Netflix kommt. Und braucht erst einmal Berichterstattung statt Hype.

Foto: Netflix
Ein wichtiger Grund, warum es "Netz-TV" gibt, ist ein offenkundiger Bedarf an Berichterstattung.
Denn was man sonst so zum Thema "neues Fernsehen" zu lesen bekommt, ist oft wenig erhellend. Manchmal ist es auch schlicht und ergreifend Quatsch. Glaubt jedenfalls "Netz-TV".

Wie zum Beispiel große Teile der Berichterstattung zum Thema Netflix und dem bevorstehenden Deutschland-Start des Streaming-Dienstes. Netflix komme mit einer Magerversion nach Deutschland, lese ich da. Dass "House of Cards" gar nicht drin sei. Oder dass man "deutsche Serien" produzieren wolle. Von "Enttäuschung" ist die Rede.

Das mit der Enttäuschung ist wohl nicht falsch. Das liegt aber an vielerlei mehr oder weniger grobem Unsinn, der im Vorfeld geschrieben wurde. Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Vielleicht damit: Ja, "House of Cards" ist nicht dabei. Das wurde aber von Netflix auch nie angekündigt. Denn die Rechte der ersten Staffeln wurden für Deutschland an andere verkauft. Warum, fragt keiner. Ganz einfach: Noch vor vielleicht zwei Jahren, als das passierte, war die Idee, man könne diese Rechte in Deutschland selbst brauchen bei Netflix selbst wohl noch nicht verbreitet genug. Jedenfalls nicht verbreitet genug, um dafür auf harte Dollar auf der Einnahmeseite zu verzichten.

Ja, Netflix kommt jetzt nach Deutschland. Weil sie eine globale Vision vom TV-Streaming haben, weil es gilt, den wichtigen europäischen Markt zu besetzen, bevor er endgültig verteilt wird. Die Begeisterung darüber ist beim Netflix-Management offiziell sicher groß. Aber wer Bericht erstattet, könnte zum Beispiel auch mal die Geschäftsberichte von Netflix für die Aktionäre lesen. Den da zum Beispiel, für das Jahr 2013 und die Aussichten für 2014. Dann lernt man, wie realistisch und nüchtern Netflix solche Expansionen selbst betrachtet.

Der größte Abschnitt zum Thema "Internationales Geschäft" ist da der Abschnitt "Risiken". Wir lesen da: "Operieren in internationalen Märkten erfordert erhebliche Aufmerksamkeit des Managements und birgt für uns regulatorische, wirtschaftliche und politische Risiken, die möglicherweise größer als in den USA sein könnten." Der dann folgende Katalog der erwarteten zusätzlichen Risiken ist genauso erhellend wie lustig und enthält unter anderem:

- die Notwendigkeit der "kulturellen Anpassung" von Benutzerschnittstellen und Content auf andere Sprachen sowie zusätzliche erforderliche Lizenzen- und das auch noch bevor Netflix sicher weiß, ob die Eingeborenen diesen Content überhaupt sehen wollen
- die Probleme und Kosten, die das Management dieses Auslandsgeschäfts verursacht
- mögliche politische oder soziale Unruhen und wirtschaftliche Instabilität
- die Einhaltung von US-Gesetzen zu Korruptionsverhütung, Exportkontrollen und Wirtschaftssanktionen und lokaler Gesetze zur Verhütung der Zahlung von Bestechungsgeldern an Regierungsbeamte
- Probleme bei Verständnis und Einhaltung von Gesetzen, Verordnungen und Bräuchen in fremden Rechtsordnungen und unerwartete Änderung der Anforderungen
- ungünstigere Gesetze zum Schutz geistigen Eigentums
- mögliche steuerliche Nachteile und Probleme, Währungsschwankungen, Restriktionen für Gewinnrückführungen oder Geldflüsse
- neue und andere Wettbewerber
- zu geringe Nutzung von Geräten mit Internetanschluss
- anderer bzw. strengerer Verbraucher- und Datenschutz, Schutz der Privatsphäre und andere Gesetze
- Verfügbarkeit der notwendigen Breitband-Internetverbindungen und der notwendigen Übertragungskapazitäten...

