HbbTV und Maschendrahtzaun- Regulierung am Knallerbsenstrauch


Am 12. Oktober 1999 trat die Hausfrau Regina Zindler mit ihrem damaligen Nachbarn Gerd Trommer in der Gerichtsshow Richterin Barbara Salesch in Sat.1 auf, zu jener Zeit wurden in der Sendung noch echte Schiedsgerichtsfälle ohne Schauspieler gezeigt. Grund für diese Verhandlung war ein Nachbarschaftsstreit in der sächsischen Stadt Auerbach/Vogtl. Regina Zindler verlangte von ihrem Nachbarn, einen wuchernden Knallerbsenstrauch zu entfernen, der ihren Maschendrahtzaun beschädige. Die Klage wurde abgewiesen.
                                                                                                       Wikipedia

Durch diese denkwürdige Gerichtsverhandlung hat der Maschendrahtzaun in vogtländischer Aussprache nun einen eigenen Wikipedia-Artikel und Stefan Raab gemeinschaftlich mit Truck Stop einen Nummer 1 - Hit unter diesem Titel. Und ja, ich darf den Hit unten als Video einbetten. Ohne Stefan Raab zu fragen. Das hat jetzt der Europäische Gerichtshof entschieden. Nein, wohl noch nicht der für Menschenrechte. Obwohl es eine wirklich weise Entscheidung ist. Denn ich spare jetzt Telefonate und Stefan Raab spart die Einstellung von Mitarbeitern, die ihm solchen Quatsch vom Hals halten.

Die Knallerbse, so lernen wir ebenfalls bei Wikipedia, ist eigentlich eine "Gewöhnliche Schneebeere". Sie stammt ursprünglich aus Nordamerika und breitete sich bei uns zuerst als Zierstrauch, dann aber auch wild weiter und weiter aus. Sie fragt nicht, sie wächst. Sie wächst einfach so durch Zäune und über Grenzen. Am besten, so Wikipedia, auf feuchten, jedoch nicht staunassen, fruchtbaren Böden im vollen Sonnenlicht.

Ja, da wo Neues wächst, entstehen oft Probleme. Besonders oft auch im deutschen Medienbereich. Der ist ziemlich reguliert. Also quasi voller virtueller Maschendrahtzäune. Und überall wuchern durch dieses Internet digitale Schneebeeren und greifen unreguliert auch noch nach den letzten knallerbsenfreien Räumen hinter dem Maschendrahtzaun.

Wie einst von Regina Zindler hört man dann den anklagenden Ruf in Richtung Obrigkeit nach "Regulierung". So wie dieser Tage zum Beispiel von Felix Kovac in seiner Eigenschaft als "Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk" (APR). Die wurde einst gegründet, um die Interessen lokaler und regionaler Privatradios zu vertreten. Inzwischen gehören auch lokale und regionale TV-Veranstalter dazu.

Anlass des Klagerufs waren "Diskussionsbeiträge nationaler TV-Anbieter auf den Münchner Medientagen, mit SmartTV in regionale Werbemärkte eindringen zu wollen." Offenkundig nach Meinung von Herrn Kovac seine Seite des Maschendrahtzauns. Das kann man Rundfunk-rechtlich so sehen. Denn die "nationalen TV-Anbieter" haben eine "nationale" Lizenz und müssen deshalb alles national senden. Auch Werbung.

Internet aber, so meinen einige, sei kein Rundfunk und auch kein "senden". Und HbbTV auf dem Smart-TV sei bekanntlich Internet. Das aber wiederum würde dem eigentlich als Maschendrahtzaun für den Zuschauer gedachten HbbTV plötzlich ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Und den Sendern für ihre Werbung auch. Zum Beispiel für regionale Werbung. Denn HbbTV weiß, wo der Fernseher steht und auch noch das eine oder andere mehr, was die Augen der "BigData"-Fans in den Agenturen zum Glänzen bringt.

