LIDL kocht- und warum das ein Anfang von einem Ende ist

Foto: obs/LIDL
Die Kamera wackelt ständig. Und das Geschehen ist schlecht beleuchtet. Das ist wahrscheinlich genau so gewollt- schließlich ist es kein Fernsehen, sondern YouTube und dort, so glauben es zumindest die Werber, muss es "authentisch" wirken. Also nicht hundertprozentig professionell. Ich halte das für Unsinn. Genauso unsinnig wie der Glaube, dass YouTube "kein Fernsehen" sei. YouTube ist Fernsehen- nur eben noch mehr als nur Fernsehen, sondern Fernsehen unter anderem auch. Ein neues Fernsehen, das viel mehr kann als das gute, alte Pantoffelkino.

Aber sonst sind die Marketing-Fachleute von LIDL da genau auf dem richtigen Weg. Kolja Kleeberg lassen sie jetzt auf der Video-Plattform kochen, "regelmäßig" soll das bekannte TV-Gesicht ab sofort auf YouTube für den Discounter Zuschauer in seine "Gerneküche" locken. Kochen ist ein großes Thema im klassischen Fernsehen genauso wie für Video on Demand - an entsprechenden Angeboten besteht kein Mangel. Gar kein Mangel. Eher schon ein Überangebot. Eigentlich wird überall so viel gekocht, dass manchem Zuschauer schon schlecht wird.

Es ist also nicht unbedingt gewährleistet, dass die LIDL-Küche auf YouTube ein riesiger Zuschauererfolg wird, der die Abrufzahlen der großen YouTuber toppt. Man wird auch kaum die unwahrscheinliche Botschaft verbreiten wollen, dass Kolja Kleeberg die Zutaten für sein Berliner Edel-Restaurant "VAU" jetzt bei LIDL einkauft. Wozu also macht der Discounter das? Und warum ist es richtig? Statt dessen könnte LIDL mit dem Geld doch mehr TV-Spots senden, die Bäcker aus der Oberlausitz zur Weißglut treiben oder wehrlose Briefkästen mit bunten Prospekten verstopfen.

"Content Marketing" nennt man das, also Werbung mit Inhalten und ein YouTube-Kanal ist darin ein "Owned Media", ein eigenes Medium. Also LIDL wird mit dem Kanal im Prinzip selbst zum Medienkonzern, statt wie früher bei fremden Medienkonzernen für teures Geld Werbung zu buchen. Im Zeitalter von Social Media wird jeder selbst zum Sender. Auch die Firmen. Vielleicht auch bald ALDI und früher oder später einfach alle. Dafür aber reichen die simplen Werbebotschaften der TV-Spots nicht mehr aus. Sender brauchen Publikum. Publikum kommt aber nur, wenn das Programm interessant ist, niemals wegen der Werbung.

Ich weiß nicht, ob die Kochsendung mit Kolja Kleeberg das richtige Programm für den "LIDL-Sender" ist. Aber, um eine andere gute und aktuelle Werbebotschaft zu zitieren, "das Umparken im Kopf" hat beim Discounter-Marketing vielleicht damit endgültig begonnen. Gut möglich, dass auf dem "LIDL-Sender" bald zum Beispiel richtige Reportagen zu sehen sind, wer die aktuellen Produkte wie und wo produziert. Und wir auf Grund solcher Informationen des "Firmensenders" entscheiden können, öb wir das kaufen wollen oder nicht. Gut möglich, dass solche "Firmensender" bald sogar Serien produzieren oder Fußballspiele übertragen, um die Zuschauerzahlen für ihr "Programm" in die Höhe zu treiben.

Es ist der Anfang vom Ende des werbefinanzierten Privatfernsehens, so wie wir es kennen  Denn so wie LIDL werden bald alle anfangen, über die Verwendung ihrer Werbebudgets nachzudenken. Und irgendwann beschließen: Wir gehen auf Sendung. Denn die Wirkung der klassischen Werbung lässt immer mehr nach. Es ist betriebswirtschaftlich unsinnig, Millionen für immer wirkungslosere 30-Sekunden Spots auszugeben wenn man, vielleicht sogar für weniger Geld, einen eigenen Sender haben kann.

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