Live ist live und Streaming ist schwerer einzumauern als Wasser

Screenshot: Showtime ( sho.com/sho/sports/pay-per-view )
"Wasser hat einen spitzen Kopf" pflegte ein mir bekannter Architekt immer zu sagen, wenn es um die baulichen Probleme in meiner Wohngegend ging. Es ist eine schöne Wohngegend. Aber sie hat Grundwasser, viel Grundwasser und das "in Schichten" und man muss meist nicht tief graben, um das zu überprüfen. Also wer hier bauen will, vielleicht sogar noch mit Keller, der sollte tunlichst etwas mehr Geld einplanen für Abdichtungen mit Plaste und Chemie und für wirkliche Fachleute, die sich mit so etwas auskennen. Es gibt hier mehr verzweifelte Hausbesitzer als wirkliche Fachleute.

Bei "Streaming" denkt heute jeder zuerst an Video- aber "stream" ist ein englisches Wort aus Zeiten weit vor dem Internet und damals ging es dabei meistens um Wasser. Und irgendwie macht das auch Sinn. Denn die strömenden Video-Daten sind vielleicht noch schwerer zu kontrollieren als Wasser.

"And the winner is... @periscopeco" twitterte Dick Costelo gestern höchstselbst nach dem gefühlt so ungefähr achtzigsten "Boxkampf des Jahrhunderts". Ob der Boxkampf zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao gestern in Las Vegas nun der "Kampf des Jahrhunderts" war, vermag ich nicht zu beurteilen- ich habe vom Profiboxen einfach zu wenig Ahnung und beim Zuschauen immer so ein sicher völlig unbegründetes, aber ungutes Gefühl von Scripted Reality. Dick Costelo wiederum ist der Chef des Kurznachrichtendienstes Twitter. Und zu Twitter gehört "@periscopeco"- mit der App "Periscope" kann man mit seinem Smartphone ganz leicht Video-Livestreams aufnehmen und ins Netz streamen.

"Mayweather vs. Pacquiao" war aber auf jeden Fall ganz, ganz großes Show-Business. Vor allem Business. Denn satte 99,99 Dollar Eintritt wurden verlangt und bezahlt und nein, nicht live am Ring in Las Vegas, da war es wohl deutlich teurer. 99,99 Dollar Eintritt kostete der Kampf als "Pay per View" im Fernsehen. Und genau da beginnt das Problem.

Nein- nicht das Problem mangelnden Zuschauer-Andrangs. Der Kampf begann sogar verspätet, weil wohl technische Probleme bei der Abwicklung des digitalen Massenandrangs auftraten. Das Problem war, dass es noch mehr Livestreams gab. Kostenlose Livestreams. Sehr viel mehr Livestreams. "Periscope" gibt es noch nicht lange. Die App, für die erste Million Downloads brauchte sie gerade einmal 10 Tage, sie wird nun benutzt. Zum Beispiel bei teuren Live-Übertragungen von Boxkämpfen. Wer einen Zugang hat, kann ja nun ganz einfach abfilmen und dann das Netz damit erfreuen. Und es gibt ja nicht nur Twitters "Periscope", sondern auch die Konkurrenz-App "Meerkat", die schon eher da war- nur eben nicht von Twitter. So gewinnt man schnell "Freunde" im Netz und Freunde sind dort eine Währung, die zählt.

Bei "Showtime" und HBO, den autorisierten "Sendern", ist man jetzt sauer. Vor allem auf Twitter. Die Kontrolle und der Schutz der teuren Programme vor kostenloser weiter-Streamerei ist ohnehin schon schwer genug, aber dies hat eine neue Qualität. Dinge wie "Aereo" konnte man ja noch erfolgreich wegklagen. Und jetzt? Noch sind die übertragenen Bilder qualitativ nicht so toll, aber man kann Smartphones schließlich an die neuen Smart-TV ankoppeln und eine bessere Bildqualität ist immer nur eine Frage der Zeit. Schon jetzt gibt es viele Erfolgsmeldungen im Netz zum Thema "ich habe Mayweather vs. Pacquiao von Anfang bis Ende gesehen- und keinen Cent dazu bezahlt".

Sicher wird Twitter jetzt Ärger bekommen und in Zukunft vielleicht Vorkehrungen treffen müssen, so wie Google mit seinem gnadenlosen Content-ID System bei YouTube. Nur ist das mit den Apps so eine Sache wie mit den Köpfen der Hydra- hat man eine erledigt, wachsen zwei neue nach.

Ich glaube, wir stehen am Anfang einer neuen, sehr langen und sehr lustigen Geschichte. Denn möglicherweise haben Streaming-Daten, wenn sie auf Mauern stoßen, noch spitzere Köpfe als Wasser.

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