10 Jahre YouTube - das Schicksal ist ein mieser Verräter


Es ist eigentlich eine ziemlich traurige Geschichte ohne ein wirkliches Happy End. Hazel und "Gus" sind noch so jung, lernen sich kennen und lieben und müssen wahrscheinlich dennoch bald sterben. Sie haben sich in einer Selbsthilfegruppe für Krebskranke getroffen. Inbesondere das jüngere Publikum liebte "Das Schicksal ist ein mieser Verräter", sowohl als Buch wie danach auch als Film. Sicher, weil es eine berührende Geschichte über die ganz große Liebe ist. Nicht selten aber auch, weil sie YouTube lieben.

John Green, der sich das Ganze ausgedacht hat, ist selbst erst End-Dreißiger und gehört damit wohl gerade noch zur "YouTube-Generation". "Vlogbrothers", so heißt der YouTube-Kanal, den er mit seinem Bruder zusammen schon vor über acht Jahren startete und der wohl auch einer der Gründe für den Erfolg des 2012 veröffentlichten "The Fault in Our Stars" (so heißt das englische Original) gewesen ist. "The Teen Whisperer", so nannte der "New Yorker" John Green und das trifft es wohl ziemlich genau. Eine "ziemlich genau" treffende Übersetzung ins Deutsche fällt mir dazu leider nicht ein. Mehr als 2,5 Millionen Abonnenten und eine halbe Milliarde Abrufe haben die "Vlogbrothers" mittlerweile. Und kennen daher das größte Problem von YouTube sicher sehr genau. Obwohl es dabei leider nicht um die große Liebe geht, sondern wieder einmal nur um das schnöde Geld.

Gestern war das diesjährige "YouTube Brandcast"-Event im New Yorker Madison Square Garden und anlässlich des 10-jährigen Bestehens von YouTube in diesem Jahr ließ man es auch standesgemäß krachen. Bruno Mars persönlich spielte auf für die anwesenden und umworbenen Vertreter der US-Werbewirtschaft. Die vorher jede Menge Zahlen gehört hatten, warum sie auf jeden Fall noch mehr Werbung bei YouTube schalten sollten. Müssen. Gar nicht anders können...

"Unser mobiles Wachstum war so stark in den USA, dass YouTube allein auf Mobilgeräten jetzt mehr 18-49 jährige erreicht als jedes KabelTV-Network", triumphierte YouTube-Chefin Susan Wojcicki- und hatte trotzdem auf das riesige, unsichtbar im Raum stehende Fragezeichen auch keine wirkliche Antwort.

"Where’s the beef?" fragte einst ein legendärer Werbespot der Fastfood-Kette Wendy’s die US-Kunden, um darauf aufmerksam zu machen, dass es beim Burger nicht allein auf die Größe ankommt. "Where’s the beef?" fragen immer mehr große und erfolgreiche YouTuber die Google-Plattform. Die Konkurrenz um die Abrufe wird immer härter, mit immer größerem Aufwand wird immer mehr Videomaterial für YouTube produziert. Die Werbeeinnahmen dagegen werden kaum größer, eher weniger, da der zu langsam wachsende Kuchen an immer mehr Esser verteilt wird. Das einst erhoffte "große Geschäft" bleibt für die YouTuber bis auf wenige Ausnahmen aus. Und selbst die Ausnahmen verdienen ihr großes Geld eher mit den durch ihre YouTube-Popularität möglich werdenden Nebengeschäften als mit ihrem Anteil an den Werbeeinnahmen der Plattform.

Zum vorjährigen "Brandcast"-Event hatte YouTube mit "Google Preferred" wenigstens noch eine neue Idee dazu. Das hat aber anscheinend nicht so wie geplant funktioniert. Oder die zusätzlichen Erträge gingen im explosiven Wachstum der Videoabrufe, insbesondere eben der mobilen und von den Werbern wohl noch weniger geschätzten Abrufe irgendwie unter. Das allgemeine Wehklagen der YouTuber über zu geringe Einnahmen wurde jedenfalls nicht weniger und mit Vessel gibt es nun sogar schon einen Konkurrenten, der versucht, aus diesem Defizit ein eigenes Geschäftsmodell aufzubauen.

