"joiz" ist insolvent. Schuld sind immer die Anderen.

Screenshot: joiz.de
Als joiz im vorigen Jahr in Deutschland startete, sollte eigentlich ein Netz-TV-Artikel zum Thema entstehen. Aber außer der Titelzeile "Was soll das?" fiel mir nichts weiter dazu ein. Ein "Social-TV-Sender" wollte die Erfindung aus der Schweiz werden, "interaktiv und transmedial". Aha. "Bei uns ist die Interaktion mit dem Publikum keine Marketingfloskel, sondern unsere DNA", so verriet es CEO Alexander Mazzara DWDL. Das ist toll, dachte Netz-TV, aber mit was?

Das "neue Programmschema" im Herbst war da wohl schon so etwas wie ein letzter Rettungsversuch. "Künftig beginnt die Primetime auf 'joiz' um 17:00 Uhr mit dem Update des Tages 'Noiz'", so lesen wir da und greifen unbewusst zum Taschentuch. "Von Montag bis Freitag liefern die beiden Moderatoren Julia Krüger und Kevin Klose den 'heißesten Scheiß', die Breaking News der Stunde und alles, was Welt und Web an Kuriositäten und Wahnsinn zu bieten haben. Danach folgt wie gewohnt von Montag bis Donnerstag um 17:30 Uhr der 'Living Room', das Live-Talk-Musik-Format auf joiz. Am Freitag ist die Newcomer-Show 'HomeRun' auf dem gewohnten Sendeplatz um 17:30 Uhr zu sehen."

Im Oktober lud man dann den "Quotenexperten" Christian Richter ein zum Thema: "Wie verlässlich sind die TV-Quoten heute tatsächlich?" Irgendwie wurden da wohl die eigenen Sorgen zum Programm erklärt, um dann jetzt im Dezember Insolvenz anzumelden. Oder wie es im Berliner Medien-Stil weichgespült heißt: "Antrag auf Sanierung zur Weiterführung des Unternehmens in Eigenverwaltung zu stellen." Sehr schön. Ich denke, diese Formulierung wird bei Pressesprechern notleidender Unternehmen schnell Verbreitung finden. Und weiter: "Der Social-TV-Sender joiz Deutschland wird restrukturiert und soll in den nächsten Monaten vom Free-TV-Sender in ein Web- und IPTV-Senderangebot umgewandelt werden, das ausschließlich online, über IPTV sowie kostenfreie Distributionsplattformen zu empfangen sein wird. Das Angebot wird wie bisher aus täglichen, eigenproduzierten, interaktiven Sendungen sowie Serien bestehen. Ziel ist es daher auch, möglichst viele der derzeit 65 Arbeitsplätze zu erhalten."

Und schuld sind natürlich die unzuverlässigen Quoten. "Wir wissen, dass joiz Germany sein Publikum hat. Joiz-TV-Formate genießen vor allem im Web und in den sozialen Medien eine hohe Relevanz, wie z.B. die Präsenz unter den Top Ten der deutschen Twitter-Trends. Bedauerlicherweise kann dieser hohe Stellenwert bei der jungen Zielgruppe nicht in der Reichweiten- und Quotenmessung der GfK abgebildet werden. Damit fehlt uns in der Ausweisung durch die AGF/GfK die Reichweiten-Größe, die für die Vermarktung des Free TV-Senders und damit die Finanzierung notwendig sind. Die klassischen TV-Umsätze sind klar unter den Erwartungen geblieben", so Mazzara.

Ja, die GfK-Quoten sind wirklich ein Problem. Aber das war doch auch schon vor dem Start von joiz so. Und wenn ich zu bekannten Bedingungen in einen Wettbewerb einsteige, kann ich nicht nach dem verlorenen Spiel die Regeln reklamieren. Das ist in etwa so, als würde der HSV jetzt noch nachträglich einen Champions-League-Platz reklamieren- weil, wenn die Abseits-Regel letzte Saison nicht so unlogisch gewesen wäre, dann hätten sie ja einen erreicht. Und wenn "die Präsenz unter den Top Ten der deutschen Twitter-Trends" tatsächlich irgend etwas bedeuten würde- tja dann, dann müssten wir in Sachen Fernsehen doch zuallererst noch einmal neu über "WettenDass" nachdenken.

Im Zusammenhang mit Googles Android-TV war ja das im Medienbreich so außergewöhnlich häufig anzutreffende Phänomen des "Silodenkens" hier schon einmal ein Thema. Offenkundig konnte bei joiz auch niemand auf die Welt außerhalb des eigenen Silos schauen. Sonst hätte man doch bemerken müssen, dass man eigentlich nichts anderes anbietet als dass, was die Zielgruppe schon in unglaublichen Mengen von den YouTube-Stars geboten bekommt. Nur eben schlechter. Und als Hauptkanal im linearen Fernsehen- also da, wo die Zielgruppe eigentlich kaum noch anzutreffen ist. Irgendwie hat man als "Social TV" YouTube ja doch im Programm. Und könnte leicht feststellen, dass für die mit insgesamt 65 Mitarbeitern erreichten Abrufzahlen Herr Tutorial alias Sami Slimani zum Beispiel nicht aus dem Bett steigen würde.

Weil die Champions-League der auf Basis von GfK-Quoten vergebenen teuren TV-Werbespots unerreichbar blieb, will man also jetzt "möglichst viele" der 65 Mitarbeiter davon bezahlen, dass man ein "Web- und IPTV-Senderangebot" wird. Also da "sendet", wo die Konkurrenz um ein vielfaches größer und dafür die Werbepreise um ein Vielfaches geringer sind als da, wo man es bisher schon nicht geschafft hat.

Liebe joiz-Macher, ruft doch vorher einfach mal an und fragt nach- bei den Aussenseitern, Ytitty, Herrn Clixoom oder Herrn Tutorial. "Was geht ab?" wäre vielleicht eine sinnvolle Frage. Oder, im Interesse aller bedauernswerten Mitarbeiter, die solchen "Strategen" folgen müssen: Es wird Weihnachten. Geht vielleicht lieber backen mit Sami. Da könnt ihr auch alle "limitierten Produkte" seiner Marke bestellen.



Update 20.05.15: Es geht weiter bei "joiz". Irgendwie. Aber nur im "NewTV":

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