Let's Play in Trouble- Nintendo will Geld und Endemol die Zuschauer

Screenshot: YouTube/Legends of Gaming Germany
Nehmen wir einmal an, ich hätte die feste Absicht, ein reicher und berühmter YouTube-Star zu werden. Tja, dann bräuchte ich a) einen Kanal und b) Videos. Videos, die Massen von Zuschauern anlocken. Und genau da beginnt das Problem.

Okay, hätte ich jetzt so ein- oder zweihundert Millionen, dann könnte ich eine richtige Serie mit vielen Folgen und tollen Schauspielern über einen bösen Chemielehrer aus dem Erzgebirge drehen, der zur Finanzierung einer Lungenkrebs-Therapie in US-Spezialkliniken eine Chrystal-Meth-Produktion auf der tschechischen Seite der Grenze aufmacht. Das wäre der sichere Weg zum Erfolg. Leider wird mein Konto aber schon durch die Anschaffung einer einfachen Videokamera sowie eines Laptops mittelmäßiger Leistung für den Videoschnitt über Gebühr belastet. Was dann noch für Möglichkeiten bleiben, dass sieht man auf den meisten YouTube-Kanälen.

Vielleicht war ich ja schon immer der Klassenclown, um den sich auf dem Schulhof alle versammelten, wenn er seine aktuellen Darbietungen präsentiert. Eben ein toller Hecht. Dann kann ich ja der neue Herr Slimani (für den eher mädchenhaften Typus) oder andernfalls wenigstens noch der nächste "Aussenseiter" werden. Was mache ich aber, wenn ich der Typ bin, der schon beim Anblick einer Schulhof-Schönheit keinen ganzen Satz mehr zusammenbekommt, der, über den schon hin und wieder gelacht wird, nur nie dann, wenn er selbst eine Pointe zum Besten gibt? Dann bleibt nur noch der Ausweg "Let's Play-Video".

Logischerweise gibt es deshalb davon sehr viele. Und viele dieser Videos und ihre Kanäle sind sehr, sehr erfolgreich. Denn sie zeigen Action über die reine Darbietung des Videomachers hinaus- es ist schon allein sehr interessant, dem abgefilmten Geschehen im Spiel zuzuschauen. Wenn der Macher dann noch hin und wieder einen guten Kommentar rüberbringt und ein Gefühl für die Community entwickelt, reicht dass aus- er muss nicht unbedingt der Mega-Entertainer sein. Also boomen diese Videos und tragen mittlerweile sogar riesige eigene Plattformen außerhalb des YouTube-Universums wie twitch.tv.

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Hersteller der Spiele begannen, darüber nachzudenken: "Hey, die zeigen doch unsere Inhalte. Was haben wir davon?" "Na, tolles und kostenloses Marketing" werden die Let's Player da rufen und sie haben Recht. Das nützt aber spätestens dann nichts mehr, wenn der erste Hersteller sagt: "Schön und gut- aber Kohle ist besser."

Nun ist es so weit: Nintendo will von den YouTubern einen nicht unbeträchtlichen Teil der Werbeeinnahmen. Oder sogar noch besser: Im "Nintendo Creators Program" gehen die YouTube-Einnahmen sogar komplett an Nintendo und Nintendo zahlt dem Let's Player einen Teil davon später wieder aus.

PewDiePie, der mit mehr als 34 Millionen Abonnenten den größten LetsPlayer-Kanal überhaupt auf YouTube betreibt, findet das nicht gut, kann aber damit leben. Es gebe so viele Spiele, so dass die Youtuber um Nintendo einfach einen Bogen machen würden. Ja. Aber ich würde mit höchstem Interesse für die Nintendo-Idee auch bei allen anderen Firmen rechnen, die Spiele veröffentlichen.

Wer sich bei Nintendos "Creator Programm" anmeldet, muss im Gegenzug keine Urheberrechtsbeschwerden und kostenträchtigen Abmahnungen des Konzerns fürchten. Wer sich nicht anmeldet, für den gilt dann möglicherweise das Gegenteil. Das gilt für YouTube, über dessen weit entwickeltes und automatisiertes Abrechnungs- und Urheberrechtsschutz-System sich so etwas prima abwickeln lässt. Was aber wird dann aus Twitch? Kann gut sein, dass Amazon sich da nach dem "Fire Phone" eine zweite Milliardenabschreibung eingekauft hat. Kann aber auch gut sein, dass die Spiele-Hersteller sich mit einem Großabnehmer dieser Kategorie nicht anlegen werden und sich mit Amazon einigen.

