Amazon Prime Video: Schenken ist tödlich. Für die Konkurrenz?

Foto: Amazon, © 2014 TM PRODUCTIONS LIMITED T5 VIKINGS II
Zu ihren Lebzeiten waren die Wikinger nicht so beliebt wie heute. Das liegt wohl vor allem daran, dass sie oft, statt mühevoll selbst Ackerbau und Viehzucht zu betreiben lieber loszogen und einfach anderen alles wegnahmen, was sie zum Leben so brauchten. Als das Geschäftsmodell dann ausgereizt war, wurden sie Händler. Zu verschenken hatten sie in der Regel wohl nichts. Wenn im Video-on-Demand-Bereich jemand ruft: "Die Wikinger kommen", denken mittlerweile wohl alle, die dort ein profitables Geschäft aufbauen wollen: "Oh Gott, Amazon". Und die wirkungsvollsten Schwerter und Keulen dieser neuartigen Wikinger sind anscheinend Geschenke.

Eigentlich wollte ich aus Gründen der Ausgewogenheit weniger über Amazon schreiben. Deshalb erst einmal eine andere Geschichte. Es war ein trüber Novembertag wie heute, als ich zum ersten Mal den "Großen Basar" in Istanbul besuchte. Heerscharen fliegender Händler belagerten den Eingang. Als wir wieder herauskamen, ging ein mit viel Wind und Wasser vermischter Schneeschauer über dem Bosporus nieder und verwandelte alles in eine Mischung aus matschigem Dreck und dem Gefühl "nur weg hier". Wir rannten im Laufschritt achtlos durch die Menge der offensichtlich an diesem fast touristenlosen Tag noch völlig einnahmefreien Gewerbetreibenden zurück zum rettenden Eingang des Touristenbusses. Als ich die Stufe der Bustür erreicht hatte, schaute ich mich einen Moment nach den folgenden Mitreisenden um. Ein kleiner, sehr alter Händler mit geradezu klischeehaftem Basari-Gesicht mit Bart ergriff die Chance, sprang auf mich zu, hielt mir einen kleinen alten Teppich direkt in 5 Zentimeter Abstand unter die Nase und brüllte mich mit voller Kraft und einem offenkundig gelernten deutschen Wort an: "Umsonst!!". Ich war zu erschrocken und überrascht, um das neue Geschäftsmodell auf Stichhaltigkeit zu überprüfen. Aber wenn selbst türkische Teppichhändler mit jahrzehntelanger Erfahrung es nutzen, muss es irgendeinen Vorteil versprechen.

Nun ist Amazon Prime Video nicht "umsonst". Okay, umsonst könnte es sein, aber nicht kostenlos. Aber fast. Denn 49 Euro im Jahr, so sagt der Rechner, sind genau 4,0833 Euro im Monat. Und das ist ja sogar noch zuviel. Der Prime-Service von Amazon kostete vor der Video-Zeit 29 Euro im Jahr. Also ergibt sich ein theoretischer "Prime Video"-Preis von 20 Euro, also 1,6667 Euro im Monat. Alles, was ich bisher über Betriebswirtschaft gelernt habe, sagt mir hier: das kann so nicht stimmen. Wie beim türkischen Teppichhändler. Vielleicht ist der Teppich umsonst, aber die Fransen kosten dann 100 Euro. Oder es gibt ihn nur zusammen mit einer echt antiken Vase. Nicht bei Amazon. Die legen bei Nachfrage fast pausenlos noch kleinere Teppiche kostenlos dazu.

So gibt es für "Prime Video"-Nutzer jetzt die Möglichkeit, Fotos in "unbegrenzter Anzahl" (!) im Amazon Cloud Drive zu speichern, wo sie "sicher und jederzeit abrufbar sind." Da geht gerade ein Google-Drive-Geschäftsplan kaputt. Und das ist noch längst nicht alles: UHD-Streaming soll es bei Amazon Prime ohne Aufpreis geben. Nochmal ganz langsam: UHD. Kostenlos dazu. Das ist Fernsehen in der vierfachen Auflösung dessen, was für RTL und Co. bei HDplus 60 Euro im Jahr extra für "schärfer als die Realität erlaubt" kosten soll. Also 11 Euro mehr Aufpreis als Amazon Prime insgesamt kostet.

Vielleicht ist Jeff Bezos ja irgendwann pleite und muss in Istanbul vor dem Basar Teppiche verkaufen. Aber aus Sicht der "NewTV"-Branche sieht es eher so aus, als würden am Horizont immer mehr Schiffe auftauchen, aus denen rauhe Kerle mit Schwertern, Äxten und Keulen ins seichte Wasser am Ufer springen...

Wir schalten um zu "Amazon Echo".

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