"The Voice of Germany": GfK-Quoten messen an der Realität vorbei

Foto: ProSiebenSat1
Soso, es war also das "schwächste The Voice-Finale der Geschichte". Glaube ich nicht. Halte ich sogar für völligen Quatsch. Der Sender selbst sieht es natürlich auch anders. "In einem stimmgewaltigen Finale, gespickt mit musikalischen Höhepunkten, überstrahlt Charley Ann Schmutzler (21, Berlin) aus dem Team Fanta alles und gewinnt The Voice of Germany 2014", so die Pressemitteilung von The Voice of Germany. "Sehr starke 17,7 Prozent der 14- bis 49-Jährigen verfolgten ihre Auftritte mit Gaststar Hoizer, ihren Coaches Michi Beck und Smudo und ihrer Sieger-Single Blue Heart. Damit ist das Finale von The Voice of Germany zum Abschluss Tagesmarktsieger am Freitag."

Eilig erklärt sich der Sender also selbst zum Quotensieger - zumindest in der "werberelevanten Zielgruppe" der 14- bis 49-jährigen. Das muss er auch. Denn die großen Werbekunden in Deutschland schlafen tief und fest und vergeben ihre Werbebudgets und damit den eigentlichen Erfolg für einen privaten Fernsehsender nach wie vor nach "GfK-Quoten". Obwohl sich die Welt weiterdreht und man in diesem Jahr den Eindruck hat, die Welt von Fernsehen und Bewegtbild drehe sich so, dass es besser wäre, Sicherheitsgurte an alle Beteiligten zu verteilen.

Man stelle sich den typischen GfK-Haushalt am Abend des "TVOG"-Finale doch nur einmal kurz vor. Als typisch nehmen wir an und das ist sicher so im GfK-Mix gern gesehen: Vater, Mutter, zwei Kids im Teenager-Alter. Was wäre, Stand heute, am Abend zu erwarten? Ganz einfach: Auf der großen Glotze im Wohnzimmer ( ach ja, "Living Room" heißt das jetzt ), und damit der angeschlossenen GfK-Zahlenzentrale, haben die Eltern die Hand auf der Fernbedienung. Zwar gibt es mittlerweile hier und da "Ergänzungen" bei der Zahlen-Ermittlung, aber im Prinzip geht die GfK immer noch vom klassischen "Familienlagerfeuer" aus, dass es so wohl längst nicht mehr gibt. Nein, die Familie wird bestimmt kein gemeinsames "Fernseherlebnis" wählen, welches die GfK dann stimmig auswerten kann.

Nach meiner Ansicht wird die Realität meist so aussehen: Nicht einmal Vater und Mutter schauen noch ein gemeinsames Programm. Einer hat die Fernbedienung. Der andere surft, liest oder schläft und schaut vielleicht hin und wieder mit einem Auge hin. Die Kinder dagegen sind in ihren Zimmern und hängen ebenfalls am WLAN. Und schauen sehr, sehr viel "The Voice of Germany" auf Handys, Tablets oder sonstigem elektronischem Zeug und reden oder lästern darüber im Netz. Und sehr oft schauen sie über solche Geräte auch in den folgenden Tagen irgendwo gemeinsam mit Freunden. Wenn es ganz schlimm kommt für die GfK-Statistiker, sind sie am Fernseher "angemeldet", schauen in Wahrheit gar nichts sondern spielen irgendwelche Ballerspiele und die Bilder von "TVOG" erreichen sie dennoch Tage später auf dem Schulhof.

Die Sender haben das längst erkannt und kaufen sich immer mehr ins Online-Videogeschäft ein oder bauen selbst an passenden digitalen Angeboten. "The Voice of Germany" ist ein schönes Beispiel dafür, wo die "Zielgruppe" wirklich ist. Also eher hier oder da. TVOG-Siegerin Charley Ann war mit ihrer Single sofort nach der Show auf Platz eins der Amazon- und iTunes-Charts. Und ja, "The Voice of Germany" kommt wieder, 2015. Weil es ein Riesenerfolg ist- nur halt im "New TV".

Bitte die Musik nicht so laut aufdrehen. Die Werber könnten geweckt werden:

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