"One Chance": Filmpremieren bald als Video on Demand statt im Kino ?

Screenshot: onechancemovie.net
Erinnern Sie sich noch an Paul Potts? Ja, genau, der britische Handyverkäufer mit den unregelmäßigen Zähnen, der zuerst Publikum und Jury der Castingshow Britain’s Got Talent eroberte und dann Puccinis Arie "Nessun dorma" auch in die deutschen Charts brachte. Paul Potts Geschichte gibt es jetzt auch als Film. Im Kino. Jedenfalls bei uns. In den USA noch nicht.

"One Chance", so heißt der Film, sollte eigentlich am 7. Februar in die US-Kinos starten. Dann am 14. März. Später wurde der 29. August genannt. Es ist kein schlechter Film. David Frankel ("Der Teufel trägt Prada") führte Regie. "Sweeter Than Fiction" war als "bester Filmsong" sogar für den "Golden Globe" nominiert. Aber die US-Kinos sind voll mit Transformern, Ninja-Schildkröten und anderen Filmuniversen. Manchmal müssen auch gute Filme auf ihre Chance warten.

Jetzt steht der (vielleicht) endgültige Starttermin fest. Der sorgte für richtigen Ärger. Allerdings nicht bei den Filmemachern, sondern bei den US-Kinos. Denn Paul Potts, oder besser gesagt der Film über ihn, schreibt ein weiteres Mal Geschichte. Seit es Hollywood gibt, gilt die Regel: Wenn ein Film die Kinos erreicht, dann feiert er doch auch Premiere. Erst danach kommen die anderen wie Fernsehen oder DVD an die Reihe. Normalerweise frühestens ein viertel Jahr später.

"One Chance" feiert jetzt am 30. September US-Premiere. Im Internet bei "Yahoo Screen". For Free! Und Kinopremiere ist am 10. Oktober. Die Reaktion der US-Kino-Lobby auf diesen Vorgang ist, sagen wir mal, "not amused". Denn "The Weinstein Company" als Besitzer der Rechte war unlängst schon einmal unangenehm aufgefallen. "Snowpiercers" vom gleichen Studio gab es schon zwei Wochen nach der Kinopremiere als Video on Demand.

Das sei eine Art "Erdbeben", so heißt es. Die bevorzugte Kinopremiere als ertragsstärkster Weg zum finanziellen Filmerfolg sei damit nicht mehr allgemeiner Konsens. Während die Studios von den Kinos 50% der Einnahmen erhielten, könnten es bei Video on Demand 60 bis 80% sein, so wird gemunkelt. Bei Yahoo wird die "One Chance"-Premiere sicher aus den Werbeetats bezahlt. Genug Geld sollte nach dem Alibaba-Börsengang vorhanden sein. Prerolls und Midrolls gibt es natürlich auch. Die Konditionen des Deals sind nicht bekannt, aber so langsam könnten auch andere und größere Studios ins Grübeln kommen.

"Sie bekommen dadurch keine neuen Kunden, sondern verschieben nur die Einnahmen" zürnt der Sprecher der Vereinigung der Kinobesitzer "National Association of Theatre Owners", Patrick Corcoran. "Die Distributoren freut es, dass sie bei Video on Demand einen höheren Anteil bekommen als im Kino. Aber wenn sie zuerst Kinopremiere feiern und dann Video on Demand und anderes nutzen, erzielen sie höhere Einnahmen."

Das mag stimmen. Oder auch nicht. Letztendlich ist Kino auch nichts anders als Video on Demand, nur eben außer Haus und gemeinsam mit anderen. Große Hollywood-Premieren als weltweites Netz-Event könnten die Zukunft sein.

Bis dahin für alle nochmal viel Spaß mit Paul Potts, "Nessun dorma" und den Reaktionen von Jury und Publikum bei "Britain’s Got Talent":

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