Facebook, Amazon machen Tagesschau wie Tageszeitung überflüssig

Screenshot: Facebook / ABC World News Tonight with David Muir
Und nun? Es war nur eine Frage der Zeit, bis es losgeht. Ron Burgundy ist auf Facebook angekommen. Oder besser gesagt ABC's "World News Tonight"-Anchorman David Muir. Aus dem ABC-News Hauptquartier in New York gibt es jetzt täglich "Facecast: The One Thing"- die "erste tägliche Nachrichtensendung für Social Media mit einem Sprecher aus den Abendnachrichten", wie der US-Sender es stolz verkündet.

Eigentlich ist Facebook nichts anderes als die Summe von allem, was die Tageszeitungen in den den letzten 10 Jahren versäumt haben. Viele Jahre vergingen, bis diese überhaupt bemerkten, dass das Internet nicht wieder weggeht. In Deutschland kranken selbst die aussichtsreichsten Versuche der Zeitungskonzerne beim Aufbruch in das neue Medienzeitalter immer noch am nicht ausgeträumten Traum, die schöne vergangene Zeit der "Abonnements" irgendwie doch noch in die Zukunft zu retten.

Mark Zuckerberg baut derweil unverdrossen am globalen Medium für die Zukunft. Während die Zeitungen Nutzerkommentare im Internet als lästig empfanden, am liebsten ganz unterbinden oder zumindest noch immer umfangreiche und komplizierte Prozeduren und Regeln dafür erfinden wollen, baute Facebook an eine globale Plattform zum Austausch der Erlebnisse, privaten und auch journalistischen Nachrichten für die Nutzer. Sie nahmen das Angebot an. Jetzt erwächst daraus ein Medium der neuen Zeit. Die Zeitungen dürfen da im Austausch gegen ein paar Glasperlen beziehungsweise Klicks noch kostenlos zuarbeiten. Und es geht weiter in die Richtung, die auch die Internetnutzer offenkundig gehen- bewegte Bilder und Fernsehen.

"Die perfekte personalisierte Zeitung" soll es laut Zuckerberg werden und echte journalistische Inhalte werden schon seit einiger Zeit vom Algorithmus des Newsstreams bevorzugt. Und Facebook hat auch begriffen, dass Videos, bewegte Bilder, kein dank besser bezahlte Werbespots renditeträchtiges "Beiwerk" zur Quersubventionierung des "Qualitätsjournalismus" (also des Lesens) sind, sondern der Kern jeder zukünftigen Berichterstattung. Wie bei eigentlich allen der neuen globalen Medien, Vice zum Beispiel. So wurde LiveRail übernommen, damit die Werbespots kommen. Konsequent setzt der Social Media Gigant verstärkt auf Video-Inhalte, so konsequent, dass es mit dem automatischen Start der Videos im Newsstream fast schon wieder nervt. Und jetzt kommt der eigene Content. Vom Kooperationspartner ABC News, sicher bald von weiteren Partnern und vielleicht bald auch aus eigener Produktion.

Eigentlich alles ganz einfach zu begreifen. Für Leute mit Schulabschluss, wie sie in der Regel in den Chefetagen von Zeitungskonzernen sitzen, sollten fünf Minuten Nachdenken reichen. Wieso denken sie nicht nach? Die Antwort hab ich bei Amazons Jeff Bezos gefunden, der gerade erklärte, wieso er privat im Sommer 2013 die "Washington Post" übernommen hat. "Ich habe keinerlei Ahnung vom Zeitungsgeschäft", so Bezos. "Aber ich weiß manches über das Internet. Dies, zusammen mit der finanziellen Startbahn, die ich zur Verfügung stellen kann, ist der Grund, warum ich die Post gekauft habe."

Die renommierte Qualitätszeitung Washington Post gibt es jetzt kostenlos als Werbegeschenk auf Amazons Kindle und demnächst als Abonnement. Für, so hört man, einen Dollar. Im Monat, nicht pro Tag. Und noch etwas zum fünf Minuten Nachdenken: "Die Post hat das Glück, die Zeitung aus der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein", so Bezos. "Das ist ein großartiger Ausgangspunkt für den Start einer nationalen und sogar globalen Publikation." Und, zum fünf Minuten Nachdenken für die Fernsehsender: Facebook gibt es als App auf modernen SmartTV und das "Video"-Angebot der Washington Post ist eher schon ein Nachrichten-"Sender".

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