Lauschangriff der Smart-TV's- Samsung im Land der Aluhüte

Virtual Reality Headset Samsung Gear VR 2 Foto: Samsung
Vor einiger Zeit hatte ich beruflich einen Termin mit einem Ingenieur, der für öffentliche Infrastrukturen in unserer Gegend arbeitet. Also eigentlich ein intelligenter, gut ausgebildeter Mensch. Nach getaner Arbeit gab es noch ein Gespräch an der frischen Luft- er war Raucher. Der Himmel war blau, die Kondensstreifen der Flugzeuge waren überall zu sehen. "Da sind sie wieder, diese Chemtrails!" bekam ich zu meinem großen Erstaunen zu hören. Der Ingenieur erwies sich trotz partiell zweifelsfrei vorhandenem technischem Sachverstand als fanatischer Anhänger der Verschwörungstheorie, wir alle würden planmäßig von Flugzeugen per Kondensstreifen vergiftet. Auch mein schüchterner Einwand, dass ich aus beruflicher Erfahrung mit dem Flugwesen heraus dies definitiv ausschließen könne, half nicht. Er war offenkundig nicht dazu in der Lage, selbst zu denken. Er konnte nur glauben- oder nicht.

Samsung hat wohl gerade ein "Chemtrails"-Problem mit seinen Smart-TV's. Die gibt es auch mit Sprachsteuerung zu kaufen. Und ordentlich, wie der koreanische Großkonzern wohl nun einmal ist, wird im "End User License Agreement" auch darauf hingewiesen, dass wenn man die Sprachsteuerung einschaltet, diese auch arbeitet. Also gesprochene Worte in die Cloud überträgt, damit diese dort interpretiert werden können und das Gerät dann Sprachbefehle ausführen kann. Dabei, so denkt wohl jetzt möglicherweise das Samsung-Marketing, hätte man es auch belassen sollen.

Aber ein ganz gewissenhafter technischer Redakteur dachte wohl, es der Welt noch genauer erklären zu sollen- und jetzt kann man da lesen: "Please be aware that if your spoken words include personal or other sensitive information, that information will be among the data captured and transmitted to a third party through your use of Voice Recognition." Also man solle möglichst in Gegenwart des Smart-TV's aufpassen, was man sagt- weil, nun ja, das Gesprochene dann anderswohin übertragen würde und private Informationen so an Dritte gelangen.

Das macht jetzt gerade als Schreckensthema im Internet die Runde, viele fühlen sich an George Orwells "1984" erinnert und es ist viel von Datenschutz, Lauschangriff und Abhörskandal die Rede. Obwohl doch allgemein bekannt sein sollte, dass Spracherkennung schwierig und rechenintensiv ist und daher in der Cloud stattfindet. Genauso wie allgemein bekannt sein sollte, dass es im Falle des Bedarfes wesentlich unauffälligere Möglichkeiten zur Menschheitsvergiftung gäbe, als über hunderte Kilometer allgemein sichtbare und physikalisch leicht erklärbare Flugzeug-Kundensstreifen. Man solle am besten keine smarten TV kaufen oder wenn doch, diese dann nicht ans Internet anschließen.

Ob dass dann auch für Smartphones, Spielkonsolen, Laptops mit Mikrofon oder Tablets gilt? Irgendwie erinnert mich die Diskussion immer wieder an den Nonsens mit den Chemtrails. Ganz besonders in Deutschland. Es geht um Glaubensfragen, da wo eigentlich eigenes Denken notwendig wäre. Noch immer wird das Internet als eine Art Telefonsystem verstanden, in dem man nur "für besseren Datenschutz sorgen" müsse und schon wäre alles so schön wie früher.

Noch dringender als zum Thema "Chemtrails" scheint es notwendig zu sein, endlich eine offene Diskussion zu führen, die auch offen thematisiert, was das Internet eigentlich ist. Eben kein "Datentelefonsystem", sondern eine offene Informationsinfrastruktur. Die Cloud, so wird überall mit Begeisterung berichtet, wird bald unsere Autos steuern und sie so sicherer machen. Das wird bestimmt ein Riesenerfolg, wenn sie gleichzeitig nicht wissen soll, wohin man fahren will.

Ja, Spracherkennung in der Cloud setzt prinzipiell voraus, dass Gesagtes auch in der Cloud ist. Und natürlich kann man alles, was einmal in der Cloud ist, auch anderweitig auswerten. Um dann zum Beispiel Werbung zu schicken, weil die Interpretation einen als unmittelbare Kunden-Zielgruppe identifiziert. Oder Drohnen zu schicken, weil man gerade wie ein meistgesuchter Terrorist klang.

Wir haben uns entschieden, das Internet zu nutzen und der "Point of no return" ist längst überschritten. Samsungs "Virtual Reality"-Headset Gear VR 2 kann man zum Beispiel seit voriger Woche auch in Deutschland kaufen. Um sich dann vielleicht so etwas anzusehen. Und auch, wenn man ein Aluhütchen dazwischen klemmt- die Cloud wird dann wissen, welcher Seite der Nachrichten man seinen Kopf zuwendet. Und auch dass kann man dann wieder auswerten. Aber nur so kann es funktionieren. Nur so wird das gewünschte Ziel des Käufers, die virtuelle Welt zu erleben, technisch machbar.

Wir wollen, dass die Cloud uns per Smart-TV unsere Lieblings-Filme liefert und die Kosten korrekt abrechnet. Wir wollen nicht, dass die Cloud weiß, was wir im Fernsehen schauen. Höchste Zeit, diese Schizophrenie irgendwie zu beenden.

Dafür braucht es von Seiten der Anbieter Transparenz und Offenheit, damit wir als Kunden eine bewusste Entscheidung treffen können. Also eigentlich genau dass, was Samsung mit seinen Informationen zum sprachgesteuerten Smart-TV vorbildlich geliefert hat.

Ich gehöre zu denen, die sich irgendwie blöd vorkommen würden, wenn sie damit anfingen mit ihrem Fernseher zu reden. Also betrifft es mich nicht. In diesem Fall.

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