Der Ruhestörer - Netflix-Chef Reed Hastings war da

Fotos: Netflix
Eigentlich wollte ich dazu nichts weiter schreiben- ein paar Sätze waren ja letzte Woche schon drin. Das hätte auch reichen können- in Berlin war wieder re:publica, dazu gab es die "Media Convention" und der Netflix-Gründer und Chef Reed Hastings gab sich die Ehre.

Denn eigentlich passierte nur das, was diese Internet-Amerikaner immer tun und so viel besser können als wir: diszipliniertes, wohldurchdachtes und ausdauerndes Marketing. Wie dann, wenn sie uns zum Beispiel mit einer überteuerten bunten Uhr verappeln wollen.

Eine der ersten Regeln, die sie dabei perfekt beherrschen: Zu den wirklich interessanten Fragen wird sehr freundlich in der Regel gar nichts gesagt. Zum Beispiel zu der Frage, wie viele in Deutschland denn nun schon wie oft und was auf Netflix schauen und ob sich das Ganze denn rechnen wird. Er sei "sehr zufrieden" sagt Reed Hastings dazu, und Netflix sei in Deutschland "auf Kurs". Schön. Nur das sagen sie immer, diese Marketing-Könner, und es bedeutet weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes. Es bedeutet gar nichts. Man muss wissen, dass er das wohl in jedem Fall sagen würde, außer vielleicht in dem einen bei Netflix aktuell sehr unwahrscheinlichen Fall, bei dem die Büros vielleicht schon verschlossen sind oder zumindest die Mitarbeiter traurig Pappkartons nach draußen tragen.

Aber Reed Hastings hat etwas verkündet. Nichts Neues- etwas, was er schon Jahr und Tag fast ständig und überall erzählt, wo immer er hinkommt. Und jetzt eben auch in Deutschland. Zuerst auf der Bühne der Berliner re:publica. Okay, da sind vielleicht hauptsächlich Freaks. Aber als disziplinierter, wohldurchdachter und ausdauernder Marketing-Mann hat er während seines Deutschland-Besuchs diszipliniert, wohldurchdacht und ausdauernd Interviews gegeben. Und da ist es wohl passiert. In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" wurde eines dieser Interviews gedruckt. Auch in der "Welt am Sonntag" stand was. Auf Papier. So gelangte es wohl an sehr viele deutsche Verantwortliche. Also an die Verantwortlichen, die das Internet daher kennen, dass sie den Praktikanten oder Sekretärinnen gelegentlich gönnerhaft dafür auf die Schulter klopfen, dass sie diesen Kram für sie erledigen.

Unerhörtes stand also da plötzlich auf dem elitären Papier. Reed Hastings hatte gesagt, er habe gehört, dass viele Deutsche am Sonntag Abend sich vor dem Bildschirm versammelten, um pünktlich um 20.15 Uhr den "Tatort" zu schauen. Das fände er "kurios". Er glaube nicht, dass die Deutschen dies in zehn Jahren immer noch tun würden. Fernsehsender wie ARD, ZDF oder RTL seien so etwas ähnliches wie die Festnetztelefone. Jeder habe zwar noch eines, telefoniere aber nur noch per Smartphone. Die Autos hätten einst ja auch die Postkutschen abgelöst.

Da lag ein stummer Aufschrei in der lauschigen Frühlingsluft über dem Land der ZDF-Fernsehgärten. Was? Wie? Der spinnt doch! Ein latentes, kurzes Gefühl der Unsicherheit. Aber dann begann die Maschinerie zum Glück zuverlässig wie immer weiter zu arbeiten. Stefan Winterbauer bei "Meedia" hat das Unbehagen der deutschen Medien-Verantwortlichen redaktionell am besten zusammengefasst. Ganz einfach, indem er alle Mythen, Wachträume und Schutzbehauptungen zur kollektiven Realitätsverweigerung noch einmal schön in einem Artikel konzentriert.

Wie beginnt man? Am besten mit einer guten Headline. "Prophezeiungen" nennt man bei Meedia die Argumente des Mister Hastings. Das ist gut. Denn "Prophezeiungen" kommen sonst nur von den merkwürdigen Leuten, die früher an der Ecke den "Wachturm" anboten. Und überhaupt: Nur wenn es aus einem autorisierten deutschen Gremium käme, erst dann hieße es wohl vielleicht "Prognose".

