Frankreich, du hast es besser - Europa kann Serie (3)

Foto: MIPCOM
"The Global Quest für Original Content" lautet das Motto des Konferenz-Programms der diesjährigen Fernsehmesse MIPCOM in Cannes, die am Montag beginnt. Kein Zweifel, die globale Nachfrage nach Inhalten für die Fernseher wird befriedigt werden. Produzenten und Vertreter von Sendern und Streaming-Anbietern aus aller Welt werden sich im noblen, aber teuren Badeort an der Côte d'Azur auf Firmenrechnung ein paar schöne Tage machen und dabei sicher herausfinden, wie.

Auch jede Menge Besuch aus Deutschland wird dabei sein. Zahlende Besucher. Eine Rolle im Programm spielen sie nicht. Auf "The Global Quest für Original Content" erwartet scheinbar niemand Antworten aus unserer Region. Oder doch: Das "MedienBoard Berlin" wird im Programm erwähnt. Denn zum "Film Commissions Day" wurden Vertreter von Filmstandorten aus aller Welt eingeladen, um vor internationalem Fachpublikum für ihre Region zu werben.

"Ziel der Präsentation ist es, internationalen Produzenten die Vorteile des Film- und TV-Standorts Berlin-Brandenburg vorzustellen, um so noch mehr Produktionen in die Region zu holen", so lernen wir aus der Pressemitteilung des MedienBoard. "Bereits jetzt arbeiten rund 2.000 Film- und 3.000 TV-Firmen wie UFA, filmpool, MME, Florida TV oder Ziegler TV sehr erfolgreich in der Hauptstadtregion und sorgen für ein kontinuierliches Wachstum. Hier produzierte TV-Events wie 'Weissensee' oder 'Unsere Mütter, unsere Väter' wurden in alle Welt verkauft. Formate wie Circus HalliGalli, Talkshows wie Günther Jauch oder das ab 2015 in Brandenburg entstehende Reality-Experiment 'Utopia' setzen Maßstäbe. Berlin-Brandenburg zeichnet sich als Gründerhochburg zudem besonders durch moderne Web-TV-Formate aus. Multichannel Networks wie Studio71, Divimove oder Mediakraft betreiben hier eine große Zahl an YouTube Channels und bestimmen so die Zukunft des audiovisuellen Bewegtbildes mit. Hinzu kommen jährlich zahlreiche internationale Film-Großproduktionen. In der Filmregion Nr. 1 in Deutschland entstanden im letzten Jahr z.B. George Clooneys 'Monuments Men' oder Wes Andersons 'Grand Budapest Hotel'. Noch in diesem Jahr kommt der dreifache Oscar-Preisträger Steven Spielberg für Dreharbeiten zu seinem neuen, noch unbetitelten Film in die Hauptstadtregion."

Wow. Circus HalliGalli. YouTuber. Steven Spielberg kommt. Die Region, in der einst Fritz Langs "Metropolis" entstand, freut sich heutzutage, wenn mal ein Hollywood-Regisseur zu Besuch vorbei schaut.

Das ist doch normal. Aus Hollywood kommen das große Kino und die neuen Serien für TV und Netflixe. Der Rest der Welt ist Handlanger oder pittoreske Kulisse. Denkt man. Glaubt man. Wird gern als öffentlich-rechtliche Entschuldigung für erbärmliche deutsche Serienproduktionen benutzt.

Im "Hollywood Reporter" lese ich dagegen Erstaunliches über eine "Invasion" von Fernsehserien französischer Produzenten im US-TV. Hehe- "Hannibal" ist eigentlich ein Franzose. Das hätte man sich ja eigentlich auch denken- nee, Spaß beiseite. Aber tatsächlich, "Hannibal" ist eine Produktion von "Gaumont International Television", einer in Los Angeles ansässigen Tochter des ältesten Filmkonzerns der Welt- der französischen Firma Gaumont. Die produzieren auch für Netflix deren Horror-Heuler "Hemlock Grove", von dem gerade die dritte Staffel bestellt wurde. Und demnächst "Narcos".

"The Returned" finden sie in Hollywood so spannend, dass sie es selbst auch produzieren wollen. Auch "Transporter- die Serie" war in den USA ein großer Erfolg. Kürzlich beim Deutschland-Start sagten die Netflix-Vertreter, sie könnten sich deutsche Produktionen "vorstellen". Es klang wie das uralte Hollywood-Prinzip "don't call us - we'll call you". Nicht wenige warten ja dann dort auch auf das Klingeln, bis sie sterben. In Frankreich startet Netflix mit "Marseille" die Produktion sofort.

Was macht Frankreich besser? Oder ist es das Klima der Côte d'Azur? "Es gibt eine französische Welle im Moment", so "Marseille"-Producer Pascal Breton zum Hollywood-Reporter. "Französische Kreative entwickeln Ideen, die außerhalb Frankreichs ansprechend sind." Tja. Er hat "entwickeln" gesagt. Das hieße ja so etwas wie neu. Also nicht Hitler und nicht Stasi. Ginge das auch in Deutschland? "In den USA gibt es mittlerweile 50 große Kanäle, PayTV und Services wie Netflix, Kabelfirmen und Sender- sie alle suchen nach großen Serien", sagt Herr Breton.

Und selbst Hollywood kann das nicht mehr alles selbst herstellen. Denn die neuen Serien werden in Kinoqualität produziert, so etwas wie "Hannibal" kann 3 bis 4 Millionen US-Dollar kosten. Pro Folge, versteht sich. Das muss zunehmend global, über viele Kanäle, refinanziert werden.

"Wir kehren das US-Modell um, wo eine Show in Hollywood produziert und dann in der ganzen Welt verkauft wird", so Olivier Bibas, Chef von Atlantique Productions ( "Transporter", "Borgia"). Das Ziel sei, so Bibas, "eine Alternative zu dieser US-Invasion zu schaffen und der Welt zu zeigen, dass Frankreich und Europa Inhalte produzieren können, die in der ganzen Welt gefragt sind- inklusive den USA."

Als Belohnung für den langen Text hier noch etwas "Hemlock Grove". Achtung, drastisch. Leute, die so etwas können, findet man zum Beispiel auch bei Trixter in München. Aber wenn da das Telefon klingelt, ist es höchstwahrscheinlich doch nur wieder Hollywood.

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