Alles geht- außer langweilig. Video on Demand ist das bessere Fernsehen

Jeffrey Tambor als Maura, die bisher als Mort, Familienoberhaupt der Pfeffermans, durchs Leben ging. Foto: Amazon
Das lineare Fernsehen lebt - so hört man es derzeit landauf, landab aus vielen Texten und Statements. Ja doch. Nur: Wenn drei von fünf, die ich heute auf der Straße treffe, mir als erstes unaufgefordert erzählen dass Karl noch lebt, ist anzunehmen, dass es Karl grundsätzlich nicht wirklich gut geht.

Im jüngst erschienenen "zehnten Digitalisierungsbericht der Medienanstalten", so Thomas Fuchs, Direktor Medienanstalt Hamburg / Schleswig-Holstein bei medienpolitik.net, "zeige sich recht deutlich, dass von einer Abwendung vom linearen Fernsehen und seinem Geschäftsmodell und einer Hinwendung zu VoD-Inhalten in Deutschland nicht wirklich die Rede sein kann." Ja doch. Nun lasst sie doch erst einmal anfangen. Netflix hat in Deutschland wohl noch nicht einmal einen Schreibtisch eingeräumt.

Irgendwie ist es immer wie bei den neuen Iphones. Erst kann ich Millionen Artikel im Internet mit merkwürdigen Fotos aus China bewundern, auf denen eigentlich so recht nichts zu erkennen ist. Über wundersame neue Dinge wird berichtet. Dinge, von denen ich meist nicht einmal verstehe, was es ist, geschweige denn, wozu ich sie brauchen könnte. Dann hält irgendein älterer Mann in Kalifornien in einem Kino so ein Ding in die Höhe. Die Leute schreien und jubeln. Wenige Tage später kann ich lesen, dass die Welt untergeht, weil eines dieser tollen Features nicht funktioniert. Oder man das Telefon mit Gewalt kaputt machen kann. Ja doch. Ob das neue Iphone ein Erfolg wird oder nicht- um das zu wissen, muss ich nur bis nächsten Sommer warten und dann an der Bushaltestelle gucken.

Genauso ist das mit dem Video on Demand. Die offensichtlichen Selbstzweifel der Fernsehleute sind ja nicht so ganz unberechtigt. Es gibt ständig Ärger wegen der schlechten Qualität des Programms. Ist es wirklich so schlecht? Und wenn ja, sind dort alle nur faul und unfähig? Ja doch. Nein. Denn der Hauptgrund für die katastrophale Programmqualität ist die Tatsache, dass das bisherige Fernsehen eben linear ist. Und genau aus diesem Grund ist das lineare Fernsehen zwar noch nicht tot- die Prognose aber sollte zu Denken geben.

Das Fernsehen ist schlecht, weil es linear ist? Ja, wirklich. Denn "lineares" Fernsehen ist ein Programm, dass zu einer festen Zeit direkt zum Zuschauer gesendet wird. Deshalb muss es nicht zwangsläufig schlecht sein. Aber auch wenn keine Fußball-WM ist, braucht lineares Fernsehen Quote. Quote wiederum verlangt möglichst viele Zuschauer, die sich zu einer bestimmten Zeit bei einem bestimmten Sender zum Zugucken einfinden. Alte wie Junge, Frauen wie Männer, Gebildete wie Ungebildete- man braucht sie möglichst ausnahmslos alle.

Das aber wiederum führt nahezu gesetzmäßig zu schlechten Filmen und Shows. Ganz einfach, weil jede Produktion den kleinsten gemeinsamen Nenner für alle suchen muss. Und sparen- sparen müssen alle und immer. Produziert wird also dass, von dem man annimmt, dass es zu geringstmöglichen Kosten die größtmögliche Gruppe vor dem Fernseher versammelt. Das führt dann gesetzmäßig in Deutschland zu Forstärzten, jeder Menge Krimis vom Fließband ( "Frau Kommissar, wir haben eine Leiche." ) und Christine Neubauer. Und Filmen mit Nonnen. Der kleinste gemeinsame Nenner ist für alle gemeinsam immer vor allem eins: Langweilig.

Sobald etwas spannend und interessant wird, sind die Leute dafür oder dagegen. Der kleinste gemeinsame Nenner ist futsch. Das kann man fürs lineare Fernsehen nicht gebrauchen.

Eine Serie wie die, die Amazon gerade für Prime Video selbst produziert hat, ist da also extrem unwahrscheinlich. Fast ausgeschlossen. Bei "Transparent", so heißt die Serie, geht es um Transgender. Also Leute, die ein anderes Geschlecht in sich fühlen als sie offiziell haben. Also Leute, die dann im deutschen Fernsehen höchstens im "Lindenstraßen"-Zoo vorkommen, wo dann alle sie nett und politisch korrekt behandeln müssen. Etwa so wie ein süßes, aber komisches Kleinkind oder ein niedliches Haustier.

Das ist in den ersten zehn fertigen Folgen der von Kritikern hochgelobten Dark-Comedy-Serie ganz anders. Jeffrey Tambor spielt Maura, die ihr früheres Leben eigentlich als Mort und ursprünglich männliches Familienoberhaupt der Pfeffermans führte. Als sie sich als Maura ihrer Familie neu vorstellt, kommen allmählich die bisher verborgenen Geheimnisse aller Familienmitglieder ans Licht.

"Ich bin so aufgeregt, Transparent heute endlich mit der Welt teilen zu können", so Drehbuchautorin, Regisseurin und Executive Producer Jill Soloway (Afternoon Delight, Six Feet Under). "In vielerlei Hinsicht wollte ich die Geschichte der Pfeffermans schon lange erzählen und ich bin Amazon und meinem fantastischen Team vor und hinter der Kamera sehr dankbar, dass sie mir geholfen haben, diesen Traum gemeinsam zu verwirklichen."

"Transparent" ist ein schönes Beispiel dafür, dass Video on Demand den "kleinsten gemeinsamen Nenner" verlassen kann. Es wird Leute geben, die es mögen und welche, die es hassen. Also ist es nicht langweilig. Die, die es mögen, wird es vom linearen Fernsehen weglocken. Für die, die es nicht mögen, wird es on demand andere Angebote geben. Viele weitere Produktionen werden kommen. Aber wenige für den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Transparent ist bei uns ab sofort exklusiv auf Amazon Prime Instant Video in der Originalversion verfügbar- zeitgleich mit dem Start in den USA und Großbritannien. Die synchronisierte Fassung wird Mitgliedern von Amazon Prime und bei Prime Instant Video im November zur Verfügung stehen.

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