Synchronisieren, bitte: Amazon Originals müssen Deutsch lernen

Jeffrey Tambor in "Transparent" Foto: Amazon
"Wir sind weniger ein Programm für schmale demografische Zielgruppen. Wir machen Programm für die Welt", so erklärte es Ted Sarandos, "Chief Content Officer" von Netflix im Vorjahr auf der MIPCOM in Cannes. Genau so sieht es wohl auch Amazon und genau das ist mit Sicherheit der wichtigste Wettbewerbsvorteil der neuen globalen Streaming-Giganten aus den USA.

Aber wir Deutschen, so wie wir nun einmal sind, stellen die Neuen auf unserem Fernsehmarkt erst einmal vor ein Problem: Synchronisiert euren Kram erst einmal, please. In Deutschland werden nicht-deutschsprachige Filme seit den 1930er-Jahren synchronisiert, ebenso wie in Österreich und der Schweiz. Man hat sich daran gewöhnt und es ist dafür ein Know-How und eine Industrie gewachsen, die vielen Akteuren ein gutes Einkommen sichert und die dafür in der Regel auch grundsolide Arbeit abliefert.

Zwar hört man oft, wie toll es doch sei, dass man bei Netflix & Co. die genialen US-Werke endlich, endlich im Original schauen könnte. Aber das ist eine Zuschauer-Elite, die die Englische Sprache weit besser beherrscht als die große Masse der Bevölkerung. Eine Elite, die sich weit mehr Gehör verschaffen kann, als ihr zahlenmäßig zukommt. Eine Elite, die beim Kampf um Zuschauer-Marktanteile, also um die Masse des deutschen Publikums, eine zu vernachlässigende Größe darstellen dürfte.

Denn, wie gesagt, man hat sich daran gewöhnt und es ist bequem. Fernsehen ist ein "Leanback-Medium". Auch für die, die des Englischen leidlich mächtig sind, ist Übersetzen Arbeit. Und Lesen von Untertiteln ist auch Arbeit. Und das Beste am Fernsehabend ist nun einmal, dass es eben nicht Arbeit ist.

Nun ja, bei Spielfilmen ist dies meist kein Problem. Hollywood hat sich an diese deutsche Spezialität gewöhnt und alles, was hierzulande Geld verdienen soll, wandert ohne große Diskussion erst einmal in die Synchronisations-Studios. Für die Video on Demand-Anbieter ist dies Problem aber noch neu.

Während Netflix sehr darum bemüht ist, seine Eigenproduktionen möglichst sofort mit einer deutschen Tonspur ins Rennen zu schicken, war Amazon dabei bisher deutlich zögerlicher. Zur diesjährigen Pilot-Season waren die Deutschen zur Abstimmung aufgefordert, ja. Aber synchronisiert wurde nicht. Auch bei der ersten Staffel von "Bosch" muss man mitlesen und die zweite Staffel von "Alpha House", dem ersten "Amazon-Original" überhaupt, dämmert schon etliche Monate als "OmU" im Angebot vor sich hin. Kostenkontrolle ist eines der Erfolgsrezepte des E-Commerce-Riesen. Also versuchte man es erst einmal so und warb für das Anschauen der Originale.

Das hat wohl bei den sturen Deutschen nicht funktioniert, denn es gibt erste Anzeichen für einen Kurswechsel. Mehr "Alpha House" in Deutsch wurde angekündigt und für das Aushängeschild der Amazon-Studios, den "Golden Globe"-Gewinner "Transparent", gibt es nun am 10. April in Müchen sogar eine "Launch-Party" zur Premiere der deutschen Synchronfassung. Die Kosten wurden wohl etwas weniger streng als sonst kontrolliert- Hauptdarsteller Jeffrey Tambor wird extra für das Event nach Deutschland eingeflogen.

"Wir freuen uns sehr, diese erfolgreiche und einzigartig erzählte Serie Mitgliedern von Amazon Prime ab dem 10. April auch auf Deutsch präsentieren zu können", so Christoph Schneider, Geschäftsführer Amazon Instant Video Germany. "Transparent wurde von Kunden und Kritikern begeistert angenommen und hat neben den begehrten Golden Globe Awards für 'Beste Serie' und 'Bester Darsteller' noch viele weitere Auszeichnungen erhalten. Wir freuen uns sehr, Hauptdarsteller Jeffrey Tambor zu unserem Premierenevent in München begrüßen zu dürfen."

Ein Premieren-Event für die deutsche Synchronisation einer TV-Serie aus den USA, mit Hauptdarsteller, wahrscheinlich rotem Teppich und allem Drum und Dran. Es gibt Synchronsprecher, die ihr Leben lang die Stimme von Oscar-Gewinnern waren, aber so etwas nie erleben durften. Höchste Zeit also, diese Arbeit endlich auch zu würdigen. Und Amazon? Hat außer Kostenkontrolle noch weitere ganz einfache Erfolgsrezepte. Man registriert Kundenwünsche und reagiert darauf. Und sorgt mit Marketing dafür, dass möglichst viele es auch erfahren.

"Transparent"- ab 10. April auch in Deutsch:

Kommentare

  1. Zeit wird es... Mit einer bloßen Übersetzung ist es in Deutschland auch nicht getan, wie es Vikings gezeigt hat, eine gewisse Qualität muss schon eingehalten werden :-). Danke an (das "gute alte") ProSieben, dass sie sich der Neufassung angenommen haben!

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    1. Ja, der zunehmende Kosten- und Zeitdruck wird da immer öfter zum Problem. Hab gestern Abend auf RTL "The Blacklist" mit James Spader geguckt. Das ist sehr kompliziert zu synchronisieren, weil die Texte der Original-Drehbücher, um Spannung zu erzeugen, oft auf einem schmalen Grat zwischen grandios und albern balancieren. Die Übertragung ins Deutsche lässt es dann hin und wieder ins alberne abkippen. :-)

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    2. Den Kostendruck kann ich nachvollziehen - gute Sprecher und bekannte Stimmen kosten richtig viel Geld - der Zeitdruck sollte aber machbar sein, das klappt bei Kinofilmen in der Regel ja auch ganz gut.
      Die Übertragung/Übersetzung wird meiner Meinung nach immer ein Problem bleiben, was auch kulturell bedingt ist (unterschiedlicher Humor, andere sprachliche Bilder,...). Da ist es auch nicht immer damit getan, das Original zu sehen. Wahrscheinlich wiederhole ich mich - aber ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie ich in London "4 Hochzeiten und 1 Todesfall gesehen habe", zusammen mit ein paar anderen Deutschen. Wir haben an ganz anderen Stellen gelacht als der Rest vom Publikum (vermutlich Engländer) :-).

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    3. Vielleicht macht es ja bald die Cloud selbst und automatisch. :-) http://netz-tv.blogspot.de/2014/05/microsoft-skype-translator-das-tool.html

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