Digitalfernsehen wird "Digital Commerce"- was guckt, wer nichts kaufen will?

Foto: Holger Rauner © ProSiebenSat.1 Media AG
Wir leben in eigenartigen Zeiten. Da werden große Händler wie Amazon plötzlich zu so etwas wie Fernsehsendern- und werben dann logischerweise gleich gern bei sich selbst. Werbung ist schließlich teuer und die beste Rechnung ist immer die, bei der man den offen stehenden Betrag irgendwie an sich selbst überweisen kann.

Während man sich ja sonst um die Beziehungen zwischen Deutschland und dem digitalen Wandel ernsthaft sorgen muss, sind zumindest die großen einheimischen TV-Konzerne mittlerweile aber digital durchaus innovativ unterwegs. So will die RTL Group beim Online-Video und insbesondere bei den Werbespots davor, darin und danach auch global dort sein, wo vorn ist. Und die ProSiebenSat.1 Media AG möchte scheinbar den Amazon-Spieß einfach umdrehen und in Zukunft nicht nur ein großer Fernsehsender, sondern auch ein großer Händler sein.

Im aktuellen Geschäftsbericht zum 2. Quartal berichten die Münchener jedenfalls auch ausführlich über das Geschäftssegment "Digital und Adjacent". "Adjacent" ist englisch und bedeutet "danebenliegend", "angrenzend" oder "benachbart". Daneben liegt das Geschäftssegment wohl nicht- von 33 Prozent Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr ist da die Rede. An "Digital" angrenzende, benachbarte Geschäfte sind wohl gemeint. Zum Beispiel dass, was Signor Valmano so treibt.

Nochmal der Geschäftsbericht: "Im Segment Digital & Adjacent steigerte die ProSiebenSat.1 Group ihre externen Umsätze im zweiten Quartal 2014 mit einem Plus von 32,6 Prozent auf 149,2 Mio Euro signifikant (Vorjahr: 112,6 Mio Euro). Damit erhöhte sich der Anteil am Konzernumsatz auf 21,6 Prozent (Vorjahr: 18,0%). Auf Halbjahressicht entwickelte sich der externe Segmentumsatz ebenfalls dynamisch und stieg um 21,9 Prozent auf 255,1 Mio Euro (Vorjahr: 209,2 Mio Euro)....
Stärkster Wachstumstreiber im Segment Digital & Adjacent war im zweiten Quartal 2014 das Digital-Commerce-Geschäft. Insbesondere das Travel-Cluster entwickelte sich weiter dynamisch. Die im Januar 2014 erstmals in den Konzernabschluss einbezogenen Reiseportale weg.de und ferien.de lieferten wesentliche Umsatzbeiträge."

Und auch weitere "benachbarte" Geschäftsfelder kommen dazu: So hat der Konzern im ersten Quartal den Online-Games-Publisher Aeria Games Europe übernommen und ist seit dem zweiten Quartal Mehrheitseigner beim Onlineportal moebel.de. ProSiebenSat.1 plant, in den kommenden Monaten neue "E-Commerce-Cluster" für "Beauty & Accessoires" sowie "Home & Living" aufzubauen. Auch das "Media-for-Equity" bzw. "Media-for-Revenue-Geschäft" sei weiter ausgebaut worden. Noch mehr Werbespots als bisher wurden also nicht verkauft, sondern im Tauschhandel gegen Firmen- oder Gewinnbeteiligungen ausgestrahlt.

Reisen, kochen, renovieren, modisch anziehen, Partner suchen- die Flut der Sendungen zu solch wichtigen Themen ist endlos. So endlos, wie die Möglichkeiten für Produkt- und Themenplatzierungen, die sich daraus ergeben und mit dem "on-demand" Abruf-Fernsehen hat es ja noch nicht einmal richtig begonnen. Zumindest, wenn man über technische Entwicklungen im Werbebereich nachdenkt. "Digital Product Placement" zum Beispiel. Oder "Big Data" in Verbindung mit dem individuell und persönlich für den jeweiligen Zuschauer ausgestrahlten Werbespot. Oder...

Große Händler übernehmen das Fernsehen. Große Fernsehsender übernehmen die Händler. Fernsehen wird digital. Digital wird "Commerce". Darf ich in Zukunft noch fernsehen- auch dann, wenn ich gar nichts kaufen will?

Kommentare

Aktuell meist gelesen: