Out of Rosenheim-Cops. Warum die deutsche Serie todkrank ist.

Screenshot: rosenheim-cops.zdf.de/ 
Immer blühen die Geranien. Immer gibt es frisch gebrühten Kaffee im heimeligen Büro. Und immer bittet "Michi" am Schluss die überführten Verbrecher höflich aber bestimmt, ihm zu folgen, damit er sie ihrer gerechten Strafe zuführen kann. Und, gäbe es das "Times Square" wirklich, würden sich sicher nach Drehschluss alle noch einmal dort treffen, um gemeinsam zu rätseln, warum die Leute sich so etwas in Massen anschauen.

Meine Oma liebte einst die Groschenhefte mit Geschichten über Fürsten, Ärzte oder junge, unschuldig Liebende auf Almwiesen, die unter großen Problemen zusammen zum Traualtar fanden. Dafür wurde sie auf ihre alten Tage sogar zur Rechtsbrecherin, denn Einfuhr und Weitergabe von derlei "kapitalistischer Schundliteratur" war in der DDR streng verboten. Für sie als Rentnerin
mit West-Schwester war die Mauer aber durchlässig. So wurde sie zur Schmugglerin und zur heimlichen Zentrale eines illegalen Tauschringes. Aber ihr sonstiger Alltag war wohl fast immer grau und die Hefte waren ihre kleine Flucht in eine andere Welt.

Ist unsere Welt immer noch so grau wie die Welt einer DDR-Rentnerin mit 180 Ostmark im Monat? Wer das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen verfolgt, muss dass wohl annehmen. Denn das Programm besteht zu großen Teilen aus solchen Groschenheften, die sich als "Serie" verkleiden. Und da sind die "Rosenheim-Cops" noch eines der erträglicheren Beispiele. Denn dort sind wenigstens fast immer Schauspieler am Werk, die man auch in richtigen Filmen einsetzen könnte und es gibt sogar Drehbuchautoren mit einem Mindestmaß an Talent.

Im realen Leben wurde gerade der frühere Polizeichef von Rosenheim, Rudolf M., wegen "erheblicher Brutalität" gegen einen polizeilich gefesselten gerade einmal 15 Jahre alten Schüler vom Dienst suspendiert. Die schnuckelige Polizeiwache der "Rosenheim-Cops" ist in Wirklichkeit das Rathaus. Die Innenaufnahmen, so weiß "Wikipedia" zu berichten, würden in den Bavaria Filmstudios sowie in "Drehvillen" an verschiedenen Orten rund um München bzw. im Tegernseer oder auch dem Starnberger Seen-Raum aufgezeichnet.

Ja, es gibt auch einen Bedarf für Serien wie die "Rosenheim Cops". Es ist eine typische Produktion für den "kleinsten gemeinsamen Nenner", eine "heile Welt"-Simulation für einen Feierabend, an dem man nicht mehr nachdenken und sich von bunten Bildern sanft in den Sessel-Schlaf geleiten lassen will. Die Art von Serienproduktion, die in Deutschland mittlerweile eine ganze Generation von Produzenten, Drehbuchschreibern und Darstellern als Handwerk gelernt hat.

Es ist genau die Art von Serie, die im klassischen linearen Fernsehen eine stabile Einschaltquote garantiert. Es ist genau die Art von Serie, die in der in der neuen Welt des Video-on-Demand niemand mehr braucht. Denn das neue Fernsehen ist bewusstes Fernsehen. Es verlangt nach Geschichten, die bewusst zum Anschauen gewählt werden, Geschichten die "social" dann weiter verteilt werden und vielleicht sogar so spannend sind, dass der Zuschauer gar nicht mehr abschalten kann und ganze Staffeln per "Binge Watching" konsumiert.

Groschenhefte reichen da nicht mehr aus. Und dies wird spätestens dann zu einem Zukunfts-Problem, wenn man nichts anderes gelernt hat. Denn aktuelle Daten aus den USA deuten auf einen noch schnelleren Wandel als bisher schon vermutet- die Zuschauer wandern in Massen vom bisherigen "Programm" hin zum a'la-Carte Fernsehen on demand. Und siehe da: Kabel Deutschland meldete gerade "Breaking Bad" als Serien-Hit auf Abruf bei "Select Video". Ja, die US-Serie, die im "linearen" Fernsehprogramm bei "RTL Nitro" niemand sehen wollte. Nicht, weil die Deutschen einen so anderen TV-Geschmack hätten. Sondern weil sie eine reale Welt zeigt. Und weil sie beim Einschlafen stört.

Was wird, wenn plötzlich eine Mehrheit der Zuschauer plötzlich beim Fernsehen gar nicht mehr schlafen will?

Kommentare

  1. Antworten
    1. Für die englischsprachigen Kritiker habe ich noch ein Video ergänzt. Da gibt es das Kernthema in wissenschaftlich und unternehmensberaterisch.

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