Popcorn, bitte (2) - Netflix will den Kinos einen Oscar wegnehmen

Foto: Netflix
Mit Filmpreisen ist es so eine Sache. So ist es wohl auch mit dem bekanntesten aller Filmpreise, dem Oscar. Ich verrate mal ein Geheimnis: Es genügt oft nicht, einfach nur den Besten aller Filme zu produzieren, ihn ins Kino zu bringen und dann nach dem "and the Winner is" auf die Bühne zu kommen. Denn was das Beste ist, ist immer auch Geschmackssache. Und entscheiden wird eine Jury.

Wo aber Jurys sind, spielen dann oft auch andere Gesichtspunkte eine Rolle. Die Jury sollte die Beteiligten mögen. Und ein Film-Thema muss "en vogue" sein. So wie zum Beispiel das schwierige Thema der "Kindersoldaten", die in zahllosen blutigen Konflikten auf dem leidgeprüften afrikanischen Kontinent mitkämpfen, morden und zerstören. Davon handelt "Beasts of No Nation" mit Idris Elba, der gerade in Ghana abgedreht wurde. Und Idris Elba hat schon einen "Golden Globe" und eine Emmy-Nominierung für seine Hauptrolle in der BBC-Fernsehserie "Luther"- Jurys mögen ihn also.

"Beasts of No Nation" wird deshalb schon vor seiner Premiere als heißer Oscar-Kandidat 2016 gehandelt. Ein Fall also für die Kinoprofis, die das Werk jetzt nur noch so platzieren müssen dass ein optimales Medienrauschen erzeugt wird, welches dann den Film quasi wie auf Flügeln hin zur begehrten Trophäe trägt.

Zur Überraschung aller hat aber Netflix kürzlich die weltweiten Rechte für "Beasts of No Nation" den großen und traditionellen Filmverleihern für immerhin zwölf Millionen Dollar quasi vor der Nase weggekauft. Und will ihn möglicherweise (fast) zeitgleich zum Kinostart auch als Video on Demand der Welt zeigen. Wohlgemerkt einen hoch gehandelten Oscar-Kandidaten. Oscars gehen nur an Filme, die vorher im Kino gezeigt wurden. Und Filme werden prinzipiell zuerst im Kino gezeigt. Nur im Kino. Glauben jedenfalls die Kinos. Alles andere soll möglichst sechs Monate warten, damit das Geschäft mit den Kinokarten nicht leidet.

Oscar, Hollywood, Blockbuster- das ist unser Geschäft, so sehen es zumindest die großen US-Kinoketten AMC, Regal, Cinemark und Carmike. Sie boykottieren Filme, die ab Premiere nicht mindestens 90 Tage exclusiv in den Kinos zu sehen sind, bevor sie, wie auch immer, zu Hause am Fernseher angeschaut werden dürfen. Auch dann, wenn es heiße Oscar-Kandidaten sind.

Das Problem dabei: Es gibt wesentlich mehr Spielfilme als die großen, auf einträgliche Blockbuster-Filmuniversen konzentrierte Kinoketten auf ihren Leinwänden überhaupt zeigen können. Nicht wenige Spielfilme kommen gar nicht in die Filmtheater. Das ist eine Marktlücke, die die Video on Demand-Anbieter besetzen wollen.

Ganz vorn dabei: Natürlich Netflix. Für die Fortsetzung von "Crouching Tiger, Hidden Dragon" hat man sich ja schon die erste große Kinoblockade in den Terminkalender schreiben lassen und wie bei "Tiger and Dragon" ( so der deutsche Titel ) ist man auch für "Beasts of No Nation" nicht ohne Grund optimistisch, dass sich auch bei zeitnaher Netflix-Verfügbarkeit trotzdem noch ein paar Kino-Leinwände außerhalb der Ketten für den Film finden werden.

So wie "The Alamo Drafthouse", eine kleine Kette mit 19 Häusern, dessen Chef Tim League gegenüber Variety erklärte: "Ich glaube nicht an so etwas. Ich schaue mich nach Filmen um, die ich zeigen will und zeige sie dann unabhängig von irgendeiner Veröffentlichungs-Strategie".

Ich denke, der Mann hat Recht. Netflix selbst sieht kaum noch einen Unterschied zwischen Kinofilmen und Fernsehserien. Man produziert Serien auch mit Spielfilm-Aufwand und Serien, so die Netflix-Verantwortlichen, sind halt einfach längere Filme. Das aber stellt die Regeln in Frage, nach denen Hollywood funktioniert und vor allem die Regeln, nach denen es sich finanziert.

Deshalb wird es interessant sein zu sehen, ob die Zeit schon reif dafür ist, dass Oscars an Filme vergeben werden die nicht nach den etablierten Hollywood-Regeln spielen. Denn wie gesagt, entscheiden wird eine Jury. Und die mag dann "Beasts of No Nation" möglicherweise nicht.

Na dann. Nach dem Oscar ist immer auch vor dem Oscar:

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