Journalismus als Werbegeschenk- Amazon sprengt die Paywalls

Foto/Screenshots: Amazon US
"Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!" Dante Alighieri - Die Göttliche Komödie

Autsch. Sofort erhältlich- für nix. Aber erst einmal von vorn. Amazons Jeff Bezos hat sich vor gut einem Jahr eine Zeitung gekauft. Die ganze Zeitung, nicht ein Exemplar. Nicht irgendeine Zeitung. Die "Washington Post" ist eine der ganz großen Zeitungsmarken in den USA- einst deckten ihre Reporter den "Watergate-Skandal" auf und stürzten so mit Richard Nixon einen richtigen US-Präsidenten aus dem Amt. Und nun arbeiten die Nachfolger der Reporterlegenden Carl Bernstein und Bob Woodward für Jeff Bezos- offiziell als "privates" Investment.

Das sorgte auch hier in Deutschland für viel Aufmerksamkeit. Die Zeitungsbranche versucht verzweifelt ihr einträgliches Abonnement-Modell mit vielen verschiedenen Spielarten von "Paywalls" auch auf ihre Internetangebote zu übertragen und scheitert dabei immer wieder kläglich. Aus der Kombination Bezos, Amazon und Qualitätszeitung erhoffte man sich Zeichen der Rettung für das geschiebene qualitätsjournalistische Wort- schließlich hat Amazon wie kein anderer gezeigt, dass man mit dem Verkauf von Geschriebenem auch im Internet Geld verdienen kann.

Netz-TV schrieb damals: "Ja, Jeff Bezos hat wohl einen Plan. Ich glaube aber nicht, dass er an digitale Zeitungsabonnements zum Lesen als Kern-Geschäftsidee glaubt." Das ist wohl richtig. Genauso wie die Annahme, dass Bezos vor allem auch das digitale Nachrichtenfernsehen "post.tv" gut gefällt. Aber das ist noch nicht alles.

Viele wunderten sich, warum Jeff Bezos bei der "Washington Post" nicht sofort die anscheinend allgemein übliche Verlagsstrategie einer "Qualitätsverbesserung" durch Entlassung möglichst vieler Journalisten umsetzte. Ja, es gab ein paar Kürzungen bei Alters- und Gesundheitsvorsorge-Zuschüssen. Aber das war es dann auch. Stattdessen wurde eingestellt. Vor allem jede Menge Techniker.

Es gibt jetzt komplett neue Redaktionssysteme. Und neue Ideen. So können Lokalzeitungen im Franchise die "Washington Post" für ihre überregionale Berichterstattung einfach dazubekommen. Und die Berichterstattung erhält jetzt wieder Pulitzer-Preise. Als allerneueste Idee gibt es aber nun das "Projekt Umbrella". Und nein, das ist kein Schutzschirm gegen die Zeitungskrise. Eher das Gegenteil. Wer in den USA Amazons Tablet-Flaggschiff Kindle Fire HDX erwirbt, hat darauf jetzt die "Washington-Post" als ansprechend gestaltetet Tablet-App. Kostenlos. Und die anderen Kindle-Nutzer wohl demnächst auch.

Eigentlich ist das so etwas wie ein atomarer Erstschlag gegen eine Verlagsindustrie, die immer noch davon träumt, ihre Abonnements auf den ans Internet angeschlossenen Bildschirmen zu ähnlichen Preisen wie das einstige Papier-Exemplar verkaufen zu können. Die "New York Times" kostet auf dem Kindle 19,99 Dollar im Monat. Das wird wohl jetzt kein Erfolg mehr. Netflix kostet die Hälfte. Und könnte, wenn man mal nachrechnet, bei der Zahl seiner Abonnenten und zahlungswilligem Bedarf für einen Dollar zusätzlich ein On-Demand-TV-Nachrichtenangebot mit Heerscharen von Korrespondenten in aller Welt anbieten.

Ist Bezos verrückt? Vielleicht ein bisschen. Aber mehr noch ein Visionär, der immer wieder aufzeigt, wie wenig digital die klassische Medienindustrie immer noch denkt. Egal ob Zeitung oder Fernsehen. Nein, Zeitungsabonnements wird man im Internet nicht mehr in großer Zahl für teures Geld verkaufen können. Auch nicht mit Werbegeschenken. Stattdessen könnten Nachrichtenangebote zum Werbegeschenk werden. Für Tablets wie Kindle und damit den Anschluss an die bunte Amazon-Konsumwelt. Oder für Streaming-Angebote fürs Fernsehen.

Das wird den Zeitungsverlegern nicht gefallen. Genauso wenig wie den Buchverlagen die gerade begonnene Zerstörung der Buchpreisbindung durch Amazon. Vielleicht sollten sie zusammen mit den Gewerkschaftern vor den Amazon-Logistikzentren demonstrieren. Solange noch Journalisten kommen...

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