Wenn YouTuber sauer sind: Mediakraft im "Ungefilmt"-Shitstorm

Screenshot: YouTube / ungefilmt
Der Vorgang wird vielleicht als Präzedenzfall in alle deutschen Social-Media-Weiterbildungen einziehen, für lange Zeit. Und wenn man, wie ich, davon überzeugt ist, dass Simon Unge kein durch und durch böser Mensch ist, dann muss davor manches vorgefallen sein. Denn seine Abrechnung war fürchterlich, brilliant geplant und exekutiert und die Wirkung war verheerend. Ziel der Aktion war das YouTube-Netzwerk Mediakraft, für welches Unge bis zum gestrigen Abend mit seinen erfolgreichen Kanälen "ungefilmt" und "ungespielt" ein wichtiger "Partner" war.

Aber von Anfang an. Beachten wir zuerst das Datum. Samstag, 20. Dezember. YouTube-Netzwerke arbeiten ähnlich wie Agenturen. Ich weiß nicht, ob es bei "Mediakraft" so ist. Aber bei den Agenturen, die ich kenne, sind an so einem Samstagabend vor Weihnachten die Chefs abgereist in ihre noblen alpinen Skidomizile oder wahlweise auch an exotische und warme Palmenstrände. Das Fußvolk freut sich, nach 350 Tagen der "freien Arbeitszeiteinteilung" endlich einmal wieder zu Hause zu sein. Das Jahr ist im Prinzip erledigt. Check. Läuft.

Das Publikum dagegen ist anwesend, da Feiertage, Urlaube und Wochenenden geballt zusammentreffen, sogar zahlreicher als sonst. Es ist unterhaltungsbedürftig. Es freut sich auf das Weihnachtsprogramm. Zeit für einen ersten Teaser mit einem genialen Hashtag:


Naja, nicht der erste Teaser. Schon am Vortag wurde Publikum organisiert.

Die Spannung steigt.

Und steigt...


Und, tadaa!! Dann kommt es. Samstag Abend gegen 23 Uhr schlägt der YouTube-Torpedo voll in die Breitseite des Mediakraft-Kreuzers ein und die Brücke ist wohl unbesetzt. Da hatte der Hashtag #Freiheit längst Stefan Raab die Twitter-Charts weggenommen und ein überaus zahlreiches Publikum vor den YouTube-Bildschirmen aller Größen versammelt. Mit gut sechsstelligen Follower-Zahlen bei Twitter kann man was bewegen. Unges YouTube-Kanäle "ungefilmt" und "ungespielt" haben zusammen mehr als 2 Millionen Abonnenten. Bis zu diesem Moment sicher zur großen Freude von Mediakraft. Ob man dort schon einmal darüber nachgedacht hat, was passiert, wenn diese alle zusammen plötzlich sauer auf die Firma sind?

Und es wird geliefert. Auch die Dramaturgie hat der YouTuber mittlerweile im Griff. "Ich bin am Zittern, meine Hände sind so zittrig", so Simon Unge, "mit diesem Video treffe ich eine folgenschwere Entscheidung." Er hört auf, Videos in die Mediakraft-Kanäle hochzuladen. Und er geht nicht einfach. Er knallt hinter sich die Tür zu, dass die Ziegel vom Dachfirst fallen. "Ich lasse mich nicht wie einen Scheißhaufen behandeln."

Über alle Social-Media-Kanäle rollt daraufhin ein Shitstorm, der sich gewaschen hat. Mediakraft nahm sogar seine Webseite vom Netz. Die Millionen-Fangemeinde steht zu ihrem Star und hat ohnehin schon länger das Gefühl, dass diese "Netzwerke" nicht mehr wirklich das gute, alte YouTube sind. Der neue Mediakraft-freie YouTube-Kanal von Unge steigt aus dem Nichts mit null Videos aber sechsstelliger Abonnentenzahl. Auf Twitter fragt er zum Schenkelklopfen für die Insider: "Wie ist die Lage?"

Mediakraft braucht dann bis heute gegen 17 Uhr, um sich wenigstens soweit wieder zu sammeln, dass sie eine Stellungnahme auf Facebook zusammen bekommen. "Der Videomacher Simon Unge, auf YouTube bekannt als 'Ungespielt', hat mit uns eine juristische Auseinandersetzung begonnen. Das bedauern wir sehr. Wir hätten uns gewünscht, diesen Streit auf andere Weise beilegen zu können." Das glaube ich jetzt sofort. Und weiter: "Wenn unsere Verträge nicht eingehalten werden, würden wir unsere Geschäftsgrundlage in verantwortungsloser Weise gefährden. Den Weg vor Gericht hat 'Ungespielt' eingeschlagen. Nun sind wir als Unternehmen gezwungen, diesen Weg mitzugehen."

Mögen also die Gerichte entscheiden. Möglicherweise bedeutet "Freiheit" für den YouTuber nur die Freiheit von einem irgendwann einmal unterschriebenen Vertrag. Aber wie die Dinge auch liegen, der Fall wirft die Frage auf, ob denn Netzwerke wie Mediakraft wirklich die YouTube-Zukunft sind. Ob die global zu beobachtenden Aufkäufe durch Medienkonzerne für teils unglaubliche Summen tatsächlich langfristig funktionieren werden. Denn das eigentliche Kapital sind nicht die Netzwerke, sondern deren Stars. Und Stars sind nun einmal kapriziös und schwierig. Nicht nur in Hollywood.

Wenn Vessel mit seinem auf die YouTube-Stars zugeschnittenen Konzept in den USA ein Erfolg wird, werden die Karten neu gemischt.

Bis dahin bleibt es interessant, zu beobachten, wann und wer dieses Video von YouTube entfernt:

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