Breaking the bad - Video on Demand ist das bessere Fernsehen (2)

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50.000 Zuschauer. In der "Zielgruppe"gerade noch 20.000. Das entspricht 0,2% Zuschauer-Marktanteil. Also eigentlich niemand wollte gestern Abend Chemielehrer Walter White beim Kochen von blauem Methamphetamin auf RTL Nitro zuschauen. "Breaking Bad", der Titel der Serie, scheint eine böses Omen zu sein- auch für die Quoten eines Nischenkanals.

Okay, das ist alles schon einmal auf Arte gelaufen. Auch dort oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Irgendwie ist das alles schwer verständlich. Nach Meinung der "Golden Globe Awards" handelt es sich um die "Beste Serie" 2014 überhaupt. Das ZDF wünscht sich ein "deutsches Breaking Bad" fürs Programm. Kabel Deutschland meldet, "Breaking Bad" war im Video on Demand - Angebot des Kabelkonzerns "Select Video" 2013 die meist gesehene Serie überhaupt. Wo liegt der Fehler?

Nun ist Walter White nicht allein mit seinem Schicksal. "Hannibal" erging es genauso. Oder "Homeland". Jeder kennt "House of Cards"- aber keiner schaut es, wenn es im deutschen Free-TV läuft. Mögen die deutschen Zuschauer keine US-Serien mehr?

Kann eigentlich nicht sein. "Doktor House" hat RTL über Jahre die Quote gerettet. Und "CSI". Oder "Bones". Was macht Walter White falsch? Ganz einfach: Er ist nicht Zapping-kompatibel. "Breaking Bad" erzählt eine komplexe, stimmungsvolle und äußerst spannende Geschichte, ja. Aber nicht in "Folgen". Sondern eigentlich über viele Stunden Handlung, Folgen und Staffeln hinweg.

Die Mehrheit der deutschen TV-Zuschauer weiß das nicht. Aber die wird gebraucht für eine ordentliche Quote im "linearen TV". Für die Mehrheit ist Fernsehen nicht so wichtig, dass man sich umfangreich über das zu erwartende Programm informiert. Manche haben noch "TV-Zeitschriften", ja. Da blättert man vielleicht mal durch. Aber wer von mittlerweile locker 100 Sendern die Programmtabellen studiert, ist wohl doch eher ein Freak als Mainstream.

Man freut sich auf den Feierabend, setzt sich in den Sessel und schaltet ein. Und guckt, "was kommt". Das gefällt meist nicht. Dann greift man zur Fernbedienung und guckt die Senderliste durch. Und bleibt dann irgendwann hängen- irgendwo. Aber nicht bei "Breaking Bad". Denn "Breaking Bad" besteht zu großen Teilen aus unspektakulären Dialogen, deren Inhalt sich einem nicht gleich erschließt, wenn man zufällig "reinschaut". Also weiter. Dann lieber "Bones" oder "CSI". Da liegen immer skurrile Leichenteile auf dem Tisch. Das ist sofort spannend. Keine Vorkenntnisse erforderlich. Das ist Zapping-Kompatibel.

"Breaking Bad" läuft nicht zufällig auf "RTL Nitro". Die großen Privatsender haben längst erkannt, dass es so nicht mehr funktioniert, mit dem "kleinsten gemeinsamen Nenner". Dass die "Zielgruppe" sich immer mehr aufspaltet in verschiedenste nicht miteinander kompatible Zielgruppen mit unterschiedlichen Interessen. Also gründen sie immer mehr Nischensender. Für Frauen, für Männer, für Krimifans oder für Anhänger der Meinung, dass früher das Programm einfach besser war.

Aber es funktioniert auch nicht mehr so richtig. Walter White hat mit Sicherheit eine nicht allzu kleine Zielgruppe. Doch sie findet ihn im Wust der Sender nicht mehr. Muss sie auch nicht. Sie findet Walter White problemlos zu jeder Zeit bei Kabel Deutschlands "Select Video". Oder Amazons "Prime Instant Video". Oder jetzt auch Netflix. Und findet dort nicht mehr nur eine Folge. Die Zielgruppe kann dort "Breaking Bad" zu jeder Zeit "binge watchen". Also stundenlang am Stück gucken.

"Ich denke, 'Binge Watching' hat sich zu einem 'perfekten Sturm' auf besseres Fernsehen entwickelt, passend zur Wirtschaftslage und der explosiven digitalen Entwicklung der letzten Jahre. Dieser Fernsehzuschauer ist anders, der 'Couch-Potato' ist aufgewacht. Jetzt, da Dienste wie Netflix dem Zuschauer die Kontrolle über sein TV-Programm zurückgeben, haben diese eine neue Art des Zuschauens entwickelt." So der "Kultur-Anthropologe" Grant McCracken, der im Vorjahr für Netflix in einer Studie das Phänomen "Binge-Watching" untersuchte. Ergebnis: 73% mögen "Binge-Watching". Die naheliegende Netflix-Interpretation: "Binge Watching is the New Normal."

Das mag -noch- etwas übertrieben sein. In Deutschland noch sehr übertrieben. Aber Video on Demand in Kombination mit mehr oder weniger exzessivem "Binge-Watching" machen Serien in einer Dramaturgie und Erzählweise möglich, wie es herkömmliches, lineares Fernsehen immer weniger kann. Weil Video on Demand ein neues Lagerfeuer schafft, an dem Geschichten und Zuschauer wieder in wirtschaftlich tragfähiger Menge zusammenkommen können, nachdem das "alte Lagerfeuer" lineares TV in zu viele einzelne und einsame Feuerchen zerbrach.

Es muss ja nicht immer gleich so extrem sein:

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