Dampf ablassen öffentlich-rechtlich: Ist da noch Leben im System?

Pierre Sanoussi-Bliss Screenshot: Facebook
"The Revolution Will Not Be Televised"- so sang einst der "nicht weiße" Gil Scott-Heron und schuf damit ein beliebtes Zitat für die Welt. In Deutschland wurde die Revolution aber im Fernsehen gezeigt. Man kann sie auf das Jahr 1986 datieren. In diesem Jahr trat Charles M. Huber erstmals als Polizeikommissar in der ZDF-Krimiserie "Der Alte" auf. Der Mann war ein echter "Hingucker". Polizeikommissare sind in Deutschland beamtet. Nicht selten waren sie auch schwarz. Aber niemals als Hautfarbe wie bei Charles M. Huber. Das war bis zu diesem Tag undenkbar.

Heute ist Charles M. Huber ein echter "Ehrenkommissar" der bayerischen Polizei. Und sitzt als erster schwarzer Schwarzer für die CDU im deutschen Bundestag.

1996 hörte er mit dem "Alten" auf. Sein Nachfolger hieß Pierre Sanoussi-Bliss. Und der wurde jetzt nach 17 Jahren gefeuert. Nein, nicht weil er schwarz ist. Nein, nicht wegen der Quoten. Zusammen mit seinem Kollegen Markus Böttcher, der noch länger dabei ist, wurde er nach München zum Gespräch gebeten und bekam ein fertiges "Ausstiegs-Drehbuch" in die Hand gedrückt. An seinem unfreiwilligen Ausstieg wurde also bereits längere Zeit gearbeitet, bevor er selbst davon erfuhr.

Auch Klassiker wie "Der Alte" bräuchten gelegentlich Veränderungen "um Attraktivität und Modernität aufrecht zu erhalten und um mit neuen und jüngeren Charakteren wieder ausreichend Stoffpotential für heutige Geschichten zu haben", so eine ZDF-Sprecherin dazu gegenüber DWDL. Pierre Sanoussi-Bliss ist also mit 52 zu alt für den "Alten". Jüngere "Alte" müssen her. Die Begründung und die gesamte Verfahrensweise sorgten bei Sanoussi-Bliss anscheinend für ausreichend Wutpotential, so dass er sich in einem vielbeachteten Facebook-Video sehr jugendlich, da "social Media"-öffentlich und bitter über den Vorgang beklagte.

Netz-TV wird das Facebook-Video unter dem Beitrag einbinden. Ob es lange vorhanden sein wird, ist zweifelhaft. Denn solche Äußerungen sind im öffentlich-rechtlichen System, sagen wir mal, möglicherweise nicht förderlich für den weiteren Auftragseingang. Vielleicht gibt es deshalb davon so wenige. Eigentlich fast gar keine. Um so bemerkenswerter ist es, dass es allein in dieser Woche schon zwei davon gab.

Aber man muss es sich wohl leisten können. So wie Pierre Sanoussi-Bliss, weil er glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben. Oder wie Corinna Harfouch, deren schauspielerischer Status wohl stets für genügend Rollen-Angebote sorgt. Die in dieser Woche die "Osnabrücker Zeitung" mit einer ungeschminkten Meinung beschenkte:

"Ich weiß gar nicht, ob ich bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktionen von Feigheit sprechen soll. Die sind ganz einfach extrem in ihren gewucherten Strukturen verstrickt und können sich kaum noch bewegen. Die produzieren zum Teil kaum noch. Der NDR macht außer „Tatort“ fast gar nichts mehr, weil dort noch der Programmstock der kriminellen Ex-Fernsehspiel-Chefin versendet werden muss. Das höre ich zumindest. Ich kann das von außen nur unzuverlässig beurteilen. Aber für mich stellt es sich so dar: Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist ein System entstanden, in dem sich der einzelne Mensch kaum noch gegen den Apparat durchsetzen kann. Es gibt bei den Sendern nur noch ganz wenige Redaktionen, über die ich sage: Die sind noch irgendwie bei Trost, die denken noch nach, die pflegen noch eine Fantasie, die nicht von Tausenden Regeln erstickt ist."