Tja. Das mit den "Bestechungsgeldern" gilt bestimmt nicht für Deutschland. Der erste und der letzte Punkt aber ganz bestimmt. Meine Bewunderung dafür, dass Netflix überhaupt kommt, ist jetzt aber noch größer. Die anscheinend weit verbreitete Erwartung, Netflix werde mit dem Start in Deutschland alle unsere heimatlichen Fernsehprobleme lösen, teile ich nach wie vor nicht.

Ich empfehle jedem erst einmal die Betrachtung einer Weltkarte. Das hat ja auch das Netflix-Management vielleicht getan, bevor es sich zur Europa-Expansion entschloss. Dann bitte mal Deutschland exakt rot ausmalen. Da muss die Weltkarte schon recht groß sein, um nicht versehentlich Nachbarländer mit anzustreichen. Der Umsatz von Netflix liegt global bei gut 4 Milliarden Dollar, also rund 3 Milliarden Euro. Das ist etwas mehr als die Hälfte dessen, was die ARD insgesamt an Rundfunkgebühren erhält.

Will man den Vergleich noch etwas anschaulicher machen, dann hat der deutsche Markt derzeit für Netflix etwa vergleichsweise die Bedeutung wie eines der sechs Hörfunkprogramme des saarländischen Rundfunks für die ARD. Niemand wird von der Saarlandwelle die Revolution des deutschen Fernsehens erwarten- aber Netflix soll das schaffen. Okay, von Netflix-Gründer Reed Hastings erzählt man die lustige Geschichte, er habe ein Jahr lang eine Erkennungsmarke der albanischen Armee um den Hals getragen, nachdem der Chef von Time Warner gesagt hatte, Netflix sei so etwas "wie der Versuch der albanischen Armee, die Weltherrschaft zu erobern". Heute würde Jeff Bewkes vielleicht schweigen und bei Netflix nach Anteilen fragen.

Zumindest für den deutschen Markt sollte man aber die Erwartungen an Netflix endlich auf Normalmaß reduzieren, Netflix wird auch keine "deutschen Serien" produzieren. Man hat nur gesagt, dass eine Produktion von Inhalten in Deutschland zukünftig wahrscheinlich ist. Netflix Frankreich ist da schon weiter- die erste französische Netflix-Produktion ist bereits auf dem Weg. Die neue Serie heißt "Marseille" und wird Ende 2015 auf Netflix zu sehen sein. Überall da, wo es Netflix gibt- auch in den USA. Und genau dies wäre wohl auch das Entscheidungskriterium für eine "deutsche" Produktion: Ist es ein Inhalt, der alle Netflix-Kunden global interessieren könnte.

Des langen Textes kurzer Sinn: Bitte alle mal zurück auf den Teppich. Freuen wir uns auf ein neues, interessantes, vor allem auch technisch großartiges Streaming-Angebot für Deutschland. Zum Beispiel mit 4K-UHD. Oder auf "Orange is the new Black" als einen guten Serien-Beginn. Und vielleicht noch vor Weihnachten "Marco Polo". Und im nächsten Jahr dann "Marseille". Und nach und nach noch viele tolle Produktionen mehr. Irgendwann gewiss auch "House of Cards".

Fehlt noch etwas? Vielleicht das: Überall lese ich von Netflix als "Amazon-Konkurrenten". Das mag sein. Nirgends lese ich, woher die vielen tollen Streaming-Daten eigentlich kommen. Da müssten doch riesige, gigantischen Datencenter arbeiten. Alles geheim? Nö. Die technische Basis von Netflix in der Cloud sind ist die Daten-Infrastruktur der Firma Amazon Web-Services....

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