Ratlos in Köln- "Digital First" im Verlag für "Center.TV". Lokal-TV stirbt leise, meistens (6)

Screenshot: center.tv Köln
Das ist das derzeit typische Nachmittagsprogramm von "Center.TV Köln". Nette hübsche Damen verkaufen wundersames Gerät, von dem man bisher weder wusste, dass es so etwas gibt noch dass man es irgendwie brauchen könnte. Und genau hier liegt ein Denkfehler.

Aber von Anfang an. Wirklich angefangen hat es mit "Center.TV" eigentlich nicht mit dem ersten Sender in Köln, sondern schon früher und irgendwie global. 1994 wurde der DV-Standard für digitale Camcorder geboren. Bereits Ende der neunziger Jahre waren zahlreiche Camcorder im DV-Standard auf dem Markt, wurden schnell immer kleiner und preiswerter und auch und vor allem die Qualität der Bilder, die sie lieferten, machten die eigentlich nur für den Consumerbereich gedachten Geräte zunehmend auch für den semiprofessionellen und professionellen Einsatz interessant.

"Das Fernsehen, so wie wir es kennen, ist in spätestens 5 Jahren tot!" Mit dieser gewagten These verblüffte dann Anfang des neuen Jahrtausends Michael Rosenblum, Professor an der New York University, die Fernsehschaffenden weltweit. Damals war es noch nicht das Internet, dass das bekannte Fernsehen in fünf Jahren beerdigen sollte. Es waren kleinere und handlichere Kameras.

Rosenblum erfand und propagierte weltweit den "Videoreporter" oder "Videojournalisten". Mit den jetzt viel kleineren und handlicheren Kameras wurde es möglich, dass einer allein loszog, um die Arbeit eines ganzen "EB-Teams" zu erledigen. "EB-Teams" waren bis dahin der TV-Standard, "EB" wie "elektronische Berichterstattung". Ein Kameramann wurde da in der Regel von einem Assistenten für Ton und sonstige Hilfstätigkeiten begleitet. Dazu kamen manchmal noch Beleuchter oder andere Fachkräfte. Der dritte im "EB"-Team war der Redakteur, der die Geschichte, die aufgezeichnet werden sollte, konzipierte und den Kameramann anwies, welche Bilder er benötigte. Dazu kam dann im Sender in der Regel mindestens noch ein weiterer, der den Schnitt erledigte.

Screenshot: www.rosenblum.tv
Das alles sollte nach Rosenblum mit viel leichteren und kleineren Kameras jetzt ein einziger erledigen. Michael Rosenblum reiste dann in Vorträgen um die Welt, um die Revolution zu propagieren- und die Idee kam gut an. Nicht nur weil er ein guter und unterhaltsamer Redner war. In einem Vortrag vor mehreren hundert Leuten in Nürnberg, den ich erlebte, begrüsste er als erstes den dort aufzeichnenden Kameramann vom Bayerischen Rundfunk mit "This is the Museum of Broadcasting". Der Saal brüllte, die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war ihm sicher. Aber seine Revolution muss er noch heute lehren und progagieren und er verdient wohl auch immer noch gutes Geld damit.

Eine der absoluten Grundregeln von Fernsehen ist, dass Senderchefs immer "Sparzwänge" verspüren. Manch einer rechnete sich Rosenblums Videojournalisten schnell mal durch. TV-Nachrichten-Berichterstattung zu einem Bruchteil der bisherigen Kosten, wow. Die BBC begann zuerst mit der flächendeckenden Einführung.

Andre Zalbertus war es, der zusammen mit Rosenblum in Deutschland mit seiner Firma AZ Media den ersten praxisorientierten Ausbildungsgang zum Videojournalisten in Deutschland startete. Und Kurse für Amateure. Denn das erste zu lösende Problem war der verständliche Widerstand der etablierten Fernsehmacher. Sie stellten nicht die Qualität der vom Videojournalisten gelieferten digitalen Pixel in Frage, sondern die inhaltliche Qualität und zwangen so die Revolutionäre auf ein Terrain, auf dem schwieriger zu argumentieren war als mit einfacher Kostenrechnung. Das war erfolgreich. Bis heute ist der Videoreporter, insbesondere im öffentlich-rechtlichen Bereich, noch nicht durchgängiger Standard- obwohl es längst zahllose für herausragende Qualität ausgezeichnete "VJ"-Produktionen gibt.

