Netflix ist globalisiertes Fernsehen- Ted Sarandos auf der MIPCOM

Fotos: Netflix, MIPCOM
Es gibt Tage und Nachrichten, da hat man das Gefühl, dringend und andauernd mit dem Kopf auf die Tischplatte aufschlagen zu müssen. Zum Beispiel dann, wenn das Handelsblatt meldet, "Branchengrößen" wie Brainpool und Beta Film arbeiteten "offenbar mit ARD-Beteiligung" an einer "Online-Plattform", die "Netflix Konkurrenz machen" solle. "Wir prüfen derzeit, ob es möglich ist, ein wirtschaftlich tragfähiges Angebot zu entwickeln, das kartellrechtlich unproblematisch ist", habe "eine mit dem Projekt vertraute Person" dem Handelsblatt erzählt. Und dieser Quatsch wird dann landauf, landab im Internet weiter abgeschrieben und ausgeschmückt. Ja, öffentlich-rechtliche Sender arbeiten mit anderen beim Thema Internet durchaus kreativ zusammen. Aber "Netflix-Konkurrenz"- das ist schlicht und ergreifend Unsinn.

Ob die Beteiligten, die solch Unfug in die Welt setzen, den Begriff "Globalisierung" vielleicht doch schon mal gehört haben? Schließlich kann man dem kaum entgehen. Noch öfter als Unsinn zum Thema Netflix hört man den Begriff schließlich landauf landab, meist bei den eher unangenehmen Dingen. Man wolle dies oder jenes ja eigentlich gar nicht, aber "die Globalisierung" zwinge leider dazu. Meistens wenn man Leuten etwas wegnehmen will, die ohnehin nicht allzu viel haben. Oder auch, wenn Produktion eingestellt wird, die anderswo billiger zu machen ist.

Wie erklärt man nun Globalisierung? Vielleicht wie Ted Sarandos, "Chief Content Officer" von Netflix jetzt auf der MIPCOM: "Wir sind weniger ein Programm für schmale demografische Zielgruppen. Wir machen Programm für die Welt". Mit "schmale demografische Zielgruppe" sind auch wir gemeint. Das hat er zwar direkt aus Gründen der Höflichkeit verschwiegen, aber auch wir, Deutschland, und zwar wir alle, sind aus kalifornischer Netflix-Sicht "eine schmale demografische Zielgruppe". Und Ted Sarandos hat es "nicht überrascht", dass die Serie "Orange is the New Black" sowohl in Frankreich als auch in Deutschland in den ersten Wochen nach dem Start das meist gesehene Netflix-Angebot war.

Natürlich aber ist er "excited" darüber, dass man in Kalifornien da etwas produziert hat, was auch in Frankreich und Deutschland Interesse findet. Denn, Stichwort Globalisierung: Je mehr Zuschauer ein Programm findet, um so weniger kostet es pro Zuschauer. Und wenn es weltweit Zuschauer findet, werden es möglicherweise noch viel mehr. Dann kann man möglicherweise sogar erheblich aufwendiger produzieren und pro Kopf ist es immer noch günstiger. Genau wie bei jeder anderen industriellen Produktion auch.

Und es muss nicht aus Kalifornien sein. "Regionale Programme finden ein globales Publikum auf Netflix", so Sarandos. "Wir suchen nach einzigartigen Stimmen für eine größere Plattform. Wir suchen großes Storytelling in allen Formaten." Das wiederum bezog sich auf das aktuelle Netflix-Interesse am Kinofilm.

Denn auch für die Kinobesitzer hat er nichts Erfreuliches zu sagen: "Das aktuelle Vertriebsmodell für Filme, besonders in den USA, aber auch in der restlichen Welt, ist ziemlich antiquiert für die On-Demand-Generation die wir bedienen." Mehr als ein Drittel dessen, was die Zuschauer auf Netflix konsumierten, seien Kinofilme. "Für uns sind das einfach Inhalte. House of Cards ist auch nur ein 13-Stunden oder ein 26-Stunden-Film."

Globalisierung eben. Produktion ist immer regional. Verkauft aber wird weltweit, und das jetzt auch beim Film. Deshalb ist es schlicht unmöglich, eine "deutsche" Konkurrenz für Netflix zu schaffen. Möglich wäre nur eine neue globale Konkurrenz. Das aber wäre für die ARD, auch mit Partnern, wohl eine kaum denkbare Aufgabenstellung.

Und es sind ja nicht nur die global interessanten Inhalte, welche dafür gebraucht würden. Sarandos verwies auch auf die Netflix-Technik: "Wenn sie auf 'Play' drücken, funktioniert es- und da war manches, woran wir gearbeitet haben in neun Jahren."

Tja. Sarandos erzählte auch von den "Saturday morning cartoons" in den USA. Für Generationen von Kindern war der Samstag Vormittag seit den 60er Jahren traditionell fürs Kinderfernsehen reserviert. Jetzt stellte der letzte Sender das Kinderprogramm ein. "Ich denke, es ist ein goldenes Zeitalter, um Geschichten zu erzählen" so Sarandos dazu. "Die Leute zu Hause sind jetzt on-demand-Zuschauer. Sie bekommen ihre Geschichte dann, wenn sie es wollen."

Die Frage, für was man dann noch "Sender" braucht, blieb offen.

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