YouTuber im Weißen Haus - ein Niveauvergleich der Öffentlichkeitsarbeit

Screenshot: YouTube
Wieder einmal eine NetzTV-Geschichte aus der Rubrik "für Deutsche unvorstellbar". Seit 2010 (!) stellt sich US-Präsident Barack Obama jeweils nach seiner "Rede zur Lage der Nation" per Videochat auf YouTube oder per Google+ Hangout den Fragen der auf diesen Plattformen zu findenden, vorwiegend jüngeren US-Bürger. Es wird auch ganz offen kommuniziert, das dies Teil der PR-Strategie des Präsidenten ist, mit dem Ziel, auch jüngere Wähler mit seiner Politik zu erreichen.

Dieses Jahr wird das offenkundig erfolgreiche Projekt noch weiter ausgebaut. Zu einer YouTube-Live(!)-Veranstaltung auf dem offiziellen WhiteHouseChannel (!) werden drei YouTuber ins Weiße Haus eingeladen, um den US-Präsidenten zu interviewen. Nein, keine PR-Leute, "Qualitätsjournalisten" oder sonstige verängstigte und brave Stichwortgeberinnen im Business-Kostüm wie auf dem redlich verdient nach wie vor erfolglosen YouTube-Kanal der Bundesregierung. Präsident Obama wird interviewt von Bethany Mota (8 Millionen Abonnenten auf ihrem YouTube-Kanal zum Thema Mode und Make-Up), Hank Green (hat zusammen mit seinem Bruder als "VlogBrothers" 2,3 Millionen Abonnenten) und Glozell Green (Comedy und Parodie, 3,3 Millionen Abos). Also YouTuber, die die jungen Wähler offenkundig erreichen und ihren insgesamt 13,6 Millionen Abonnenten gewiss darüber berichten werden.

Wie gut, dass das Problem mit der Erreichbarkeit der jungen Wähler bei uns unbekannt ist. Die immerhin 539 Zuschauer, die das Video der Bundesregierung mit dem schönen Titel "Merkel: Europa nur gemeinsam stark" in nur einer Woche fand, waren bestimmt auch alle jung. Naja, wenigstens alle außer den geschätzt 480 Mitarbeitern aus Ministerien und Verbänden sowie den Alten.

Ach ja, leider auch "für Deutsche unvorstellbar": Der US-Präsident, der erst kürzlich mit seinem Einsatz für die Netzneutralität auffiel, plant als Hauptthema seiner Rede zur Lage der Nation "bezahlbares Hochgeschwindigkeits-Internet für alle US-Bürger". Und er erklärt schon einmal seinen Wählern, warum. Wieso das 200.000 in den ersten zwei Tagen sehen wollten? Keine Ahnung. Oder doch. Vielleicht einmal ansehen, vergleichen und darüber nachdenken. Vielleicht auch darüber: Die, die den Kanal der Bundesregierung machen, bekommen dafür von uns allen Geld.

Kommentare

  1. Vor einiger Zeit hätte man Merkel noch als Roboter bezeichnen können. Aber das wäre heute den Robotern gegenüber vermessen, die können mittlerweile sicherlich mehr Gefühle zeigen als Merkel.
    Allerdings muss man auch erwähnen, dass in Amerika mMn auch in der Politik gilt: "It's all about the entertainment". Will sagen, die Politik wimmelt dort geradezu -wie andere Bereiche auch- von Selbstdarstellern, die genau wissen, wie man sich ins rechte Licht rückt. Oder könntest du dir vorstellen, dass Merkel oder irgendein aktiver, höhrer Politiker in Deutschland in eine Sendung wie Harald Schmidt gegangen wäre? Also ich kann's mir nicht vorstellen. Obama hingegen war sowohl bei Jay Leno, bei Jimmy Fallon und auch bei Letterman. Und manchmal weiß ich nicht, ob ich unsere drögen, aber nicht selbstdarstellerischen Poltiker besser finde, oder die interessanter wirkenden, aber oftmals selbstdarstellerischen US-Pendants.
    Ach ja: zumindest für die Wahlbeteiligung (http://de.wikipedia.org/wiki/Wahlbeteiligung#USA) scheint das US-Prinzip leider eher wenig auszurichten.

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  2. Entscheidend ist doch, dass Marketing und PR auch in der Politik immer wichtiger werden. Die USA sind uns da nur einen Schritt voraus. Sicher ist das problematisch- denn Marketing hat auch mit Geld zu tun. Wenn Merkel ein Video macht unter dem Thema "Europa: Nur gemeinsam stark" dann wurde ja grundsätzlich auch schon begriffen, dass man für eine politische Position beim Wähler werben muss. Jetzt geht es darum, zu begreifen, dass Werbung nur funktioniert, wenn sie viele erreicht- und dass das auf den traditionellen Wegen nicht mehr funktioniert. Deutschland hat andere Demokratie-Traditionen als die USA- aber Traditionen sind überall in Auflösung begriffen. Pegida oder AfD werben für die Position "Ausländer und Euro weg". Es reicht nicht, zu sagen, dass das falsch ist. Es reicht auch nicht, zu begründen, warum es falsch ist. Man muss dafür sorgen, dass viele es wirklich erfahren. Verkündigung hilft dabei gar nicht. Man muss für seine Position werben, und zwar effektiv werben.

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