Quote kaputt: Fragmentierte "Vikings" bei ProSieben

Foto: Amazon, © 2014 TM PRODUCTIONS LIMITED T5 VIKINGS II
Diese Wikinger aber auch. Mordend, plündernd und brandschatzend kamen die rauen Gesellen einst über das Nordmeer. Und auch heute noch verbreiten sie Angst und Schrecken, so wie in diesen Tagen bei den Quoten-Verantwortlichen von ProSieben. Gerade einmal 4,4% aller Zuschauer wollten gestern Abend bei ProSieben die letzten Folgen der Free-TV-Premiere der Staffel 2 von "Vikings" sehen. Auch in der "werberelevanten Zielgruppe" waren es nur 7,7%.

Für die Erstausstrahlung einer attraktiven und mit hohem Aufwand produzierten, also teuren, Serie sind das ziemlich ernüchternde Zahlen. RTL II zum Beispiel erreichte mit 6,5% am gleichen Abend fast genau so viele Zuschauer in der gleichen Zielgruppe mit "Lara Croft: Tomb Raider"- also einem Spielfilm, der schon so oft gezeigt wurde dass alle, die Angelina Jolie nicht abgrundtief hassen, ihn eigentlich auswendig können.

Die Schwäche der nordischen Raufbolde kann auch kaum damit zu tun haben, dass die zweite Staffel der Serie schon letzten Sommer bei Amazon Prime eine Zeit lang per Video on Demand zu sehen war. Da war Amazons Streaming-Abo in Deutschland gerade vier Monate auf dem Markt und die Nutzer-Zahlen dürften dementsprechend begrenzt gewesen sein.

Woran liegt es dann? Die Qualität der Serie ist es in jedem Fall nicht. Vikings ist eine US-Erfolgsserie, auch von den Kritikern hochgelobt und es stimmt, die Macher haben großartige Arbeit geleistet. Die Geschichte von Ragnar Lothbrok, dem rastlosen Krieger und Familienvater wird spannend und in faszinierenden Bildern erzählt, fast pausenlose Action lässt keine Langeweile aufkommen. Eine Art "Game of Thrones", nur ohne Drachen.

Auch am Sender kann es nicht liegen. Das gleiche Schicksal kann auch "Hannibal" auf Sat.1 treffen. Nicht einmal die Mutter aller Qualitäts-Serien, "House of Cards", ist vor solchen Problemen sicher. Auf RTL ist "The Blacklist" mit dem großartigen James Spader auch nicht das eigentlich zu erwartende Quoten-Event. Also was ist es?

Ganz einfach: Es ist das Problem mit "dem kleinsten gemeinsamen Nenner". Egal wie großartig gespielt oder gedreht- rauhbeinige Wikinger, die sich gegenseitig mit Äxten auf die Köpfe hauen, sind nun einmal nicht jedermanns Geschmack. Trotzdem wäre ein solches Serien-Event früher, in den goldenen Fernsehzeiten wohl der erhoffte Quoten-Kracher gewesen. Die Auswahl war begrenzt und viele Zuschauer hätten eingeschaltet. Nicht weil sie die Vikings so sehr mochten, sondern weil sie die zur Verfügung stehenden Alternativen noch weniger interessant fanden.

So konnte Fernsehen einst große Zuschauerzahlen zu einer bestimmten Zeit vor einem bestimmten Programm versammeln. Auch wenn dieses Programm nur das geringste Übel war, statt die tollste Show oder das großartigste Drama. Video on Demand, Streaming und Internet sorgen jetzt für ein riesiges, nahezu unbegrenztes Angebot für jeden denkbaren Geschmack. Stets und überall, egal zu welcher Zeit, kann jeder schauen was er will. Wenn er denn weiß, was er schauen will. Aber das ist schon wieder ein anderes kompliziertes Thema.

Fragmentierung nennt man das, wenn die große Zuschauer-Masse so in immer kleinere Gruppen mit immer unterschiedlicheren Interessen zerbricht. Für die "Vikings" ist das kein Problem. Solche Qualitäts-Serien finden bei "Video on Demand" eine wirklich interessierte, loyale "Fanbase", die sich im Laufe der Zeit zur für eine Refinanzierung notwendigen Größe summiert. Serien wie "Vikings" erreichen dann sogar, dank der Globalisierung, riesige Zuschauerzahlen, die wiederum eine aufwendige Produktion ermöglichen.

