Jetzt neu: Kartoffel-Döner in 3D - Lokalfernsehen bundesweit mit DRF-1

Screenshot: drf-1.de
Heino war da. Und Thomas Anders, die Hälfte von "Modern Talking", die singen kann. "You Can Win If You Want" gab es aber nicht zu hören. Er kann es auch ruhig und jazzig, auch wenn Louis Armstrongs "What a Wonderful World" eine etwas gewagte Programmwahl ist.

In der rheinland-pfälzischen Landesvertretung in Berlin wurde letzte Woche mit einer für Lokalfernseh-Verhältnisse sehr glanzvollen Party der offizielle Startschuss für das "erste Deutsche Regional Fernsehen" DRF1 gegeben. Denn das "erste bundesweite Regionalfernsehen" ist ein rheinland-pfälzisches Produkt. Aus dem "Medienhaus" in Urbar bei Koblenz kommt jetzt "das Beste aus Deutschland Tag für Tag" von "einem Sender für alle 16 Bundesländer". Von einem "Sender", nicht per Internet über einen "Barker Channel".

WTF?? Bundesweites Regionalfernsehen? Kommt Ron Burgundy jetzt doch noch nach Deutschland? Schafft ein regionales Genie vom Rhein jetzt das, woran selbst ein Helmut Thoma verzweifelte? Trotz oder vielleicht sogar wegen der Globalisierung sei das Interesse der Mediennutzer und Mediennutzerinnen an Informationen aus ihrer Heimatregion ungebrochen, so die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer. "Durch das Einschalten von DRF1 können die Menschen mit ihr verbunden bleiben. Sie erhalten Hintergrundberichte und Informationen zu den Geschehnissen von zu Hause. Das trägt zur Vielfalt und Identitätssicherung bei."

Okay, das ist bestimmt richtig. So haben schon einige gedacht, Geld investiert und dann verloren. Es ist zwar richtig, dass (fast) alle Deutschen täglich Brot essen wollen. Trotzdem gehen gerade wieder viele Bäcker pleite oder geben ihr Geschäft einfach auf, weil es sich nicht lohnt. Es gibt hunderte Sorten Brot und jeder mag eine andere. Und ein wenig geht es dem deutschen Lokalfernsehen wie dem Bäckerbrot. Alle erklären ständig, wie sehr sie es mögen. Dann gehen sie zum Discounter und kaufen das billigere Imitat.

Kann DRF 1 den Durchbruch schaffen? Der Sender ist ab sofort auf Programmplatz 550 im Netz von Kabel Deutschland bundesweit zu empfangen. So etwas kostet viel Geld, "Einspeisegebühren" nennt sich das, und im Gegensatz zu den "unverzichtbaren" Großen wie ARD und ZDF muss DRF 1 die Rechnung wohl zahlen. Refinanzieren soll es sich mit "regionaler Werbung". Denn das Programm ist nach Regionen strukturiert, "nach dem Prinzip der Windrose". Eine Stunde Nachrichten wird in Dauerschleife versendet und jede Viertelstunde ist eine andere Himmelsrichtung dran. In "Norden", "Osten", "Süden" oder "Westen" zu denken, schon daran wird das Projekt wohl leider scheitern.

Denn der Zuschauer, bei Lokalfernsehen meist älter, denkt in "Stadt", "Kreis" oder Heimatregion und die Werbeagenturen in "Nielsen-Zielgebiet" statt in Himmelsrichtungen. Das ist aber noch nicht einmal das Hauptproblem- noch problematischer ist das, was wir anscheinend in Deutschland unter Regional- bzw. Lokalnachrichten verstehen. Denn genau das sendet "DRF 1". Es ist toll, es ist löblich, aber ich habe keine Ahnung warum jemand, der nicht unmittelbar betroffen ist, sich das anschauen sollte. Und unmittelbar betroffen sind meist nur einige wenige.

Hani Alhay aus Oldenburg zum Beispiel will als Antwort auf Pegida den Orient mit Deutschland verbinden und hat dafür den "Kartoffel-Döner" erfunden. Das kam im Social-Media-Bereich gut an. "Lecker sieht das farbenfrohe Multikulti-Gericht aus- aber schmeckt es auch?" fragt der DRF 1-Reporter aus dem Off. Dazu gibt es weitere "feel good"- Filmchen aus allen Teilen der Republik, über erfolgreiche Jagdmessen aus Dortmund, Stammzellen-Spender in Jena und dazu verlesene Nachrichten über den Oldtimer-Teilemarkt in Cottbus oder eine "Zusammenarbeit der Erfurter Messe mit Polen im Tierzuchtbereich".

Genau das ist auch die Art von Nachrichten, die bundesweit die Regionalteile der Lokalzeitungen dominiert und die wohl einer der Gründe sind, warum die Abonnenten langsam aussterben. Die Vereinsveranstaltung sowieso in irgendwo war erfolgreich und für das leibliche Wohl der Teilnehmer war bestens gesorgt. Bei DRF 1 gibt es das nun als Fernsehen, garniert mit allerlei Trailer-Trallala aus dem Vorlagen-Baukasten "es muss 3D-Grafik sein, darf aber nichts kosten". ( Wer das Gefühl hat, die Trailer zu kennen: ja, richtig, nur ganz leicht anders. ) Sowie Börsennachrichten, warum auch immer. Insgesamt ist die Sendung für Lokalfernsehen überdurchschnittlich gut gemacht und durchdacht.

Aber "gut gemacht und durchdacht" löst eben nicht das Grundproblem. Das Grundproblem, dass dem Zuschauer aus Berchtesgaden der Oldtimer-Teilemarkt in Cottbus genauso wie die Jagdmesse in Dortmund herzlich egal sind. Er muss darauf achten, dass gerade "Süden"-Viertelstunde ist, wenn er einschaltet. Aber der Süden Deutschlands ist groß. Wenn er Pech hat, gibt es dann einmal im Jahr einsdreißig aus "Berchtesgaden".

Das ist so herrlich retro, dass dem ganzen Projekt auf jeden Fall viel Erfolg zu wünschen ist. Gerade, weil es eigentlich keine Chance hat. Warum? Nun, wenn es aktuelle Nachrichten-Videos aus meiner Stadt gibt, werde ich zum Beispiel innerhalb von Sekunden von YouTube/Google oder Facebook darauf hingewiesen. Und dann: Klick!

Ein Erfolg entgegen aller Prognosen aber schafft Legenden- und Legenden leben ewig:

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