Aereo ist tot- das Internet nervt die US-Kabelkonzerne weiter

Screenshot: simple.tv
Wer nach Kalifornien ins Silicon Valley kommt, und dort etwas werden will, muss zuerst zwei wichtige Wörter lernen. Das erste Wort ist "amazing". "Amazing" ist alles, was meine Firma macht, jede Idee, jedes Projekt und jede neue App- auch dann, wenn sie nur Kühe in Texas zählt. Wenn das Ergebnis stimmt, ist das sogar "incredible amazing" und das ist dann "exciting". Aber das sind nur verschiedenste Steigerungsformen der allgegenwärtigen Euphorie über jeden Sack Reis aus China. Das zweite wichtige Wort ist "disrupted".

Disrupted heißt soviel wie unterbrechen, stören, ja sogar zerstören und ein gutes Internetgeschäft wird es immer dann, wenn es ein altes Geschäft "disrupted". So wie das der Taxifahrer in Berlin.

Kabelfernsehen ist sehr teuer in den USA. Nicht wenige Haushalte bezahlen mehr als 100 Dollar im Monat. Und Kabelfernsehen ist ja heutzutage ein Geschäft mit digitalen Inhalten. Digitale Inhalte, Abos für über 100 Dollar monatlich- kein Wunder, dass dieses Geschäft ins Visier der Internet-Startups gerät.

Wer es schafft, sein Kabelfernseh-Abonnement zu kündigen, ist ein sogenannter "Cordcutter". Nun wollen auch die meisten Cordcutter weiter fernsehen. Was bleibt, wenn nichts aus der TV-Dose kommt? Das Internet. Die Geschichte von den Internet-Startups und dem Kabelfernsehen in den USA ist mittlerweile fast genauso lustig wie die von Onkel Dagobert, dem Geldspeicher und der Panzerknacker-Bande. Die ist natürlich frei erfunden und eventuelle Ähnlichkeiten zu handelnden Personen oder Firmen sind rein zufällig.

Der letzte, der an den Geldspeicher der Kabel-TV-Konzerne wollte, war die Firma Aereo. Viel Zeit und Mühe und mehrere Instanzen hat es gebraucht, ihre Idee von der gemieteten Fernsehantenne mit Internetanschluss aus dem Markt zu klagen. Aber auch bei der Panzerknacker-Bande war das Scheitern auf dem Weg zum Inhalt von Onkel Dagoberts Geldspeicher nur ein Startsignal für den nächsten Versuch. Und so wirbt jetzt "simple.tv" um heimatlose Aereo-Kunden mit einem "großartigen Angebot":

Screenshot: simple.tv
Simple.tv ist erst einmal nur ein kleiner Media-Server fürs Haus. Da kann man Fernsehantennen, auch Kabel-TV und Internet anschließen. Drin ist auch ein digitaler Videorecorder. Dann wird darauf hingewiesen, dass es auch hier und da Antennenfernsehen gibt in den USA. For Free. Und mit aufgezeichneten Free-TV-Sendungen hätte man dann, wenn man es mit einem Netflix-Abo kombiniert, ein besseres Fernsehprogramm als beim Kabel-TV- aber für viel weniger Geld.

Das ginge ja noch. Aber die kleine schwarze Teufelsbox streamt das Programm nicht nur zu den Fernsehgeräten im Haus, sondern auf Anforderung auch ins Internet. Kann man ja brauchen- fürs Ferienhaus zum Beispiel oder fürs Büro. Und jetzt kann man auch noch "bis zu" fünf Freunde zum Mitgucken einladen, was auf dem DVR so drauf ist. Per Internet, wenn es der Upload denn hergibt. Toll. Gut möglich, dass das wieder vor Gericht geht. Gut möglich, dass der Anwalt der Kabel-Konzerne Psychopharmaka braucht, wenn er an einen Richter gerät, der detailliert erklärt haben will, was genau denn daran nun illegal sei. Schließlich sei es doch auch sonst völlig legal, Freunde zum gemeinsamen Fernsehabend einzuladen.

Der nächste, der kommt, heißt "Rabbit TV". Rabbit TV ist vom Ursprung her eigentlich eine simple Linkliste ins Internet. Wohl als eine Art Trost für Cordcutter zeigt Rabbitt überall hin, wo irgendwo irgendwie irgendwelche bewegten Bilder laufen. In den USA kann man so etwas für 10 Dollar im Jahr als Abo verkaufen. Mittlerweile ist die User-Basis groß genug, um weitere Angebote zu machen. Natürlich gegen Aufpreis.

Kabelfernsehen ist deshalb so teuer in den USA, weil die Kabel-Konzerne einen Teil ihrer Einnahmen an die Sender weiterleiten. Also genau anders herum als bei uns in Deutschland, wo die Sender "Einspeisegebühren" zahlen sollen und zahlen müssen. Es ist also ein sehr grundsätzlich anderes Geschäft.

Ein Geschäft, bei dessen Betreibern sicher Freude aufkommt, wenn jetzt der Rabbit-CEO William Mobley Sendern wie NBC, CBS, ABC oder FOX öffentlich anbietet, genau so viel oder gar noch mehr zu zahlen, als die vom Kabel TV- damit er dann ihre Programme zu seinen Kunden streamen darf. Die Herren der Kabel finden das ganz bestimmt sogar "incredible exciting". Spätestens dann, wenn sie von den Kunden die gerade die Sender-Abos gekündigt haben, empört angerufen werden, weil das Internet wegen Überlastung ruckelt.

William Mobley hat dafür nur so etwas wie ein Schulterzucken übrig. Es sei kurzsichtig, den lokalen Verbrauchern Aereos Antennentechnik zu vorzuenthalten, wenn die Nachfrage in den USA und möglicherweise in naher Zukunft global vorhanden sei. "Die Zahl der TV-Abonnements sank 2013, zum ersten Mal überhaupt, während der Konsum von Videos mit Streaming-Geräten sprunghaft um insgesamt 36,5% wuchs", so Mobley. "Für 2014 wird die Zahl der produzierten Fernsehgeräte irgendwo bei 220 Millionen geschätzt, die Produktion mobiler Endgeräte wird dagegen etwa 10 Milliarden erreichen. Dieser Trend zum "Überall-TV" wird von drahtlosen Consumer-Endgeräten, nicht von lokaler, restriktiver Infrastruktur getrieben."

Tja. "Lokale, restriktive Infrastruktur". Klingt wie "altes Zeug, kann weg". Irgendwie ist Fernsehen nicht mehr Fernsehen. Oder richtiger: Fernsehen kann jetzt zum "fern sehen" werden. Für Hinweise auf weitere geniale Startup-Ideen rund ums Fernsehen aus den USA ist Netz-TV stets dankbar.

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