Netflix versus Comcast - Kampf um Netzneutralität in den USA


Einst, als die Zeiten noch besser waren, regelten in den USA oft "Paten" wie Vito Corleone hinter den Kulissen wichtige Grundsatzfragen fürs Geschäft. Also so Dinge wie wer wie wo was anbieten darf und wer dafür wie viel bezahlt, wer kassiert und wer beteiligt ist. Seitdem Francis Ford Coppola "The Godfather" in die Kinos brachte wissen auch wir Normalsterblichen ganz genau, wie es so funktioniert mit dem großen Business.

Heutzutage, wo das "House of Cards" auch die US-Straßen regiert, ist alles viel schwieriger. Es gibt Instanzen, Behörden, Institutionen, eigenwillige Abgeordnete und öffentliche Anhörungen. Alle wollen mitreden. Das macht das Geschäftsleben sehr kompliziert. Man stelle sich nur vor, in einer dieser stilvollen geschäftlichen Besprechungen in abgelegenen aber gediegenen Hotels wären in Gegenwart von Don Vito Wörter wie "Erpressung" oder "du lügst" in den Raum gefallen. Sofort wäre die strittige Angelegenheit zur Erledigung an die Abteilung "Schrotflinten, Revolver und Dynamit" weitergegeben und zeitnah sowie ultimativ abschließend geklärt worden.

Jedenfalls bei wichtigen Fragen, so wie zum Beispiel der Frage der Netzneutralität. Im Frühjahr berichtete Netz-TV über die wundersame Beschleunigung der Netflix-Videodaten beim größten US-Internetanbieter Comcast durch die Zahlung von Geld. Fast gleichzeitig hatte Comcast im Februar angekündigt, den Konkurrenten Time Warner zu übernehmen- bei einem Angebot in Höhe von 45 Milliarden US-$ kein ganz unwichtiges Geschäft. Jetzt unterstützt Netflix eine Petition an die Federal Communications Commission (FCC). Die soll die geplante Fusion verbieten.

Es sei von Nachteil für die gesamte Branche, wenn Netflix bereits heute an Anbieter wie Comcast zahlen müsse, nur damit das Unternehmen Direktverbindungen nutzen könne und Netflix-Kunden keine Geschwindigkeitsnachteile bei Comcast hätten. Durch Begrenzungen der übertragenen Datenmengen pro Monat würden Comcast & Co. bei den Kunden weitere Hindernisse aufbauen, um sie von Streaming-Firmen wie Netflix fernzuhalten.

Irgendwie hat Comcast jetzt wohl das dunkle Gefühl, Netflix habe nur gezahlt, um den Provider anschließend bei der Behörde um so wirkungsvoller in die Pfanne hauen zu können. Die Antwort klingt jedenfalls so, als hätte die böse Netflix-Mafia den unschuldigen Mega-Provider unangekündigt ins Knie geschossen. "Die Kommission muss diese erpresserischen, gegen die Verbraucher gerichteten Bemühungen, die nichts mit dem freien Internet zu tun haben, mit Nachdruck zurückweisen." Hehe.

Gegenüber der FCC erklärte Comcast laut Wall Street Journal "verschiedene Parteien" hätten "nach der Ankündigung der Transaktion" (der Fusion mit Time Warner) "nach besonderen Angeboten gefragt- für den Fall, dass sie den Deal unterstützen oder sich zumindest neutral verhalten." Von Dingen wie Zugang zu Comcasts modernen Techniken zur Werbedistribution, der Verbreitung noch zu gründender Fernsehsender, höheren Zahlungen für die Verbreitung von Fernsehsendern und Internettraffic ohne Berechnung sei die Rede gewesen. Hoho.

Um dann im Interview gleich ein wenig zurückzurudern: "Wir beschuldigen absolut niemanden krimineller Aktivitäten im Zusammenhang mit der Transaktion" so Comcasts "Executive Vice President" David Cohen. Insbesondere Netflix ist aber jetzt Comcasts Liebling. Netflix-CEO Reed Hastings habe in einer Mail an die Comcast-Verantwortlichen die Vereinbarung vom Frühjahr noch "gepriesen" und geschrieben "so funktioniert es für beide Seiten, für lange Zeit." Comcast sei verwundert, dass Mr. Hastings danach im Zusammenhang mit der Time Warner-Aquisition eine ganz andere Meinung vertrete.

Reed Hastings konterte das in einem weiteren Interview ganz trocken: "Ich habe in meinem E-Mail-Fach nach diesen Zitaten gesucht, sie aber nicht gefunden." Sein Standpunkt zur Netzneutralität sei stets derselbe. "Wir glaubten nur, keine andere Wahl zu haben, als zu unterschreiben." In einem offiziellen Netflix-Statement stellte die Videoplattform klar: "Es ist keine Erpressung, zu verlangen, dass Comcast seinen Kunden die Breitbandgeschwindigkeit liefert, für die sie bezahlen, damit sie Netflix nutzen können. Es ist Erpressung, wenn Comcast den Kunden die bezahlte Breitbandgeschwindigkeit nur dann liefert, wenn Netflix ein zusätzliche Lösegeld entrichtet."

"Lösegeld" steht da. Nicht etwa "Schutzgeld". Die Welt ist eben so viel unromantischer heutzutage. Weit mehr "House of Cards" als Corleone. "Irgendwann, eines Tages, werde ich dich um einen Gefallen bitten." So scheinbar großzügig wie bei Don Vito wird man also vielleicht nicht mehr übereinkommen. Freunde fürs Leben werden Netflix und Comcast wohl so schnell nicht mehr.

Manch Netflix-Konkurrent hat da aber möglicherweise andere Ideen. Amazon zum Beispiel. Ein Jahr Amazon Prime Videos gibt es jetzt bei AT&T in den USA inklusive im Internetanschluss-Komplettangebot. Hehe. Jeff Bezos bekommt für seine Videos vielleicht sogar Geld. Zumindest von einem Internet-Provider.

Kommentare

Aktuell meist gelesen: