Ihr Interview ist gestrichen- Sony schickt fertigen Blockbuster ins Archiv.

Screenshot: theinterviewmovie.tumblr.com
"In Theaters This Christmas"- daraus wird wohl jetzt nichts mehr. Sony, so heißt es, "habe keinerlei weiteren Pläne zur Veröffentlichung des Films." Ganz Hollywood ist in Aufruhr- denn so etwas gab es noch nie. Dass es mit Freiheit und Demokratie in Asien oft schwierig ist, ist den Filmemachern wohl bekannt. Aber sie wollen doch eigentlich nur spielen- und Geld verdienen.

In Kasachstan war man einst "not amused", als Sacha Baron Cohen sein Filmkunstwerk "Borat - Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen" in die Kinos brachte. Präsident Nursultan Nasarbajew soll sich sogar höchst selbst anlässlich eines Staatsbesuches bei Präsident George W. Bush über den Film beschwert haben. Hat aber nicht geholfen. Sechs Jahre später bedankte sich Außenminister Jerschan Kassychanow öffentlich bei dem Komiker. Das Land, dass bis dahin kaum jemand kannte, wurde durch Borat weltweit zum Begriff. Die Zahl der ankommenden neugierigen ausländischer Touristen hatte sich verzehnfacht.

Diesmal ist alles anders. In "The Interview" bekommen zwei Journalisten (Seth Rogen und James Franco) die Möglichkeit, mit Kim Jong-Un ein Interview zu führen. Die CIA gibt ihnen daraufhin den Auftrag, den nordkoreanischen Diktator zu töten. Nordkorea und die dort regierende Kim-Dynastie ist nicht lustig. Und wenn es um den "geliebten Führer" geht, ist jegliche Art von Spaß vorbei. In einem Brief an den UNO-Generalsekretär bezeichnete die Regierung den Film als "unverhohlene Förderung des Terrorismus sowie eine Kriegshandlung".

Sonys Alptraum begann dann am 24. November. Hacker, die sich selbst als "Die Friedensbewahrer" bezeichneten, griffen die Server der Sony-Studios an und veröffentlichten zahlreiche interne Emails und Dokumente. Dann warnten sie mit Hinweis auf den 11. September 2001 vor einer Aufführung des Films und rieten allen, "sich von den Kinos fernzuhalten." Die Kino-Ketten begannen, die Premiere aus Sicherheitsgründen abzusagen. Sony blieb wohl letztendlich gar keine andere Wahl, als zu kapitulieren.

Geschäfte in der Filmbranche gründen zu großen Teilen auf persönlichen Beziehungen. Sony wird Jahre brauchen, allein um die geschäftlichen Folgen der veröffentlichten internen Dokumente zu überwinden. Es ist sogar zweifelhaft, ob es überhaupt jemals gelingen wird. Und "The Interview" wird noch gravierende weitere Folgen haben- der Schleier einer wachsenden, geschäftsschonenden Selbstzensur für Filmideen und Drehbücher wird sich über das Multimilliarden-Geschäft "Blockbuster" legen.

James Bond oder Rambo werden in Zukunft vielleicht weniger Aufträge bekommen. Was bleibt, ist die Flucht in Filmuniversen, die niemandem weh tun. Die Zukunft gehört sprechenden Bäumen, schießwütigen Waschbären und Monstern aus Blech.



Update 29.12.: Mittlerweile ist "The Interview" doch noch in der Öffentlichkeit angekommen- in einigen wenigen Kinos und mit großem Erfolg "on demand" im Internet. Obwohl der Film qualitativ nach weitgehend übereinstimmenden Meinungen eher so "naja" ist.

Aber sogar Präsident Obama hatte sich geäußert und das Vorgehen von Sony als "Fehler" bezeichnet- der Aufruhr in Hollywood war insgesamt riesig. Ob es wirklich die Nordkoreaner waren, die Sonys Server hackten? Man wird es wohl nie wirklich sicher wissen. Genauso wenig, wie man erfahren wird, ob die Ankündigung "adäquater Reaktionen" durch den US-Präsidenten in irgendeinem Zusammenhang zum mehrfachen Totalausfall der ohnehin rudimentären Verbindungen von Nordkorea zum World Wide Web in den letzten Tagen steht.

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