Aber die Attacken auf die Möglichkeit, auch als Amateur reich und berühmt zu werden, kommen jetzt plötzlich von vielen Seiten. Die immensen Zuschauerzahlen für "Let's Play"-Videos locken auch die Anbieter an, die bisher die Zuschauer unterhalten haben. Die Fernsehsender kommen und schicken schon einmal ihre experimentierfreudigen Produzenten vor.

Endemol, ja die, die sonst fürs "richtige" Fernsehen so tolle Sachen wie "Promibigbrother" oder "Wer wird Millionär" produzieren, Endemol hat eine "Digitaltochter" mit dem Namen "Endemol beyond". Das ist im wesentlichen wohl ein YouTube-Netzwerk, so wie Mediakraft, nur (noch?) kleiner und deshalb "Premium". Oder warum auch immer. Das wiederum gibt es auch in Großbritannien, und die hatten voriges Jahr eine Idee. Bisher zwar nicht wirklich erfolgreich- trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb kommt sie jetzt herüber nach Deutschland.

Auf einem YouTube-Kanal mit dem schönen, aber Englisch-Lehrer in Verzweiflung treibenden Namen "Legends of Gaming Germany" gibt es da demnächst mehr als das übliche "Let's Play". Die Zuschauer dürfen dort in einer Art "Social Gaming"-Turnier gegen Let's Player des Netzwerkes antreten. Gespielt wird "Minecraft". Für die Rechte von "Minecraft" hat Microsoft im Vorjahr übrigens stolze 2,5 Milliarden US-Dollar ausgegeben. Also wohl eher "noch" sind "Let's Play Videos" mit Minecraft anscheinend einfach erlaubt. Insgesamt ist die Rechtslage für solche Videos meistens provisorisch irgendwo zwischen unverbindlichen Duldungserklärungen und legaler Grauzone.

Die Let's Player werden sich wohl oder übel daran gewöhnen müssen: Wo Geld zu verdienen ist, erscheint bald auch Konkurrenz auf dem Markt und oft auch noch Schlimmeres wie Urheberrechts-Anwälte mit ihren teuren Folterinstrumenten von "A" wie Abmahnung bis "Z" wie Zustellung.

Endemol hat es gut, die haben Geld. Wenn Utopia in den USA nicht funktioniert, verkaufen sie es eben nach Deutschland. Wenn die deutschen "Legends of Gaming" keine Sau interessieren oder Microsoft plötzlich Geld dafür haben will, dann werden sie halt etwas anderes ausprobieren. Wenn ich jetzt Videokamera und Schnittrechner kaufen gehe, ist mein Konto leer. Dann kann ich nur noch Dinge ausprobieren, die nichts kosten. Aber selbst zum Musizieren auf dem Markt braucht man mindestens ein Instrument und einen Hut. Irgendwie ist das doof. Statt ein reicher und berühmter YouTuber zu werden, werde ich wohl weiterhin arbeiten gehen.

Kommentare

  1. "Was mache ich aber, wenn ich der Typ bin, der schon beim Anblick einer Schulhof-Schönheit keinen ganzen Satz mehr zusammenbekommt, der, über den schon hin und wieder gelacht wird, nur nie dann, wenn er selbst eine Pointe zum Besten gibt?" Ernsthaft? So klischeebeladen ist deine Meinung über Leute die Computerspiele spielen? Wow, da fällt mir echt nix zu ein...

    Anyway, ich finde, die Spielehersteller sollten glücklich über die in den allermeisten Fällen für sie völlig kostenlose Werbung sein. Ich habe mir schon das ein oder andere Spiel aufgrund eines Let's Plays gekauft und schaue mir oft vor dem Kauf eines Spiels ein paar Let's-Play-Folgen an. Gibt mir oft mehr Infos als ein Video-Review von Gamestar oder anderen Spielejournalismus-Seiten. Es mag für Außenstehende meinetwegen seltsam wirken, dass man jemand anderem gerne dabei zusieht, wie er ein Computerspiel spielt. Mich unterhält es jedenfalls seit geraumer Zeit besser als das meiste, was im regulären Fernsehen geboten wird.

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    1. Nein- kein Klischee. Da ist nur von "ich" die Rede- nicht von "die" :-) Ja, die Spielehersteller müssten eigentlich für so viel oft liebe- und mühevoll hergestellte kostenlose Werbung dankbar sein. Aber das sind dem Gewinn verpflichtete Firmen- wenn sie die Möglichkeit sehen, dafür Geld zu bekommen, werden sie es nehmen.

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