Irgendwann wollte Zalbertus wohl den Videojournalisten nicht mehr nur predigen, sondern es der Welt zeigen. Es entstand "Center.TV", Lokalfernsehen für die größere deutsche Stadt. "Das ist ein bisschen wie bei McDonald's", so Zalbertus. "Wir haben hier das Grundrezept des Hamburgers."

Mit Hilfe des Videoreporters sollte bei "Center.TV" Fernsehen produziert werden, mit ganz einfachen Mitteln, bei den Leuten vor Ort und zu Kosten in einer Höhe, oder besser gesagt Tiefe, die bis dahin als unmöglich galt. Fünf Sender entstanden so, weit im Westen- der erste war Köln, 2005. Vier davon konnte Zalbertus an große Zeitungsverlage verkaufen, der fünfte, "Center.TV Ruhr", ging 2012 in die Insolvenz. Im gleichen Jahr kam noch das ehemalige "wm.tv" als "Center.TV Münster" dazu.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Bremen stellte 2013 den Sendebetrieb ein. Im März wurde Münster abgewickelt und auch bei Center.TV Aachen schaltete die Mediengruppe M. DuMont Schauberg im April das Licht aus. Dort war ohnehin längere Zeit nur noch das Kölner Programm zu sehen gewesen.

Jetzt gibt es auch Neues von Center.TV Köln zu berichten. Der Sender zieht um zum Zeitungsverlag, ins Neven DuMont Haus, genauer in "ein neues Studio in den Newsrooms des Verlages". Nicht alle Mitarbeiter dürfen mit. Immerhin 15 "können nicht mehr weiterbeschäftigt werden", so die Pressemitteilung.

"Video-Inhalte gewinnen im Netz immer mehr an Bedeutung - bei unseren Zuschauern, aber auch bei den Werbekunden" so Thomas Kemmerer, Chefredakteur Digitale Medien dazu. Ach, möchte man da ausrufen, etwa in der unnachahmlichen Loriot-Tonlage und dann kommts: "Center.TV“ sei jetzt der erste regionale Sender mit einer konsequenten Digital-First-Strategie. "Die Programmbasis bilden lokale, hochaktuelle Videos, die zuerst über die digitalen Kanäle - dort immer mehr über Smartphone - verbreitet werden. Wir sind überzeugt, dass nicht nur unser Kölner Web-Angebot gewinnt, sondern auch das lokale TV-Programm durch höhere Qualität nochmals an Reichweite zulegt."

Das passt gut zusammen, denn auch viele Zeitungen werden ja durch ständig weniger Mitarbeiter immer besser. Der Weg der lokalen Bewegtbild-Nachrichten ins Web-TV aber ist nicht nur richtig, sondern geradezu, frei nach Angela Merkel, "alternativlos".

Denn hatten Zalbertus und Rosenblum damals unrecht? Nein. Im Gegenteil. Der Denkfehler bei "Center.TV" war, dass man sich vor zehn Jahren lokales Fernsehen nur als "Sender" vorstellen konnte. Als Fernsehsender. Was dann die entsprechenden Strukturen, Kosten und Aufwände nach sich zog und (siehe oben) zwangsläufig zu "Programmen" führte, welche lokal weder vernünftig zu füllen noch durch Werbung zu refinanzieren waren.

Wozu aber brauchen die 10 oder 20 relevanten Nachrichten-Minuten, die eine große Stadt an normalen Tagen produziert, einen Sender? Vielleicht brauchen ja nicht einmal die "Weltnachrichten" einen, wenn sie nach Rosenblums Lehren produziert werden. Ein "Sender" aber braucht 24 Stunden Programm, Programm, dass Zuschauer interessiert und über reine Nachrichten hinausgeht. Programm, dass Profis machen.

Lokalfernsehen braucht keine "Sender". Nicht einmal einen "Barker Channel". Das Modell "Sender" funktioniert, wenn überhaupt, im Lokalfernsehen nur für eine sehr große, viele potentiell interessierte Zuschauer bietende Region. Mehr als Köln. Der Rest gehört ins Netz.

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