Nationale Fernsehsender, zumal dann wenn sie sich über Werbung finanzieren, geraten dagegen in immer größere Schwierigkeiten. Früher hätten sie einen Preisnachlass für die Ausstrahlungsrechte von "Vikings" bekommen, der den Schmerz der fehlenden Quote wenigstens etwas gelindert hätte. Heute dagegen werden die Rechte für solche Serien durch die Konkurrenz der Streaming-Anbieter immer teurer. Die Refinanzierung funktioniert nicht mehr.

Man kann durch Zusammenarbeit und Koproduktion oder durch eigene Streaming-Angebote die Probleme etwas abmildern. Aber auch die Programm-Alternative "Scripted Reality" funktioniert nicht mehr wie früher. Die Sender müssen irgendwie ausreichend große Zuschauerzahlen zu einem bestimmten Zeitpunkt vor dem Bildschirm versammeln, sonst fehlen die Werbeeinnahmen. Und das wohl einzige Programm, das zuverlässig noch immer als gemeinsamer Nenner funktioniert, ist hochklassiger Fußball. Und dieses Programm ist nicht beliebig vermehrbar.

Die Probleme wachsen.

Kommentare

  1. Einspruch! :-) Das oben genannte Beispiel ist meiner Meinung nach ein guter Beleg dafür, dass gute Serien (so man denn Vikings für eine solche hält) in den Zeiten alternativer Ausstrahlungsmöglichkeiten, also Streaming, eine höhere Überlebenschance haben. Und auch hier würde ich gern einmal höhere Einnahmen aus Streaming mit niedrigeren Einnahmen aus DVD-Verkauf betrachten.

    Um es kurz zu machen: das Phänomen "Tolle-US-Serie-die-bei-uns-niemanden-interessiert" gab es auch schon früher, in Vor-Netflix-Zeiten. Ein Beispiel: nip/tuck - ab 2004 bei uns in Deutschland zu sehen. Oder auch Ally McBeal 1998 erstmals in Deutschland ausgestrahlt, hier brauchte es bis zum Durchbruch einen zweiten Anlauf.

    Und zuletzt: die Lizenzkosten sind noch immer frei verhandelba. Es wird aktuell nur teurer, wenn man die Streaming-Rechte mit dazu haben will. Oder wenn ein Streaming-Anbieter die TV-Ausstrahlungsrechte mit dazu kauft.

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    1. Ja. Nein. :-) Richtig ist, dass solche Serien jetzt eine "höhere Überlebenschance" haben. Sie werden ja sogar immer mehr gerade auch für die Streaming-Anbieter produziert. Natürlich ist das Thema auch viel komplexer als es sich in einem Blogbeitrag abhandeln lässt. Aber ich bleibe dabei, dass "Vikings" ein schönes Beispiel für die "Fragmentierung" ist. Die einstigen "Zuschauermassen" und damit auch die Geschäftsgrundlage für hohe Werbeeinnahmen verteilen sich auf immer mehr Kanäle und Portale, da sie jetzt Programme genau nach ihrem Geschmack und zu jeder Zeit finden können. Für "Vikings" ist das gut- die Fans werden zuschauen, irgendwo. Aber für ProSieben oder RTL ist das ein Problem.

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    2. Nun noch einmal ich. Wir bleiben unterschiedlicher Meinung. :-). Die Fragmentierung ist meiner Meinung nach älter und schadet den TV-Sendern nicht mehr, eher im Gegenteil.
      Hatte man in der Vergangenheit mit einem breiteren TV-Angebot zu kämpfen, so bietet sich jetzt die Chance, die eingekauften Formate über mehrere Plattformen an den Zuschauer zu bringen, wie z.B. bei Spartacus, das ich wesentlich besser finde als Vikings (Ausstrahlung auf MyVideo & im TV) geschehen. Mit all den Vorteilen, die eine Online-Distribution bringt, d.h. einer gezielten Ansprache passender Zielgruppen über Online Werbung und dem ausstrahlungsunabhängigen Abruf.
      Es wird immer Formate geben, die sich auf einem Markt nicht durchsetzen, und die ein Sender oder eine andere Distributionsplattform als Fehlinvestment abschreiben muss. Den globalen Erfolg vorausgesetzt, muss man als Zuschauer eine Nicht-Fortführung nicht mehr so stark fürchten, weil man in Deutschland nun leichter an die Inhalte kommt.

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