Vice News erobert HBO - vom Ende der Nachrichten, wie wir sie kennen

Screenshot: Twitter
Es war wohl so etwas wie ein Ritterschlag. Im Alter von 45 Jahren hat es Shane Smith geschafft- ein 15-minütiges Exklusiv-Interview mit dem US-Präsidenten. Als Journalist ist man damit ganz oben. Und wenn man eigentlich "nur" ein Online-Medium vertritt, ist der Vorgang in den USA zwar nicht ganz so außerhalb jeglichen Vorstellungsvermögens wie bei einem deutschen Staatsoberhaupt, aber auch noch nicht völlig normal.

Denn es kamen eben nicht die New York Times, die Washington Post, CNN oder Fox News zum Interview. Eigentlich kam nur ein Onlinevideo-Macher, der vorher noch das gewöhnliche Publikum da draußen um Anregungen für Fragen gebeten hatte. Und als Erstes die Frage stellte: "Warum sind Sie Präsident? Sind Sie ein Masochist?"

Respektlosigkeit und das Ignorieren bislang geltender ungeschriebener Regeln in der Berichterstattung sind zwei der Erfolgsrezepte von "Vice". Als Arbeitslosenprojekt gründeten drei junge Männer vor gut zwanzig Jahren in Quebec das Szenemagazin "Voice of Montreal". Das "o" in Voice ging bald verloren, aus "Voice of Montreal" wurde "Vice". Heute ist Vice Media unter der Regie seines charismatischen "Chief Executive" und Mit-Gründers Shane Smith.ein weltweit tätiges Unternehmen mit zahlreichen Tochterfirmen. Und nach Meinung der Börse so etwas wie die Nachrichten der Zukunft.

Und Vice expandiert zügig weiter, in neue Themenfelder, ins Ausland oder in neue junge Video-Reporter, die bereit sind dorthin zu gehen, wo sonst kaum noch Journalisten hinkommen. Egal ob in die vom Klimawandel betroffene Antarktis, ins gefährliche IS-"Kalifat" im Nahen Osten oder in von Ebola gezeichnete Dörfer in Westafrika.

Die klassischen Fernsehnachrichten haben das junge Publikum längst verloren - wenn sie noch Nachrichten konsumieren, dann zunehmend on demand oder live. Die Themen aber, die noch jüngere Zuschauer interessieren, lassen diese nicht von "Redaktionen" auswählen- sondern per Social Media. Dort aber gewinnen andere Player als bisher das Rennen um die Aufmerksamleit, wie BuzzFeed- oder eben Vice. "Viele meinen, dass Nachrichten kein Geld verdienen, weil junge Menschen sich nicht für die Nachrichten interessieren. Offensichtlich sind jungen Menschen die News egal- deshalb sind wir erfolgreich", so sieht es Shane Smith. Und hat den Wettbewerb um die Nachrichten der Zukunft vielleicht schon gewonnen.

Denn neben dem Obama-Interview hat Vice in diesem Monat noch einen weiteren, noch bedeutsameren Coup gelandet. HBO gilt in den USA als die TV-Adresse für Qualitäts-Fernsehen. Und der "Game of Thrones"-Sender hat diese Woche sein "teuerstes Inhalte-Geschäft alle Zeiten" abgeschlossen. Nein, keine neue Mega-Serie. Vice wird "Haupt-Nachrichtenpartner" von HBO und bekommt einem täglichen "Vice-Newscast" auf dem Sender. Und noch etliche Sendeplätze für längere Reportagen dazu.

Kein Wunder, dass Smith begeistert ist, wie man im oben festgehaltenen Twitter-Status sehen kann. Denn HBO ist eine Tochter von TimeWarner. Wie auch das einstige Synonym für globale Fernsehnachrichten, CNN. Von denen anscheinend der eigene Konzern die Nachrichten der Zukunft nicht mehr erwartet. Nicht einmal mehr für das klassische Fernsehen.

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