Vielleicht sind dies ja hoffnungsvolle Zeichen dafür, dass noch etwas gärt im System. Dass die wenigen gebliebenen Einzelkämpfer, die zum Beispiel beim ZDF noch für Publikums-Überraschungen statt für Publikums-Beleidigungen oder -Wutausbrüche sorgen, nicht völlig chancenlos sind. Vielleicht wurde das mit dem "Alten" ja nur intern falsch kommuniziert. Ein Tip von Netz-TV: Der große Jean Gabin spielte einst mit (fast) 60 Jahren noch den Kommissar Maigret. Er wirkte dabei im Vergleich zu einer öffentlich-rechtlichen Gremiensitzung sehr jugendlich.

Allein, es ist wohl nur eine Hoffnung. Da ist es bald schon wahrscheinlicher, dass der neue, junge "Alte" eine erste Programmidee für den geplanten öffentlich-rechtlichen "Jugendkanal" ist, für den ZDF-Intendant Bellut gerade zusätzliche Stellen fordert. Die ARD könnte dann ihren "Tatort Thüringen" mit ihren landestypischen knapp 30-jährigen "Kommissaren" beisteuern. Dann noch einen "Fernsehgarten" mit Otto, der sah schon mit 30 wie mit 60 aus, so dass es eh egal ist. Dazu noch aktuelle Musik von Peter Maffay, Udo Lindenberg, den "Söhnen Mannheims" und den "Ärzten" und fertig ist der massenattraktive öffentlich-rechtliche "Jugendkanal".

Das ist natürlich alles völliger Unsinn von bösartigen Menschen, die das Wort vom "Rollator TV" erfunden haben. Genau so unsinnig wie der Vorwurf, der Jugendwahn käme aus den Gremien, nur weil dort vorwiegend ältere Herren säßen, die gern nochmal etwas jüngeres, knackiges sehen, bevor sich der Graue Star als Schleier über alles legt.

Denn das ZDF-Programm strotzt doch nur so vor Innovation. Morgen zum Beispiel wird Rosamunde Pilcher 90 Jahre alt. Die Mainzer feiern den runden Geburtstag mit der Neuverfilmung "Anwälte küsst man nicht" mit Esther Schweins und Jan Sosniok. Am Sonntagnachmittag wird außerdem die 100. Pilcher-Verfilmung "Der gestohlene Sommer“ mit Helmut Zierl und Mariella Ahrens wiederholt. Die Drehbücher für viele der ZDF-Pilcher-Schmonzetten stammen von Christiane Sadlo. Fällt Christiane Sadlo eine eigene Geschichte ein, dann schreibt sie unter dem Pseudonym "Inga Lindström". Rosamunde Pilchers ältester Sohn Robin schreibt auch Bücher. Selbstverständlich werden die dann auch vom ZDF verfilmt. Rollen für Schwarze gibt es dort dummerweise leider kaum.

"Der ZDF-Fernsehrat hat in seiner gestrigen Sitzung beschlossen ab 2015 grundsätzlich öffentlich zu tagen. Zwingend vertraulich zu behandelnde Themen werden weiter nicht-öffentlich beraten. Deshalb werden die Plenarsitzungen auch einen nicht-öffentlichen Teil haben. Die Ausschüsse des Fernsehrates werden weiter grundsätzlich nicht öffentlich tagen. Der Fernsehrat setzt außerdem eine "Arbeitsgruppe Transparenz" ein, die in einem fortlaufenden Prozess dem Erweiterten Präsidium weitergehende Transparenzmaßnahmen vorschlagen soll."  So hört man aktuell vom Lerchenberg.

Na dann. "Grundsätzlich öffentlich" heißt dann wohl wieder alle Themen außer Finanzen, Personalien und Strategisches. Also alles außer dem, was interessant ist. Ist halt so: "The Revolution Will Not Be Televised". Könnte sie vielleicht trotzdem stattfinden? Ich hab gestern auf RTL Nitro "Breaking Bad" zugeschaut. Liebe Gremien-Mitglieder, viele von Euch verstehen doch genau wie ich zumindest ein wenig von Drehbuch, Regie, schauspielerischer Leistung und Schnitt. Das Handwerk halt. Schaut hin. Vergleicht. Handelt.

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