Von Netflix bis Gottschalk- Jörg erklärt uns die neue Fernsehwelt


Also eigentlich ist ja Urlaubszeit. Aber die neue digitale Wunderwelt ist einfach überall. Selbst an entlegenen Mittelmeer-Stränden schwebt man in ständiger Gefahr. Plötzlich, zwischen zwei Strandverkäufern ("... duh juh haff Sunglasses, bjuhtifuhl Sunglasses?"), tröpfeln einsam per Mobilfunk oder gar WLAN nomadisierende heimatliche Daten auf Smartphones oder Tablets mit Rest-Akku. Dort verwandeln sie sich auf wundersame Weise zu Texten oder Bildern und schon hat man den Salat. Oder was auch immer. Die beste Frau von allen fragt dann immer erstaunt, ob es mir gut geht- nur weil ich auf meiner Liege komisch mit den Armen rudere oder schwer verständliche Geräusche von mir gebe. Ich will das aber nicht erklären. Ich kann das nicht erklären. Ich brauche jetzt den "Break"- wie damals, im legendären Werbespot für Kit Kat.

Jörg Schönenborn ist zum Beispiel eine geradezu unerschöpfliche Quelle für derartige Nachrichten. Und ja, das Sommerloch beginnt, und da wird es immer ganz, ganz schlimm. Das allgemeine Grundrauschen an Neuigkeiten geht deutlich zurück, Redaktionen sind noch dünner besetzt als sonst und wahrscheinlich sehr heimtückische Praktikanten und Volontäre werden plötzlich zu Entscheidern an den Content-Management-Systemen deutscher Redaktionen. Glaube ich jedenfalls. Denn wie sonst ist es zu erklären, dass ständig Aussagen von Jörg Schönenborn unkommentiert auf die Öffentlichkeit losgelassen werden. Ja, er ist "Fernsehdirektor" des WDR. Also der größten "Anstalt" im bunten ARD-Universum. Trotzdem. So etwas kann man einfach nicht ohne FSK-Altersfreigabe auf die Leute loslassen.

Dieser Tage hat Jörg Schönenborn zum Beispiel der WDR-Redakteursvertretung "überzeugend erklärt", warum es völlig in Ordnung sei, dass der WDR dem Ex-"WettenDass"-Moderator Thomas Gottschalk einige Millionen an Honorar für "Gottschalk live"-Sendungen überwies. Also insbesondere für Sendungen, die wegen offenkundigem Desinteresse beim Publikum vorsichtshalber gar nicht erst produziert wurden. Schönenborn habe, so kress.de, den Redakteursvertretern die "komplizierten rechtlichen Fragen" erklärt. Denn es sei doch die "WDR Media Group" gewesen. Und die sei rechtlich strikt vom WDR getrennt. Deshalb hätte man die Millionen sowieso nicht für anderes Programm beim WDR ausgeben können. Für tolle Dokumentationen zum Beispiel.

Theoretisch ist das sogar richtig. Denn die "WDR Media Group" kümmert sich "als innovativer Dienstleister rund um Medieninhalte" um "eine 360-Grad-Vermarktung der hochwertigen WDR-Programme sowie der Angebote weiterer Partner auf allen Verbreitungswegen und Plattformen". Also um Werbeeinnahmen zum Beispiel. Die sammeln sich dort in den "rechtlich strikt" getrennten Kassen. Es wurde also "kein Gebührengeld ausgegeben", wie es der WDR bereits auch offiziell bekanntgab.

Das ist toll. Ganz toll. Der WDR hat die Lösung gefunden. Denn endlich, endlich kann man ja nun der so oft erhobenen Forderung nachkommen, Werbung und Sponsoring im öffentlich-rechtlichen Fernsehen abzuschaffen. Bisher sagten die "Anstalten" immer, das würde die Rundfunkgebühr deutlich teurer machen. Jetzt hat der WDR strikt getrennte Kassen. Die anderen Sender müssen nur dort nachfragen, wie es geht und schon kann man handeln.

Ist er nicht ein toller Hecht, dieser Jörg Schönenborn? Denn das ist noch lange nicht alles. Selbst über Dinge, die Billiarden-schweren US-Medien-Tycoonen schlaflose Nächte bereiten, wie zum Beispiel Netflix"- da steht er drüber. Da kann er nur "ganz müde lächeln". So Kleinkram hat er voll im Griff.

Netflix habe angekündigt, 320 Stunden eigenes Programm im Jahr produzieren zu wollen. Das verantworte er in der ARD alleine in seiner Funktion als Fernsehfilmkoordinator. Und überhaupt: "Ich höre, dass die ziemliche Verluste schreiben", so Superman himself Jörg Schönenborn auf der "Interactive Cologne", die dieser Tage zusammen mit der Kabelfernsehmesse "AngaCom" und dem "Medienforum NRW" in Köln stattfand. Also auf einer Veranstaltung wie "Medientreffpunkt Mitteldeutschland"- nur da, wo auch Medien sind.

Spätestens jetzt fällt einem (fast) nichts mehr dazu ein. Ich muss runter von der Liege. Erst mal ins Wasser, abkühlen. Also der meint das ernst. Ja, wirklich. Der glaubt, ARD-Fernsehfilme mit lustigen Nonnen, hölzern agierenden Darstellern in "Traum-Hotels" oder "Kommissarinnen" die irgendwo schlecht gefilmt mit ihrer Midlife-Crisis im Regen stehen und lustlos nach Mördern suchen seien genauso ein "Programm" wie "House of Cards", "Marco Polo", "Better Call Saul" oder "Sense8".

Und, na klar, weil die "ziemliche Verluste machen", geht das bestimmt bald wieder weg. Ganz bestimmt. Ja, Netflix weist Verluste aus. Im Bereich "Streaming außerhalb der USA". Möglicherweise auch, weil es so verlustreich ist, starten die gerade neu in einem Land nach dem anderen. Australien, Neuseeland, demnächst Japan, Spanien, Italien und so weiter. Klar, Jörg Schönenborn hätte bestimmt mit seinem "Programm" vom ersten Tag an so viel zahlende Abonnenten, dass trotz Anlaufkosten schwarze Zahlen kein Problem sind.

Die Netflixe haben keinen Fernsehfilmkoordinator. Die Amis müssen deshalb wahrscheinlich sogar mit Tricks arbeiten, also zum Beispiel mit etwas weniger "strikt getrennten Kassen". Denn in den USA weist Netflix bereits Gewinne aus. Deutlich höhere Gewinne, als die Verluste im Ausland betragen sollen. Und sie haben gerade versichert, auch in Zukunft keine Werbespots zu verkaufen. Weil, dann müssen sie wohl auch keine Millionen an Gottschalk zahlen.

Spätestens jetzt muss Netz-TV einräumen, geirrt zu haben. Denn für WDR oder die ARD baut Netflix bestimmt keinen "Todesstern". Die haben Jörg Schönenborn. Und wenn der Todesstern fertig ist- worauf sollte er dann noch schießen? Und zur endgültigen Revolution der globalen Medienwelt fehlt dem ARD-"Fernsehfilmkoordinator" wohl nur noch ein auch nur annähernd vergleichbar genialer Partner:

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