"Die rote Karte für den Red Button, wenn dahinter lokalisierte TV-Werbung platziert ist" fordert deshalb Felix Kovac für den APR. Mit dem linearen TV-Programm werde per HbbTV  ein Signal verschickt, das auf dafür ausgerüsteten SmartTV-Geräten einen "Red Button" erscheinen lässt, über den man dann mit der Fernbedienung Zusatzinformationen aus dem Internet erhalte. So würden dann auch lokale und regionale Werbespots auf dem Bildschirm sichtbar gemacht und mit dem bundesweiten TV-Angebot verknüpft. "Das ist nicht etwa ein unreguliertes Angebot aus den Tiefen des Internets", fasst Kovac die rechtliche Bewertung des APR-Vorstandes zusammen. Die Möglichkeit für die lokale und regionale Werbung werde im SmartTV durch den HbbTV-Standard als Zusatz zum linearen TV-Angebot übertragen. Damit seien alle derart sichtbar gemachten Werbeinhalte nach dem Werberecht für lineare TV-Angebote zu beurteilen. "Rechtliches Rosinenpicken zwischen Rundfunk und Telemedien bei gleichzeitiger Lufthoheit im linearen TV-Kanal, das passt nicht zusammen" so Kovac.

Alles klar? Nein? Ron Burgundy würde sagen: "Auch egal."

Möglicherweise geht es ja wie so oft im Medienbereich nur darum, Konkurrenz oder gar Marktwirtschaft zu unterbinden. Niemand soll den Maschendrahtzaun überschreiten. Niemand soll "meinen" Zuschauern und Werbekunden neue Angebote unterbreiten dürfen.

Meistens merken die Zaunwächter es auch ziemlich spät. Diskussionsbeiträge auf den Medientagen verkörpern nicht immer den aktuellen Stand. So konnte man zum Thema HbbTV und Red Button in einer Pressemitteilung von RTL-Vermarkter IP Deutschland bereits im Juni lesen:

Ab Juli 2014 bietet IP Deutschland als erster deutscher Vermarkter TV-Werbekunden eine innovative Lösung, deutschlandweit ausgestrahlte Kampagnen für HbbTV-Haushalte regional anzureichern: Während des TV-Spots wird hierbei ein Hinweis auf den Red Button eingeblendet, wer ihn drückt, bekommt eine eigens gestaltete, regional individualisierte Microsite angezeigt. Auf dieser Microsite kann der Werbekunde Informationen einbinden, Promotionaktionen bewerben oder Gewinnspiele veranstalten. Damit ermöglicht die Mediengruppe RTL Deutschland erstmals die regionale Aussteuerung von Kampagnen auf HbbTV-fähigen Endgeräten – derzeit 7,2 Millionen in deutschen Haushalten. Werbekunden können aus drei Regionalisierungsstufen wählen: nach Nord/Süd/West/Ost, Bundesländern oder Städten. Das Regio-Angebot kann für Kampagnen bei RTL, VOX und n-tv gebucht werden, jeweils auf den Spotplatzierungen am Ende der Werbeunterbrechung. Die Regiosite ist erreichbar sowohl über die Red Button-Einblendung im Spot als auch über Banner in den entsprechenden Digitaltexten der Sender.

Und Matthias Dang, Geschäftsführer IP Deutschland dazu: "Das ist gelebte Konvergenz von Fernsehen und Internet, dank ihr können wir unseren Werbekunden erstmals diese Kombination bieten: Deutschlandweite Werbung mit regionalem Bezug. Die Nachfrage ist schon lange da, jetzt haben wir ein unschlagbares Angebot und freuen uns auf die ersten Pilotprojekte."

Also nicht "rechtliches Rosinenpicken", sondern "gelebte Konvergenz". Und Konvergenz, so lernen wir wieder bei Wikipedia, bedeutet in der Telekommunikation das Zusammenwachsen verschiedener Dienste und Inhalte zu einem neuen Ganzen. Und Konvergenz ist unvermeidbar- so hört man es zumindest auf sämtlichen Medientagen.

Lasst den "Red Button" frei. Die Zeit der Maschendrahtzäune geht zu Ende- von weiter draußen kommen Panzer statt Schneebeeren.

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