Gebührenfinanziert- warum ARD und ZDF am Zuschauer vorbei produzieren

Dr. Florian Kerkau Foto: Goldmedia
Morgen fangen sie an, meint die FAZ. Das "Goldene Zeitalter des Fernsehens" mit Qualitäts-Serien auf "Breaking Bad"-Niveau wird auch Deutschland erreichen. Statt des allabendlichen öffentlich-rechtlichen Einschlafprogramms für die Zielgruppe ab 70 werden uns packende Serien und Filme aus deutscher Produktion an den Bildschirm fesseln.

In der Psychologie kennt man die typischen Phasen der Problembewältigung. Menschen wie Persönlichkeiten sind unterschiedlich, aber wenn jemand in eine Krise gerät, ist die erste typische Phase die des Nicht-Wahr-Haben Wollens. Bei größeren Organisationen, zum Beispiel Fernsehsendern, heißt dass, man erklärt das allgemein Offensichtliche für nicht existent.

Oder aktuell gesagt. Okay, diese Netflixe zeigen jetzt auch hier Serien wie "House of Cards" oder "Breaking Bad". Ja, irgendwie ist da auf dem deutschen Fernsehmarkt da auch eine Mauer gefallen. Einst stürmten wir Ossis da durch und stellten erstaunt fest, dass es im Winter auch anderes Obst als Kohlköpfe gab und genossen die neue Konsumfreiheit. Heute durchbricht der deutsche Fernsehzuschauer mit Hilfe des Internets die Mauern und statt debiler Heilewelt-Geschichten von Nonnen, edlen Adligen aus Cornwall oder stets ökölogisch korrekten Kommissaren, die jeden Fall zuverlässig aufklären sehen sie plötzlich staunend auf eine Welt voller fesselnder Geschichten zum Anschauen statt Einschlafen. Und haben beim Abbuchen des Rundfunkbeitrags zunehmend das Gefühl nicht erbrachter Gegenleistung.

Aber, so schallt es da aus den großen Funkhäusern, jetzt geht es los. Jetzt werden revolutionäre neue Serien beauftragt, geschrieben und auch bestellt. Und vielleicht sogar schon nächstes Jahr gesendet. Ganz bestimmt. Wahrscheinlich deshalb wurde der Vertrag für die "Sachsenklinik" gerade bis 2017 verlängert. Und vorsichtshalber noch ein Serien-Ableger mit dem Titel "In aller Freundschaft - Die jungen Ärzte" dazu erfunden.

Nichts gegen die "Sachsenklinik". Da gibt es noch weit schlimmeres, wie zum Beispiel "Dr. Klein" im ZDF. Oder die Degeto-Schmonzetten, in denen vorzugsweise blonde deutsche Frauen exotischen Ländern der dritten Welt erklären, wo es lang geht und wie man die süßen Babys rettet.

Die renommierte Beratungsfirma Goldmedia gibt zum Ende jeden Jahres ihren "Trendmonitor" heraus. Darin steht, wo der Markt in den Bereichen Medien, Telekommunikation, Entertainment und Internet sich nach den Erkenntnissen von Goldmedia im kommenden Jahr hin entwickelt. Für den Mediendienst Kress gibt es immer schon vorher ein paar "Vorgucker". Also, der Fernsehmarkt 2015 entwickelt sich (Überraschung!) in Richtung Internet.

Viel besser aber: Dr. Florian Kerkau von Goldmedia hat dort diesmal den Grund der Misere für die Branche völlig untypisch einfach einmal direkt benannt: "Den Wandel im TV-Markt bekommt auch die deutsche Produktionslandschaft immer stärker zu spüren", so Kerkau. "Durch das überwiegend gebührenfinanzierte Fernsehsystem in Nachkriegsdeutschland konnte sich keine international konkurrenzfähige Produktionsindustrie etablieren. Investoren taten sich auf dem heimischen Markt stets schwer und die aus Gebühren und Förderungen entstandenen Produktionen (insbesondere im Fiktion-Bereich) gehen oft an den Interessen der deutschen und besonders an denen der internationalen Zuschauer vorbei. Internationaler Erfolg bleibt für deutsche Produktionen somit die Ausnahme."

Also: Selbst wenn sie jetzt wirklich wollen würden, würden sie es nicht können. Genau so wenig wie die DDR keine Bananen und Apfelsinen liefern konnte. Auf den Zuschauer, der tatsächlich zuschauen will, ist das System nicht vorbereitet. Genauso wenig wie die Planwirtschaft auf den Wunsch nach Bananen.

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