RTL will wieder kreativ werden

Foto: RTL Group
"Aber irgendetwas stimmt nicht mehr. Auf meiner Fernbedienung wandert der Sender von Jahr zu Jahr weiter nach hinten" schrieb Netz-TV vor eineinhalb Jahren, als uns erstmals auffiel, dass RTL schwächelt und dem Programm die geradezu anarchische Kreativität der Anfangsjahre völlig verloren gegangen ist.

Mittlerweile kann man das Problem auch in der RTL-Chefetage nicht mehr schönreden. Der Sender verliert kontinuierlich weiter Marktanteile. Ja, das "Dschungelcamp" zog auch in diesem Jahr wieder jede Menge Zuschauer an. Aber weniger als früher. Und auch dass wäre nicht so dramatisch, wenn "weniger als früher" nicht die Überschrift für fast alle etablierten Programm-Marken des Senders sein könnte und eigentlich geplante neue Programm-Höhepunkte kaum noch Zuschauer für die Werbeblöcke einfangen würden.

Ausgerechnet Konzernchefin Anke Schäferkordt, die die Rendite des Senders auf neue Höhen trieb, gerade indem sie den Ideenreichtum der Anfangsjahre unter Helmut Thoma durch am Excel-Reißbrett entworfenes Scripted Reality-, Casting. und Soap-TV ersetzte, ruft jetzt nach mehr Kreativität. "Wir müssen uns fragen, mit welchen Inhalten wir in Zukunft bei den Zuschauern punkten können", so Schäferkordt im Gespräch mit der FAZ. Ach. Bisher hatte ich gedacht, genau dass wäre die wichtigste Aufgabe eines Senderchefs. Und Senderchef war Frau Schäferkordt auch, bevor sie auf Grund ihrer Controlling-Erfolge in die Luxemburger Konzernleitung aufstieg. Das jetzt als neue Management-Idee nach Jahren des Quoten-Niedergangs zu verkaufen, ist schon sehr smart.

Wie will sie nun die Kreativität wieder herbeischaffen? Sie will "die enge Zusammenarbeit innerhalb der Mediengruppe RTL fördern und Rahmenbedingungen für mehr Kreativität schaffen". Nun ja, solch gut klingende Binsenweisheiten findet man sicher auf Millionen Powerpoint-Folien von Unternehmensberatern. Genauso wie das Arbeiten in "übergreifenden Kreativteams" und an "gemeinsamen Projekten". Das kann man so vielleicht auch in den Geschäftsberichten von Schraubenfabrikanten mit Umsatzrückgang finden. Früher hieß es: "Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis." Oder eben ein "Team", wie es heute so schön dynamisch heißt.

Eigentlich ist RTL ein Sender und die RTL Group ein Konzern, die beide im "NewTV"-Bereich die Zeichen der Zeit verstanden haben. Man hat mit "Clipfish" ein Video-Portal für vorwiegend eigene Inhalte. Auf Plattformen wie YouTube ist man mittlerweile sehr stark vertreten und auch der Zugriff auf die neue Welt der Werbung ist da. Es ist auch richtig, dass durch immer mehr Sender die Quoten immer mehr fragmentiert werden und gute Hollywood-Ware heute an vielen Stellen zu finden ist. Genauso richtig ist es, auf Eigenproduktionen zu setzen, die nur auf RTL laufen. Bloß wird das nichts helfen, wenn niemand die sehen will. Genauso wenig wie es helfen wird, mit Mc-Kinsey-Allgemeinplätzen um den heißen Brei herumzureden. Vielleicht sollte man statt dessen einfach die erfolgreichen neu eingekauften YouTuber mal fragen, wie es geht.

Die erfolgreichen US-Internetkonzerne stellen eine "positive Nutzererfahrung" ins Zentrum aller ihrer Aktivitäten. Helmut Thoma hat genau dass bei RTL einst praktiziert- mach aus den vorhandenen Möglichkeiten dass, was die Zuschauer gern sehen wollen. Controller dagegen machen nur, was mit den geringstmöglichen Kosten die größte Rendite erwirtschaftet- Kunden oder Zuschauer sind dabei egal und nur Mittel zum Zweck.

Frau Schäferkordt müsste also vielleicht nur ihre eigenen Management-Fehler korrigieren. Die Fehler, die sie so erfolgreich gemacht haben. Lustig, oder?

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