Kauft Yahoo Brightroll? Kaninchen für Marissa Mayer dringend gesucht

Fotos: Yahoo
"Du musst ein Kaninchen aus dem Hut ziehen." Mit diesem Erfolgsrezept schickte einst "Senior-Anwalt" Denny Crane alias William Shatner seinen jüngeren Kollegen Alan Shore alias James Spader für die Bostoner Anwaltskanzlei Crane, Poole & Schmidt in den hoffnungslos erscheinenden Prozess. Und gewinnt- wie fast immer, bei "Boston Legal". Obwohl das "Kaninchen" kein neues, alles veränderndes Beweisstück ist. Oft ist es nur eine vom Anwalt überzeugend erzählte Geschichte. "Du musst die Geschworenen gut unterhalten. Danach besprechen sie sich und lassen deinen Mandanten laufen." Wer es noch nicht gesehen hat: Für mich eine der großen US-Qualitätsserien überhaupt, lange vor "House of Cards" oder "Breaking Bad" und vor allem auch: bedeutend lustiger.

Yahoo's Chefin Marissa Mayer scheint es gesehen zu haben. Sie hat mit "Starboard Value" Investoren an Bord, die nerven und ihr ins Geschäft reinreden wollen. Ihre Expansion mit teuren Zukäufen, vor allem die mehr als 1 Milliarde teure Blogging-Plattform Tumblr, "hätten nur Geld verschlungen und den Aktionären keinen Wert gebracht" lautet der Vorwurf. Ein schönes Beispiel für die eigentlich so völlig unvereinbaren Welten der Aktienfonds, die nach dem schnellem Geld gieren und den wirklich Erfolgreichen aus dem Silicon Valley, die digitale Märkte beherrschen wollen. Aus deren Sicht ist die die Börse eigentlich nur ein notwendiges Übel, dass die Firmenkasse neu auffüllt, wenn deren Inhalt beim großen Spiel um die digitale Weltherrschaft irgendwie verloren gegangen ist.

Bei einigen der ganz Großen wie Google, von wo Marissa Mayer kommt, oder Facebook haben die Gründer von vornherein darauf geachtet, dass die Aktionäre ihnen nicht reinreden können. Sie hören deren Anliegen lächelnd zu, nicken freundlich und machen danach, was sie wollen. Bei Yahoo dagegen ist die Lage anders. Marissa Mayer ist nur ein CEO, der die Mehrheit der Aktionäre für sich gewinnen muss. Heute Abend sind wieder Quartalszahlen fällig. "Die Geier kreisen über meinem Kopf", so würde Denny Crane es sagen.

Ein großes Internetunternehmen im Markt neu zu platzieren ist sehr schwierig. Noch komplizierter wird es, wenn die "Investoren" offenkundig lieber Geld sehen als Vorträge über den Zeitbedarf bei der Umsetzung kompletter Umbau-Strategien hören wollen. Der Kauf von Tumblr ist mehr als ein Jahr her und erst jetzt wird langsam sichtbar, was daraus werden könnte. Ein Social Media-Kanal für TV-Shows wie dem auch bei uns so erfolgreichen "The Voice"- das wäre schon ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Wenn man die Zeit zum Wuchern bekommt. Ob man dafür hätte Milliarden bezahlen sollen? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber bei Übernahmen im Internet bezahlt man ohnehin eher für die Zahl der Nutzer als für ein Geschäftskonzept.

Marissa Mayer will aus dem einstigen Internet-Konglomerat Yahoo, das wird mehr und mehr sichtbar, so etwas wie ein globales, interaktives Internet-TV-Network mit Zuschauern in aller Welt machen. Dadurch soll für den von Werbeeinnahmen lebenden Konzern der Zugriff auf die mit Scheinen statt "lousypennies" gefüllten TV-Werbetöpfe frei werden. Ihre Strategie ist sicher richtig und sie setzt sie so um, wie sie es bei Google gelernt hat: Erst den Markt erobern und dann kassieren. Dumm nur, wenn der Investoren-Horizont nur ein Quartal weit ist. Dann hilft vielleicht wirklich nur noch ein Kaninchen.

Möglicherweise hat sie noch eins. Techcrunch meldet, Yahoo stehe kurz davor, die Video-Anzeigen-Plattform Brightroll zu übernehmen. Das könnte ein sehr passendes und schönes Kaninchen sein. Brigtroll ist einer der Großen im Zukunftsmarkt der digitalen Videowerbespots für alle ans Internet angeschlossenen Bildschirme von Smartphone bis Smart-TV. Eine Übernahme würde zusätzliche Umsätze ins Yahoo-Haus bringen und im Konkurrenzkanpf mit Facebook und Google eine Lücke schließen. Denn sowohl Facebook mit dem kürzlich übernommenen Liverail als auch Google mit DoubleClick sind auf diesem Markt schon gut aufgestellt. Die durch den Alibaba-Börsengang in die Yahoo-Kassen geflossene Gelder sind ohnehin auf der Suche nach einer zukunftsträchtigen und gewinnbringenden Anlage. Erfolg ist damit nicht garantiert- es gibt viele Plattformen auf diesem Markt, auch RTL zum Beispiel hat sich mit SpotXchange erst kürzlich global auf diesem Markt positioniert.

Ob Brightroll das richtige "Kaninchen" ist, muss noch abgewartet werden. Aber Yahoo ist unter Marissa Mayer eine echte Überraschung im Zukunftsmarkt Internetfernsehen und wird Schritt für Schritt immer interessanter. Sogar Premieren für Kinofilme finden dort statt. Es wäre schade, wenn Schluss wäre, bevor sich zeigt, ob sie mit ihrer Strategie Recht behält. Marissa Mayer sollte vor den entscheidenden Konferenzen etwas "Boston Legal" schauen. Denny Crane und Alan Shore haben uns gezeigt: Alles ist machbar, nichts ist unmöglich- bis der Hammer des Richters fällt. Und wer das passende Kaninchen hat, den sprechen auch Aktionäre nicht "schuldig".

Hier noch etwas mehr von Brightroll:

Kommentare