Aber okay. Wie gesagt, ich weiß eben nur gar nicht wo man anfangen soll, bei all den Illusionen, die Stefan Winterbauer da so niedergeschrieben hat. Fangen wir an mit dem einfachsten- dem Sport. Es sei "PR-Gedöns" von Hastings, so liest man bei Meedia, wenn er von zukünftigen Sport-Großereignissen, gar Fußball-Weltmeisterschaften live per Streaming in 4K Ultra-HD schwärme. So so. Ja, sicher muss dafür die Infrastruktur noch ein gutes Stück wachsen. Und Hastings hat wohl auch nicht angekündigt, dass Netflix das macht. Er hat dabei wohl eher an die Ideen gedacht, die bei der NFL so in Arbeit sind. Und an die Amazon-Cloud, aus der er "sendet"- die könnte vielleicht als erste irgendwann die Kapazität haben, so etwas zu stemmen ohne dabei die Server abzurauchen.

Nein, lieber Herr Winterbauer: Wenn das Fußball-WM-Streaming kommt, dann muss sich möglicherweise weder ein "Sender" noch Netflix Gedanken um "teure Rechte" machen. "Kill the middleman"- so heißt das Prinzip im Silicon Valley und ja, wenn es so weit ist, wird es für FIFA, UEFA und wie sie alle heißen vielleicht am einträglichsten sein, gar keine "teuren Rechte" mehr zu vergeben. Sondern gleich und direkt mit dem Zuschauer per Eintrittskarte abzurechnen. So wie das die US-Football-Liga schon vorbereitet. Wie es beim Boxen aus Las Vegas (fast) sogar schon gemacht wird. Wie es irgendwann auch Fußball-Bundesligen entdecken werden. Wie es sogar das Olympische Komitee wohl schon im Hinterkopf hat, wenn es gerade einen eigenen "Sender" gründet. Die brauchen dann vielleicht Dienstleister und Experten, die wissen, wie so etwas funktioniert. Die gibt es bei Netflix und Amazon. Vielleicht hat Herr Hastings daran gedacht.

Noch einer? Okay. Öffentlich-Rechtliches Fernsehen "dürfte wenig von der neuen Konkurrenz tangiert sein", meint Stefan Winterbauer. Denn dessen Finanzierung sei ja über Rundfunkbeiträge staatlich garantiert. Und seriöse TV-Nachrichten und Dokumentationen seien wenig attraktiv für Werbung und blieben "ureigene Domäne" des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Man muss sich eigentlich nur einmal "Virunga" auf Netflix ansehen, um zu erahnen, wie weltfremd das ist. Oder demnächst das Thema Monsanto von Vice, "jaw dropping" nannten das die, die es auf HBO dieser Tage schon gesehen haben. Als Übersetzung vielleicht so viel: Im Falle von "jaw dropping" schaut man mit offenem Mund.

Und ja, die Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender ist sicher. So lange sie eine werthaltige Gegenleistung dafür erbringen. Zum Beispiel, indem sie die Deutschen in Massen am Sonntag Abend zum Tatort versammeln. Zwar ist es richtig und es sollte viel mehr Beachtung finden, dass die Quote nicht alles ist. Aber Politiker sind nun einmal Politiker und Politiker sind schwach. Sollten irgendwann nur noch wenige Zuschauer Interesse haben, möchte ich den Politiker sehen, der die nächste Gebührenerhöhung verantworten will. Und irgendwann auch den, der bei diesem Vorschlag nicht aufmerksam zuhört.

Am wichtigsten aber und der eigentliche Grund für diesen Beitrag: So lange wir uns hier weiter mit solchen Tagträumereien beruhigen, hat Reed Hastings gut lachen. Der Weg zu den deutschen Zuschauern und zu ihren Geldbeuteln ist für ihn frei. Ja, wir bauen ihm sogar selbst noch eine komfortable (Daten-) Autobahn dafür.

Da sollte eine gute Marketing-Performance schon einmal drin sein:

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