Newtopia- wenn Scripted Reality ungewollt zu wahrem Leben erwacht

Foto: Sat.1
Khihihi. War es ein Praktikant? Naja, schließlich muss überall gespart werden. Oder ein geheimnisvoller Saboteur? Ich möchte jedenfalls nicht der Schuldige im Auswertungs-Meeting sein. Jedenfalls nicht der Schuldige, der "das größte Fernsehexperiment seit Big Brother" öffentlich der Lächerlichkeit ausgesetzt hat. Ganz einfach, indem er vergessen hat, eine Webkamera auszuschalten. Naja, und Chef möchte ich da auch nicht sein. Zu meinen besten Chef-Zeiten hätte ich erst ernsthafte Blutdruck-Probleme bekommen, wäre danach eine Woche heiser vom Schreien gewesen, um anschließend auch noch lange Zeit potentiellen Nachfragern möglichst aus dem Weg zu gehen.

Das "größte Fernsehexperiment", das ist "Newtopia". Und wie alle Utopien dieser Welt, egal ob alt oder neu, schafft "Newtopia" Probleme. Große Probleme. Die entstehen beim Fernsehen, auch bei Sat.1, dann, wenn keiner zuschaut. Oder richtiger, zu wenige zuschauen. So wie bei "Newtopia". Wahrscheinlich weil, ja weil- weil es passiert eigentlich nichts. Jedenfalls nichts, weswegen man zuschauen sollte.

Ein Jahr lang, so lautete jedenfalls der Plan, sollten unterschiedliche und einander wildfremde Menschen als "Pioniere" eine völlig neue Existenz aufbauen. Und wir sollten möglichst alle am Fernseher und im Internet mehr oder weniger live dabei sein. Ob es daran lag, dass die Falschen ausgewählt wurden, oder daran, dass die Deutschen vielleicht generell ein Utopie-Problem haben- es wird wohl für immer ungeklärt bleiben. Aber Sendeminute um Sendeminute verging und es passierte- ja, wie schon gesagt, eigentlich nichts. Und so wurden die Zuschauer immer noch weniger.

Es hätte also auch gut gehen können. Also gut gehen in dem Sinne, dass in diesem einen kritischen Moment nachts um zwei, als es für alle Beteiligten die vielleicht bestmögliche Lösung hätte sein können, die für die böse Panne ideale Zuschauerzahl Null an den Webkameras gerade erreicht worden wäre.

Aber das hier ist Deutschland, und wir haben BILD. Und BILD, so wissen wir es alle, BILD kämpft für uns. Und wenn es sein muss, auch nachts um zwei Uhr vor dem "Newtopia"-Livestream. Also dort, wo um diese Zeit eigentlich mit nahezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur eines passiert: Noch weniger als nichts. Wir müssen nicht zuschauen. BILD schaut wacht für uns.

Und so können wir nun heute lesen und sehen, was wir alle schon immer irgendwie ahnten. Dass diese "Reality" im Fernsehen noch viel mehr "gescripted" wird, als ohnehin schon vermutet. "FAKEtopia" nennt es BILD und irgendwie ist es das dann ja wohl auch, wenn die Beteiligten sich, statt friedlich dem neuen Tag in der neuen Welt entgegen zu träumen, mitten in der Nacht zum Produktions-Meeting treffen. Um dann so etwas Ähnliches zu hören, wie das, was bei der klassischen "Soap Opera" ganz einfach "Regieanweisungen" genannt werden würde.

Und nun? Tja. Wir leben im Zeitalter des "Second Screen". "Shitstorm" heißt es dann, wenn die Zuschauer richtig sauer sind und es kann sogar echte Helden treffen oder prominente Moderatoren. Also auch Sat.1. Die erste Notfall-Maßnahme heißt also: Den Schaden möglichst begrenzen.

"Heute in der Nacht war eine Mitarbeiterin der 'Newtopia'-Produktionsfirma Talpa Germany offensichtlich bei den Pionieren in der 'Newtopia'-Scheune", so lesen wir auf der Facebook-Seite von Newtopia. "Sie hat von sich selbst gesagt, dass sie betrunken sei und dann mit den Pionieren über die Zukunft von Newtopia gesprochen. Dieses Gespräch konnte man über die 360-Grad-Kamera verfolgen. Diese Aktion war nicht mit dem Sender SAT.1 abgesprochen. Trotzdem entschuldigen wir uns aufrichtig dafür. Solche Gespräche sind nicht im Interesse von SAT.1. Wir, das Team von SAT.1, klären gerade auf, wie es zu diesem Vorfall hat kommen können. Wir werden euch so schnell wie möglich über die Hintergründe informieren."

Ach ja. Nee. Doch. Utopia ist also, wenn man nachts um zwei von betrunkenen Produktionsmitarbeiterinnen geweckt wird. Das hätte ich mir doch irgendwie anders vorgestellt. Da hätten sie doch wenigstens Deutschlands neue Super-Models schicken können. Vielleicht in Strapsen. Und für die Mädels bitte Guido Maria Kretschmer. Ach nee- der spielt ja bei dem anderen Verein. Also vielleicht eine Boygroup.

Es geht wohl erst einmal weiter mit Newtopia. Also nicht wie in den Staaten. Aber wenn man mich als Fernsehfreak fragen würde, wie die Newtopia-Kuh noch vom Eis zu bekommen ist, geschähe wohl etwas sehr, sehr seltenes. Denn dazu fiele mir tatsächlich auch nichts mehr ein. Aber möglicherweise hat ja der für die Webkamera zuständige Mitarbeiter schon einen neuen Job im Entertainment-Bereich:

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