Eine Million mehr Zuschauer für Netflix- jeden Monat

Gute Nachrichten für Kevin Spacey und Robin Wright im "House of Cards" Foto: Netflix / Melinda Sue Gordon
Insbesondere in Deutschland glauben einige ja immer noch, dass dieses komische Ami-Dingens da ja doch nur ein Kartenhaus sei. Das dann irgendwann, wie jedes Kartenhaus, auch wieder einstürzen wird. Mag sein. Vielleicht aber auch über ihren Köpfen.

Denn während man hier im klassischen TV gemütlich weiterhin an Jahres- oder gar Fünfjahresplänen werkelt, entwickelt sich das neue Fernsehen im Netz offenkundig in Monaten. Vor einem Jahr freute sich Netz-TV darüber, dass Netflix bald nach Deutschland kommen würde. Damals hatte der US-Streaming-Gigant weltweit 50 Millionen Abonnenten. Jetzt sind es schon knapp 63 Millionen. Sogar die Wallstreet ist anscheinend zufrieden- die Aktionäre hatten wohl nur 62 Millionen erwartet. Noch mehr hat sie wahrscheinlich begeistert, dass das Wachstumstempo im zweiten Quartal 2015 trotz einem mittlerweile recht weitgehend mit Netflix-Abonnements versorgten US-Heimatmarkt sogar noch gestiegen ist. Fast zweieinhalb der gut drei Millionen neuen Netflix-Abonnenten kamen in den letzten drei Monaten von außerhalb den USA.

Dabei hat Netflix noch allerhand zu tun, um wie verkündet, "den Service bis Ende 2016 für die ganze Welt verfügbar" zu machen. 2015 kamen bisher nur Australien und Neuseeland dazu. Für das dritte Quartal ist der Start in Japan noch vorgesehen und im vierten Quartal Spanien, Italien und Portugal.

Woher kommt der Boom? Ganz einfach: "Wir sind an der vordersten Front einer gobalen Welle der Expansion des Internet-Fernsehens", so Netflix und "wir machen große Fortschritte dabei, mehr eigene Inhalte anzubieten und das eigene Programm auszubauen. Das unterscheidet unseren Service, steigert dessen Wert für die existierenden Abonnenten und motiviert weitere Zuschauer zum Netflix-Abonnement."

Egal, ob die inzwischen dritte Staffel "Orange is the New Black", "Daredevil" oder "Sense 8"- die neuen Netflix-Produktionen im dritten Quartal seien sehr erfolgreich gewesen. Netflix wird dadurch immer mutiger, sogar an das gefährliche Thema Preiserhöhungen wird gedacht. Die sollen aber "sehr langsam über das nächste Jahrzehnt" vonstatten gehen, so Netflix-Chef Reed Hastings. "Wir werden mehr Inhalte anbieten und somit mehr Wert und den Preis dann entsprechend anpassen". Für die Videokonferenz mit Analysten hatte er mitten im Sommer extra einen warmen Merchandising-Pullover von "BoJack Horsemen" angezogen- die zweite Staffel kommt in diesen Tagen.

Tja, und demnächst gibt es dann ja auch Kinofilme. Und die Serie "Narcos", von der sich Netflix einen weiteren Riesen-Erfolg verspricht. Und obwohl die Ausgaben durch hohe Investitionen in Programm und Expansion höher sind als die Einnahmen (immerhin 229 Millionen Minus im Cash Flow im dritten Quartal) drückt Netflix weiterhin aufs Gas statt auf die Kostenbremse. Nächstes Jahr stehen sechs Milliarden Dollar für neues Programm zur Verfügung und damit mehr als jemals zuvor.

Ist das verrückt? Nein. Denn mit dieser Strategie stehen Netflix und Reed Hastings nicht mehr allein. Amazon-Chef Jeff Bezos hat dem "Hollywood Reporter" dieser Tage ein Interview zum Thema Amazon Studios und Prime Instant Video gegeben. Und das ist schon deshalb bemerkenswert, weil er so etwas noch nie gemacht hat.

"Wenn die Leute Prime-Mitglieder werden, dann kaufen sie mehr Schuhe, Elektrogeräte und anderes", so beschreibt Bezos entwaffnend offen die anscheinend ganz andere Basis seiner Internet TV-Strategie. Die aber, so erfährt man dann, offenkundig dann doch der Strategie von Netflix sehr ähnlich ist. Auf das Netflix-Ziel angesprochen, jede Woche mindestens eine neue Eigenproduktion abzuliefern, meinte Bezos: "Schauen Sie, wie viele Inhalte wir im Quartal produzieren, es wächst sehr schnell. Und ich sehe nicht, dass es bald langsamer wächst."

Auch für die Zukunft der Amazon-Studios hat er gute Nachrichten. "Eine sichere Zukunft hat, was funktioniert. Unternehmen beenden keine Dinge, die funktionieren. Sie beenden Dinge, die nicht funktionieren. Und dieses funktioniert." Selbst zum Thema Live-Events kommt von Jeff Bezos kein klares "Nein": "Ich kann nicht sagen, was wir in der Zukunft tun oder nicht tun. Aber ich kann versprechen, dass wir jede Menge neue Dinge ausprobieren werden."

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