"Alpha House" statt Magerquark- vom Mythos "deutsche Qualitätsserie"

Foto: Amazon
Der Gegensatz hätte nicht größer sein können. Auf den insgesamt enttäuschenden "Medientagen" in München hörte man am Mittwoch viel von den kommenden neuen und bestimmt ganz tollen deutschen "Qualitätsserien". Neue "Helden" braucht das Land oder besser gesagt, keine "Helden" mehr. Alles wird gut.

Nico Hofmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der "UFA-Fiction" und einer der wenigen Lichtblicke in diesem Geschäft ("unsere Mütter, unsere Väter"), sprach dort jedenfalls auf dem "Fernseh-Gipfel" von einem "Mind-Reset bei deutschen Produzenten". Man stelle sich nun die Frage, was man Produktionen wie "House of Cards" entgegen setzen könne. "Wir müssen selbst in der Lage sein, gute Serien herzustellen." Die Qualitätsdebatte sei in Deutschland jetzt "auf ein völlig anderes Niveau gekommen".

Ja. Debattiert wird schon immer auf hohem Niveau. Nur das Machen in diesem Umfeld ist halt ein Problem. "Die Qualitätsdebatte steht deswegen auf so wackeligen Füßen, weil sie suggeriert, das deutsche Fernsehen müsste bloß endlich mal zeigen, zu was es in der Lage ist", schrieb Peer Schader dazu in einem tollen Beitrag in seinem "Programmstörer"-Blog beim Stern. Und weiter: "Dabei besteht die eigentliche Herausforderung darin, sich auf einen Anpassungsprozess einzulassen, der erstmal viel Geld, Geduld und Quote kosten und lange dauern wird, weil er mit alten Gewohnheiten des Publikums brechen muss und neue etablieren."

Dazu ein ZDF-Beispiel von gestern Abend: Da lief nach den "heute"-Nachrichten zuerst die Serie "Dr. Klein". Inhalt: Ätzende politische Korrektheit rund um das Thema Kleinwüchsige. Hölzerne Drehbuch-Dialoge in erbärmlichen Kulissen, die eigentlich nur noch Mitleid mit den Schauspielern und ständiges Fremdschämen auslösen können. Danach: "Der Kriminalist". Es ging um einen Mord in den Kulissen von "Reality-TV". ("Herr Kommissar, wir haben eine Leiche.") Die Darstellung dieses ja durchaus interessanten Milieus war an Klischees und Plattheiten unüberbietbar. Was blieb? Abgrundtief schlechtes Fernsehen. Und sehr gute Quoten für das ZDF, die den Verantwortlichen signalisieren, man habe alles richtig gemacht.

Als ich es nicht mehr ausgehalten habe, ging es für mich dann weiter bei Amazon mit "Alpha House". Nein das ist wirklich kein "House of Cards", obwohl der Ort der Handlung nahezu identisch ist. Aber "House of Cards", wir erinnern uns, wollten die Zuschauer des deutschen linearen Fernsehens trotz unüberhörbarem Kritikerjubel ja eigentlich auch gar nicht sehen. Bei "Alpha House" geht es zwar ebenfalls um US-Senatoren. Die bevölkern aber diesmal kein millionenteures, einer Kinoproduktion würdiges Filmset, sondern eine "Politiker-WG" republikanischer Senatoren in Washington. "Alpha House" ist eigentlich eine Sitcom mit einigen Außendrehs.

Amazon hat gerade die zweite Staffel abgedreht, die ist im Original bei "Prime Video" schon abrufbar und demnächst auch synchronisiert dort zu sehen. Und sie ist ein viel schöneres Beispiel für das deutsche Serien-Problem als "House of Cards". Denn "House of Cards" ist eine intellektuell anspruchsvolle und teure Hochglanz-Produktion. Ein Risiko. So etwas kann auch schiefgehen. "Alpha House" dagegen ist ganz einfach grundsolides Unterhaltungs-Handwerk von dafür talentierten Profis, welches nur entstehen kann, wenn man diese denn auch einfach nur unterhalten lässt.

Die Serie ist gut besetzt, aber nicht teuer. Ginge das nicht auch hier? Niemals. Denn "Alpha-House" ist genauso Frauen- wie Männerfeindlich, politisch unkorrekt gegen jede beliebige Minderheit die gerade durchs Bild läuft und stellt den großen und ach so wichtigen Politikbetrieb im US-Senat als Sammelsurium schräger Typen in teuren Anzügen dar. Und alle haben einen Heidenspass dabei. Denn bei Amazon entscheidet der Verantwortliche, was gedreht wird und was nicht. Es gibt keine "Gremien".

Würde ein großer Teil des Publikums von "Dr. Klein" oder "Der Kriminalist" sich statt dessen ein deutsches "Alpha House" anschauen wollen? Schließlich ist auch der Bundestag hinter den Kulissen viel lustiger, als man denkt. Aber selbst wenn ein karrieremüder Verantwortlicher das durchwinken sollte, würde es wahrscheinlich trotzdem nicht funktionieren..

Denn man muss im "Alpha House" schon durchgehend aufmerksam zuschauen, um auch seinen Spaß zu haben. Die Schlagzahl der Gags ist hoch, oft sind es nur kleine Gesten oder auch die Mienen der Darsteller, die man auch noch beachten muss. Alles ist bis aufs kleinste Detail durchkomponiert- aber ohne jeden großen Aufwand. Tolles Handwerk halt, vor wie hinter der Kamera, beim Schnitt und vor allem beim Drehbuch.

"Es gibt nach langen Arbeitstagen manchmal nichts besseres, als sich berieseln lassen und mit toten Augen den WDR zu schauen", so der Moderator Klaas Heufer-Umlauf auf dem "Fernseh-Gipfel" der Medientage. Genau diese Zuschauer schauen sicher auch im ZDF "Dr. Klein" oder "Der Kriminalist". Aber eine wachsende Zahl an Fernsehzuschauern ist damit nicht mehr zufrieden. Und hat mit den neuen Video on Demand-Angeboten jetzt endlich auch eine Wahl.

Für alle, die bei wirklich gutem Fernsehen auch zuschauen wollen, ist Video on Demand deshalb das bessere Fernsehen. Vielleicht sogar bald das einzig akzeptable Fernsehen. Weil sie nicht nach "dem kleinsten gemeinsamen Nenner" zum Einschlafen suchen, sondern nach guter Unterhaltung. Einen Weg, auf dem die bisherigen Sender diese Zuschauer zurück gewinnen können, sehe ich nicht. Denn das würde bedeuten, die anderen zu verprellen. Und das können sie sich nicht leisten.

Es wird also vielleicht ein paar "Leuchtturmprojekte" zur Beruhigung der Intendanten geben. Aber "deutsche Qualitätsserien", und auch noch mehr als ein oder zwei Mal im Jahr, können aus diesen Strukturen nicht kommen.

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