Facebook meldet mittlerweile unglaubliche 4 Milliarden ausgelieferte Videoabrufe pro Tag. Durch den automatischen Start und die bevorzugtere Platzierung im Newsfeed entsteht zwar nicht mehr Videoqualität, aber eine Explosion der möglichen Werbeplätze für PreRoll-Spots. Und damit neuer Druck auf die Preise, der durch weitere und noch mehr auf den Markt drängende Konkurrenz auch nicht geringer wird.

Außer einigen Sonderverträgen für die ganz Großen und der nun bevorstehenden Einführung eines gegen Abo-Gebühr werbefreien YouTube fällt Susan Wojcicki anscheinend zu diesem Dauer-Problem nichts Neues mehr ein. Das Schicksal ist ein mieser Verräter- es reicht eben nicht aus, Milliarden Zuschauer täglich zu unterhalten. Wenn das Geschäftsmodell nur gerade so die Kosten deckt, verdient man damit vielleicht trotzdem weniger als Apple mit einer simplen bunten Uhr zum Spielen.

John Green jedenfalls hatte den wohl eindrucksvollsten Auftritt auf YouTubes diesjähriger "Brandcast"-Bühne. Green schilderte, dass die "Vlogbrothers" mittlerweile ein Online-Video-Unternehmen mit 30 Mitarbeitern aufgebaut haben. Sie hätten das Glück, ihre Werbeeinnahmen durch Crowdfunding und Handel ausgleichen zu können- denn diese fielen jährlich um 5 Prozent. Andere YouTuber hätten diese Möglichkeit oft nicht. Viele der stärksten Video-Communitys seien von den Werbetreibenden dramatisch unterbewertet. Das zwänge die YouTuber dazu, andere Wege zu finden.

Sein eindrucksvoller Appell an die anwesenden Werber: Normale TV-Serien wie "CSI Miami" oder "The Blacklist" seien nur "Instrumente der Ablenkung". Die tiefere Wahrheit läge in dem, was Robert Penn Warren als "die Dunkelheit in uns" beschrieben habe. Da gäbe es "das große und schreckliche Gefühl, dass unser Leben und unsere Arbeit sinnlos ist, diese festgekrallte Angst, dass alles, was wir tun, nichts bewirken wird - und CSI: Miami ist unglaublich gut dafür, uns von dieser Angst abzulenken."

Er und andere engagierte YouTuber seien aber nicht "Teil dieses Ablenkungs-Business". Stattdessen seien die besten Shows im "Community-Business" und er schaue sich das an, weil es ihm helfe, "sich mit den Problemen und Fragen herumzuschlagen und sie zu betrachten, da tief in der Dunkelheit."

Hehe- da merkt man den Schriftsteller. Und es geht weiter: Zuschauerzahlen seien der falsche Weg, um den Erfolg und den Wert vieler YouTube-Videos zu messen. "Es ist mir egal, wie viele Leute etwas sehen oder lesen, was ich mache. Ich sorge mich darum, wie viele Leute irgend etwas davon mögen, was ich mache." Und weiter für das Werber-Notizbuch: "Wenn Sie weiter in diesem Zuschauerzahlen-Geschäft bleiben wollen, denke ich, ist das cool. Es ist ein gutes Geschäft- aber ein schrumpfendes. Und Sie riskieren es, ihre Relevanz zu verlieren- für eine ganze Generation von Zuschauern."

(ACHTUNG SPOILER) Gus jedenfalls, Gus muss sterben. Das endgültige Schicksal von Hazel bleibt offen. YouTube braucht eine Lösung. Nicht für die "Katzenvideos", sondern für die YouTuber, die täglich mit großem Aufwand und tollen Ideen in Vorleistung gehen und so die Milliarden an Zuschauern anlocken. Denn Robert Penn Warren werden die wenigsten YouTuber kennen. Aber "das große und schreckliche Gefühl, dass unser Leben und unsere Arbeit sinnlos ist, diese festgekrallte Angst, dass alles, was wir tun, nichts bewirken wird"- ich glaube, das kennen fast alle.

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