besonders kritisch. Oder investigativ. Sondern authentisch, wie Filippa von Stackelberg. Und gut vernetzt.

Statt "Kritiken" zu diesem Interview zu schreiben, wäre es angebracht, darüber nachzudenken. Denn die Millionen Zuschauer für "#NetzfragtMerkel" werden Folgen haben. Vielleicht sogar beim Zeitbudget der Kanzlerin. Angela Merkel will wiedergewählt werden. Deshalb spricht sie wahrscheinlich in Zukunft öfter mit Menschen, deren Name gegoogelt wird. Damit sie mit ihren Botschaften auch gefunden wird. Das ist wichtig im Netz. Also mit LeFloid. Vielleicht sogar Filippa von Stackelberg. Aber weniger mit "professionellen" Journalisten. Jedenfalls dann, wenn nach denen keiner sucht und die Worte der Bundeskanzlerin so auch nicht gefunden werden.

Vielleicht sollten deshalb mehr authentische Persönlichkeiten statt Ex-Volontären "Journalismus" machen. Das historische Vorbild für die ultimative Kritik zum Thema wird ohnehin weder qualitativ noch professionell jemals wieder erreicht werden:

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