Geschichten aus der Gruft - Bayern schockiert Zeitungsverleger


1986 war ein ereignisreiches Jahr. In Ost-Berlin tagte der XI. Parteitag der SED. Die DENIC ließ den Datensatz .de für die Internet-Kennung in der IANA-Datenbank anlegen. Nur vier Jahre später, 1990, beschloss die "National Science Foundation" in den USA, das Internet für kommerzielle Zwecke nutzbar zu machen- wodurch es erstmals außerhalb von Universitäten öffentlich zugänglich wurde. Tim Berners-Lee hatte etwa 1989 am CERN die Grundlagen des World Wide Web entwickelt.

Für das "C-Netz" gab es die ersten Mobiltelefone. Sie waren schon klein und leicht genug, so dass man sie in Autos einbauen konnte- also in Kleinwagen eher nicht, eher so ab obere Mittelklasse.

In diesem Jahr also, 1986, erklärte das Bundesverfassungsgericht es sei Aufgabe des Gesetzgebers, Vorkehrungen zu treffen, falls die Konkurrenz durch den Rundfunk eines Tages die "Funktionsfähigkeit der Presse" beeinträchtige.

Jetzt ist es so weit. Meint "die Presse". Und die Ministerpräsidentenkonferenz der Länder hat nicht geliefert. Und wie eigentlich immer sind es diese querköpfigen Bayern, die gut geplante Pläne blockieren. Und wie überhaupt immer wäre dieses ganze zu lösende Problem ohne diese Lederhosenträger erst gar nicht entstanden.

Da hatte doch heimtückischerweise mitten in der Adventszeit, als alle wichtigen Zeitungsverleger längst auf dem Weg in ihre Skihütten oder zu entlegenen Palmenstränden waren, diese ProSiebenSat.1 Media AG aus München vor dem Bundesverwaltungsgericht in letzter Instanz Recht bekommen. Das Recht, auf ihren Sendern auch regionale Fernsehwerbung zu zeigen.

Ein "medienpolitisches Desaster" sei das, meint jetzt der Hauptgeschäftsführer des BDZV, also der Zeitungslobby, Dietmar Wolff. Und er meint damit nicht die Tatsache, dass private deutsche Fernsehsender sich die Erlaubnis zum Verkauf ihrer Dienstleistungen durch sämtliche Gerichtsinstanzen erstreiten müssen. Sondern die "überraschende" Ablehnung des geplanten Verbotes regionaler Werbung durch eben die zuständige Ministerpräsidentenkonferenz der Länder. Die wollen die Idee noch einmal prüfen und eventuell mit dem 18. Rundfunkänderungsstaatsvertrag beschließen- irgendwann. Oder eben auch nicht. Weil die Bayern nicht wollen.

"Was nicht heute geregelt wird, kommt zu spät. Damit legt die Politik einmal mehr völlig unnötigerweise die Axt an die wirtschaftlichen Grundlagen der Verlage", so Wolff weiter. Der Werbemarkt werde bereits jetzt unter den TV-Anbietern neu verteilt. Ja, wenn man gedanklich noch in einem Vor-Internet-Zeitalter koffergroßer Mobiltelefone lebt, kann man das so sehen.

Damals, in der guten alten Zeit, wurden Werbemärkte tatsächlich noch verteilt. Okay, verteilt wird derzeit auch noch- unter globalen Anbietern wie Google, Facebook oder Amazon. Die es wahrscheinlich "amazing" finden, primitiven Eingeborenen dabei zuzuschauen, wie sie sich schon jetzt um zukünftig vielleicht noch vom reich gedeckten Tisch fallende Essensreste prügeln.

Dazu muss man wissen, dass nun die ohnehin oft rührend hilflos im Internetstrudel versinkenden Zeitungskonzerne jetzt auch noch um die Werbeeinnahmen der zahllosen regionalen Dudelfunk-Radioprogramme fürchten, die über vielerlei verschlungene Beteiligungspfade oft Großverlegern gehören. "Wir befürchten ein massives Eindringen der beiden privaten TV-Familien in regionale Werbemärkte“, so der Vorsitzende der "Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk" (APR), Felix Kovac. Um dann gleich die renitenten Politiker mit dem Entzug eines Lieblingsspielzeugs zu bedrohen.

Denn die deutsche Medienpolitik will schon seit vielen Jahren die Radiohörer mit dem Digitalradio DAB+ beglücken. Die aber wissen damit nichts anzufangen und hören ihr Radio ganz einfach wie immer per UKW. Oder eben digital als Internetradio. Wenn jetzt aber schon die Finanzierung des Programms auf dem bestehenden analogen terrestrischen Vertriebsweg schwierig werde, so lässt die APR wissen, dann seien Mehrausgaben beispielsweise für "digitale Vertriebswege ohne Nachfrage auf Hörerseite" nicht zu stemmen.

Ja, dann. Die "Hits der 70er, 80er und 90er Jahre" gibt es vielleicht nicht per DAB+. Was ist, wenn es gar keiner merkt?

"Für uns ist die Streitfrage abschließend geklärt", so ProSiebenSat.1-Konzernsprecher Julian Geist selbstbewußt bei "medienpolitik.net". "Die operative Umsetzung regionaler Werbung läuft bereits. ProSiebenSat.1 bietet seit Februar regionale Werbung an und hat auch schon die ersten buchenden Kunden."

Diese Bayern aber auch. Wo kämen wir hin, wenn alle Bundesländer den Aufbau global konkurrenzfähiger deutscher Medienkonzerne unterstützen würden.

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