Burda macht "TV Spielfilm" zur Streaming-Plattform im Netz


"You get lousy pennies on the web"- mit diesen sieben Worten auf der von seiner Burda Media veranstalteten "Digital Life Design"-Konferenz DLD wurde Hubert Burda zur Legende unter all denen, die meinen, das "Digital Life" zu designen und vielleicht ja oft doch nur selbst designt werden. Hubert Burda ist einer der letzten großen deutschen Verleger und damit das ideale Feindbild jener "digital Natives", die sich für die Zukunft halten und auch sechs Jahre nach Burdas Münchener Feststellung nicht glauben wollen, dass er Recht hat. Es nicht wahrhaben wollen, obwohl es ihr Kontoauszug weiterhin Monat für Monat schwarz auf weiß anzeigt.

In diesem Jahr waren auf der DLD dann die Verleger dran. Er glaube nicht an den Erfolg von Paywalls im Internet. "Das alte Verlegermodell funktioniert nur im Print." Beim Springer-Verlag, dessen ganze Strategie genau darauf aufbaut, war man "not amused". Weil man wohl dort genauso wie die "digital Natives" die Realität einfach nicht wahrhaben will.

Denn die wirkliche Realität ist, dass Hubert Burda, mittlerweile 75, wohl der erfolgreichste deutsche Jung-Unternehmer im Bereich Internetmedien ist. Denn Burda, das ist zum Beispiel Holidaycheck. Oder Xing. Oder die deutsche Huffington Post. Oder, oder, oder. Und "TV Spielfilm". Und die haben da wirklich eine faszinierende Idee entwickelt. Und umgesetzt. Wer eine Ahnung davon hat, was es in Deutschland bedeutet, "mit mehr als 70 Fernsehsendern und Rechteinhabern Vereinbarungen" abzuschließen, der wird es zu würdigen wissen.

Im zweiten Quartal dieses Jahres wird TV Spielfilm seine "digitalen Plattformen" mit dem Live-Signal von mehr als 80 Fernsehsendern verbinden. Überall in Deutschland kann man dann mit nur einem Klick und mit Hilfe der Streaming-Technologie von Zattoo aus dem Electronic Program Guide (EPG) von TV Spielfilm heraus das aktuelle Fernsehsignal aufrufen – am Computer, auf Tablets und Smartphones.

Das wird zum Beispiel auf einem Tablet-PC in etwa so aussehen:

Foto: Hubert Burda Media

Dazu Burkhard Graßmann, Sprecher der BurdaNews-Geschäftsführung: "Mit dem Live-TV-Angebot entwickeln wir unsere Marke TV Spielfilm zu einer multimedialen Plattform, die dank der journalistischen Qualität des EPG und der mit Abstand größten digitalen Markenreichweite deutliche Vorteile gegenüber möglichen Wettbewerbern aufweist. 'TV Spielfilm live' vereint unsere technologische Expertise und hochwertige Inhalte mit konsequenter Konsumentenorientierung zu einem einzigartigen Paid-Service-Angebot."

Ja, würde ich sagen. Oder auf Nicht-Marketing-Deutsch: Das könnte dass sein, was die "Second-Screener" auf dem Tablet, dem PC oder dem Smartphone (auch dafür gibt es eine schöne, bedienungstaugliche Version) wirklich haben wollen.

Denn, so meldet es Burda, "die Funktionalitäten von TV Spielfilm live werden in die bestehenden digitalen Angebote von TV Spielfilm integriert, in den mobilen Betriebssystemen von Android und iOS muss dafür nur die übliche Aktualisierung der Anwendung vorgenommen werden. Notwendig für den Abruf des Live-Signals ist lediglich ein LAN/WLAN-Netzwerk oder eine mobile Datenverbindung (3G oder 4G). Zum Start sind alle über TV Spielfilm live verfügbaren Senderangebote für die Nutzer einen Monat lang kostenfrei."

Und auch die weitsichtigen Erkenntnisse vom Chef werden beachtet: "Dies gilt auch nach dem kostenlosen Testmonat für die Angebote von rund 50 Sendern." Genauso wenig wie Hubert Burdas Erkenntnis, dass man im Netz Geld verdienen muss: "Mit einem Abonnement zum Preis von 9,99 Euro monatlich bleibt auch das Live-Programm weiterer rund 20 Sender abrufbar."

Oder die Interessen der Sender: "Die Sendersignale werden komplett und unverändert wiedergegeben." Oder das eigene Interesse von TV Spielfilm an Reichweite und Markenkompetenz: "Die Redaktion um Chefredakteur Lutz Carstens rezensiert in bewährter Form das aktuelle Fernsehprogramm ebenso wie das Angebot in den Mediatheken und spricht Empfehlungen aus. Über die Verknüpfung zu sozialen Medien können sich Nutzer mit ihren Netzwerken zum aktuellen Programm austauschen."

Da hat jemand nachgedacht über das Internet, "NewTV" und vor allem darüber, was "die da draußen" so wollen wollen könnten. Und dann ein schlüssiges Konzept daraus entwickelt und auch noch investiert, um es umzusetzen. Aus Deutschland. Statt ewig in Konferenzen darüber nachzudenken, wie man denn den störrischen Internet-Usern da draußen denn endlich aufzwingen könnte, was man selbst als Verlag denn so gern hätte.

"Konsequente Konsumentenorientierung", so nennt man das also bei "BurdaNews" und setzt auf eine glanzvolle Zukunft: "Unser Projekt ist eine Antwort auf den Wandel der Mediennutzungsgewohnheiten", so Co-Geschäftsführer Andreas Mayer. "Immer mehr Menschen rufen Bewegtbildinhalte über den Computer oder mobile Endgeräte auf. Der Markt für das sogenannte OTT (Over the Top Television) wächst – und daran wollen wir teilhaben."

Die möglichen "Nutzungssituationen" des Angebots von TV Spielfilm live seien vielfältig - zu Hause, im Büro und unterwegs, das Fußballspiel im Biergarten oder die Lieblings-Serie am Badesee. Haushalte könnten ein zusätzliches TV-Signal empfangen, falls Uneinigkeit über die Programmauswahl am klassischen Fernsehgerät herrscht, so denn überhaupt noch eines vorhanden sei. Konsumenten, die ohnehin nur noch über das Internet fernsehen, weil sie kein TV-Gerät besitzen, fänden bei TV Spielfilm live alle Angebote gebündelt auf einer Plattform.

Ich bin sehr gespannt auf die nächsten Ideen aus dem Hause Burda. Die Huffington Post zum Beispiel ist auch ein heißes NetzTV-Thema, allerdings bisher nur in den USA und nicht in Deutschland, wo sie ein Burda-Lizenzprojekt ist. Man darf aber davon ausgehen, dass der deutsche Lizenzinhaber mit Arianna Huffington über ihr "50 zu 50"- Idee redet und von den Erfahrungen aus "HuffPost Live" partizipieren kann. Auch unter Stichworten wie "Holidaycheck" oder "Xing" würden mir sofort viele "NewTV"-Ideen einfallen.

Handel, Medien, Fernsehen- da wächst etwas zusammen zu etwas völlig Neuem im Internet und noch hat Amazon nicht alles gewonnen.

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