Goldrausch beim Webvideo - Spotify streamt jetzt auch noch Videos

Foto: Spotify
Fast 200 Millionen Dollar, so hoch war der Verlust im vergangenen Jahr. Nur jeder vierte Nutzer bezahlt. Der weit größere Rest hört kostenlos und werbefinanziert Musik bei Spotify. Trotzdem ist das ein Geschäftserfolg- zumindest in der digitalen Internet-"New Economy". Denn Spotify ist der größte Musik-Streamingdienst der Welt. Eine typische Silicon-Valley-Erfolgsgeschichte also. Oder?

Eher nicht. Denn Spotify kommt nicht aus dem sonnigen Kalifornien, sondern aus der eher kühlen schwedischen Hauptstadt Stockholm. Hey- Europa kann es ! Auch. Es ist aber nicht sicher, dass das gut geht. Denn es ist nun auch schon wieder 17 Jahre her, dass Larry Page und Sergey Brin mit einer "Suchmaschine" ins Internet gingen. Die hatten sogar gar keinen Plan für Einnahmen, fanden damit aber so viele Nutzer, dass ein später darauf eingesetztes geniales und neues Werbemodell die Firma Google so mit Geld zuschüttete, dass sie danach die digitale Welt nahezu komplett erobern konnte. Seitdem gilt es im Internet als Geschäftsmodell zuerst gewaltig zu investieren und erst anschließend, wenn das Geld weg ist, darüber nachzudenken wie man zu frischem Geld kommt.

Ja, früher. Früher war alles so viel einfacher. Ende des 19. Jahrhunderts zum Beispiel hatten (fast) alle Kalifornier auch kein Geld. So stürmten sie damals zu zehntausenden Richtung Alaska, als die Nachricht von Goldfunden im Yukon-Territorium in San Francisco ankam. Bei Jack London kann man nachlesen, was "Alaska-Kid" auf der Wegstrecke am Chilkoot Pass oder beim Floßfahren auf dem rauhen Yukon hinunter bis zur Goldgräber-Metropole Dawson so erlebte. Viele kamen damals dabei um. Nur wenige erreichten das eigentliche Ziel. Denn das eigentliche Ziel war nicht Dawson, das Ziel war ein eigener "Claim"- ein eigenes, kleines Stück Alaska mit möglichst viel Gold im Boden, auf dem man sich sein erträumtes Vermögen erschürfen konnte. Das Land hatte keine Besitzer- man musste es nur als Erster erreichen, es markieren und den "Claim" registrieren lassen. So kam es damals zum wohl größten Wettrennen der Geschichte.

Es sieht so aus, als gäbe es derzeit einen neuen Goldrausch. Das Gold um das es geht, das sind im Jahr 2015 keine glänzenden "Nuggets", sondern es sind die globalen Werbeeinnahmen. Also ein eher weniger glänzendes Gold, aber immerhin trotzdem viele Milliarden an Dollar, Euros oder was auch immer. Und der Claim, von dem derzeit alle träumen, der Claim mit der richtig fetten Goldader, der Claim unserer Tage im Netz ist derzeit das Video. Denn mit Videos kann man Spot-Werbung verkaufen, so wie das Fernsehen, auf dessen Goldader-Claim alle begehrlich starren. Yahoo zum Beispiel rennt mit Pfosten und Hammer in der Hand durch die Wildnis Richtung Video-Klondike. Facebook tut es. Google ist mit YouTube längst da, schaufelt wild und sucht nach dem Claim, der mehr enthält als Lehm, Sand, Steine und Wasser. Und viele andere auch. So wie Spotify. Die streamen jetzt auch "Videos".

Dabei will Spotify mit US-Fernsehsendern, der BBC oder auch Vice "kooperieren". Das hört sich gut an. Das wird den "Risikokapitalgebern" gefallen. Das wird bestimmt ein ganz, ganz großer Erfolg. Denn Spotify, siehe oben, hat ja ganz, ganz viele Nutzer. Die werden dann ganz, ganz viele Videos anschauen. Davor werden ganz, ganz viele "PreRoll"-Werbespots laufen. Und dann gibt es ganz, ganz viel Geld.

Mmmh. Stimmt schon, auch Netz-TV findet viele "Vice"-Videos zum Beispiel richtig gut. Die gibt es bei "Vice" zu sehen. Oder bei YouTube. Im US-Fernsehen bei HBO und jetzt sogar bei uns auf RTL II. Und bei zwölfzig Trillionen Webseiten, die sie irgendwo "eingebunden" haben. Naja, und dann gibt es sie eben demnächst auch noch bei Spotify.

Ich habe da Zweifel. Irgendwie scheint es mir so, als stimmt da etwas nicht bei der Rechnung. Der Claim glänzt, ja, irgendwie schon, so aus der Ferne. Aber möglicherweise findet man vor Ort dann nur die Scherben der alten Whisky-Flaschen von Jack London, die in der kühlen Sonne des Nordens noch glänzen. Der soll einst ziemlich viel- na ja.

Als Google damals mit der Suchmaschine begann, hörte man von den Gründern ständig so komische Worte wie "Nutzererfahrung". Was immer das genau ist, auf jeden Fall wollten sie mir als Google-Benutzer davon die "bestmögliche" bieten. Also meine "Nutzererfahrung" bei Vice-Videos ist oft schon vollkommen in Ordnung. Bei YouTube. Oder bei RTL II. Meinetwegen dann auch bei Spotify. Und es funktioniert wohl auch noch irgendwie mit dem alten Silicon-Valley-Geschäftsmodell. Vice jedenfalls geht es gut. Ganz, ganz viele gucken Vice-Videos. Irgendwo. Und Vice bekommt tatsächlich so ganz, ganz viel Geld. Für Werbespots, ja. Aber auch von den Fernsehsendern wie RTL II. Und dann wohl bald auch von Spotify.

Ob der neue Video-Claim wohl wirklich die Goldader enthält, die Spotify endlich zum Geschäftmodell macht? Oder Yahoo rettet? Und dann noch Facebook zum neuen Herrscher des Internets werden lässt? Für meine "Nutzererfahrung" mit Vice brauche ich Spotify eigentlich gar nicht. Also Abo-Gebühren werde ich dann wohl nicht dafür zahlen. Und Werbeeinnahmen? Nun ja. Der Preis für Werbung richtet sich nach Angebot und Nachfrage. Bei den Werbeplätzen. Und wenn es morgen zwölfzig Trillionen Werbeplätze mehr im Angebot gibt..

Also damals, beim Goldrausch in Alaska, sollen am Ende Händler und Hersteller die Hauptgewinner gewesen sein. Die, die Hacken, Spaten und sonstigen Goldgräber-Bedarf im Angebot hatten. Wenn ich etwas Geld zum Anlegen in Aktien übrig hätte, was nicht der Fall ist- also ich würde mich aus dieser "New Economy" raushalten. Und darüber nachdenken, wer eigentlich die Hacken und Spaten beim "Webvideo" besitzt.

Denn wenn man noch einmal über das Thema "Nutzererfahrung" nachdenkt, dann kommen mir selbst Zweifel ob das da noch lange so gut weitergeht:

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