Mehr Mut dringend gesucht: Streaming Video ist ein Welt-Markt


Jena hat einen wirklich schönen Markt. Einen Markt, wie wir ihn alle mögen. Einen geordneten Markt.
Der Marktmeister regelt im Auftrag der Stadt, wer, wo und zu welcher Standgebühr seine Waren anbieten kann. Für biologisches Fleisch aus der Region braucht man einen entsprechend hygienisch ausgestatteten Verkaufswagen. Wer ein Bier trinken will, muss sich an die Freiluft-Tische der Gastronomen begeben und wenn die offizielle Standzeit für den Markt vorbei ist, kommt die Kehrmaschine und wehe dem Händler, der nicht fort ist.

So mögen wir den Markt. So geordnet. So würden wir in Deutschland auch gern den neuen Medienmarkt "Streaming" ordnen. Ein YouTube, welches endlich einsieht, dass es genauso sinnlos ist, über GEMA-Forderungen zu diskutieren wie über die Stand-Gebühren des Erdbeeren-Händlers. Der gute heimische Spargel aus der Region wird bevorzugt und auch die leckeren Thüringer Kirschen. So muss das sein. Muss es?

Die erste ernsthafte deutsche Idee zum Thema "Streaming TV" hieß HbbTV. Die Sender bekamen "Mediatheken" und diese sollten über den "Red Button" auf der Fernbedienung gesteuert werden. Eigentlich praktisch. Wäre da nicht der Hintergedanke, auf diesem Weg eine Mauer zu errichten, eine Mauer, die dem Zuschauer zwar irgendwie per Internet abrufbares Fernsehen bietet, ihn aber dennoch schön einzäunt, damit er nicht aus den landesmedienanstaltlich ordentlich geregelten deutschen Sender-Welten in die ungeregelten, wilden Weiten des Internets entkommt.

Eine Zeit lang funktionierte das auch ganz gut. Die "Smart TV" waren nicht besonders smart, dafür vor allem langsam. Viele schlossen sie erst gar nicht ans Internet an. Aber dann gab es mehr und mehr interessante Apps von den Geräteherstellern. Für YouTube. Oder Watchever. Oder Amazon. Und es wurde interessanter. Jetzt kommen die Smart-TV-Betriebssysteme. Und Netflix. Und...

Mauern fallen, selbst unüberwindbare, so haben wir es gelernt, wenn nur die Zeit dafür gekommen ist. So, wie die Ostdeutschen sich einst begeistert auf die Suche nach den so lange vermissten Waren begaben, genauso schwärmen die TV-Konsumenten jetzt aus auf der Suche nach dem vermissten guten Programm. Es wird sie niemand aufhalten. Man muss ihnen das Programm geben, das sie suchen. Andernfalls sind sie eben weg.

Alle reden in der deutschen TV-Branche über Netflix. Kaum einer über eigene, zukunftsträchtige Streaming-Projekte. Dabei wäre es gar nicht so schwer. Beruflich hatte ich schon öfters mit Managern aus der Autoindustrie zu tun. Die haben schon immer einen globalen Weltmarkt, fast ohne Mauern. Oft sind sie unterwegs zwischen verschiedensten Produktionsstätten oder zu Kunden in Asien, Europa oder Nordamerika. Das finden die ganz normal. Und sie haben mir ein streng gehütetes Geheimnis verraten. Also Weltmarkt, das geht eigentlich ganz einfach.

Die Dame zum Beispiel, oben im Bild auf dem Jenaer Markt hat die Erdbeeren, die alle wollen. Groß, frisch, rot, süß und saftig müssen sie nur bereitgestellt werden, da wo die Kunden hinkommen. Dann werden sie Käufer finden. Und, so sagen es die Automanager: Genau so einfach funktioniert ein globaler Markt auch. Ja, es gibt kleine Differenzen. Aber alle, ob Chinesen oder Mexikaner oder Eskimos wollen ein schönes, schnelles und zuverlässiges Auto. Und bezahlbar soll es sein.

Über die Idee, deutsche Produkte hätten auf diesem globalen Markt keine Chance, können  die Automanager nur müde lächeln. Die haben den Amis sogar deutsch beigebracht. Als neulich die deutsche Nationalmannschaft gegen Brasilien 7 Tore schoss, gab es dazu sehr viele US-Kommentare auf Twitter. In den USA grassiert eine neue Begeisterung für "Soccer" und viele der Tweets waren zu meiner Überraschung auf deutsch. Bei den einen hieß es "Blitzkrieg". Na ja. Bei vielen anderen dagegen "Vorsprung durch Technik". Deutsche Autobauer verwenden neuerdings gern in der US-Werbung ihre deutschsprachigen Slogans. Und die Amis haben jetzt einen Heidenspass an Wörtern wie "Vorsprung" oder gar "Fahrvergnügen", Wörter, die für sie nahezu unaussprechlich sind.

Hat man sich erst einmal mit der Tatsache abgefunden, dass Internetfernsehen ein globaler Markt ist, dann könnte man genauso wie die Automanager endlich damit beginnen, die passenden Produkte anzubieten. Sogar in Österreich beginnt man inzwischen damit. ORF-Chef Wrabetz hält "Klassik" für eine "globale Nische"- und damit hat er Recht. Ein "Jedermann" aus Salzburg oder die Wiener Philharmoniker würden bei einem Streaming in hoher Qualität gewiss ein weltweites, sogar zu Zahlungen bereites Publikum finden.

Wie wäre es mit Wagner aus Bayreuth? Oder "Faust" aus Weimar? Oder Dokumentationen, wie sie in den USA keiner kennt? Und man müsste sich nicht nur auf die Nische der Hochkultur beschränken. Auch höherwertige "Degeto"-Filmkunstwerke wie zum Beispiel die Krimis von Donna Leon sind durchaus Weltmarkt-tauglich. Ja, da muss man das eine oder andere Problem klären. Rechte und so. Und Technologie. Aber fragt mal die Automanager, was so zu erledigen ist, bevor ein VW profitabel für den Hersteller über die Autobahn in Shanghai fährt. Dagegen sind die zu lösenden Probleme im Internet-TV lächerlicher Kinderkram.

Statt dessen jammern deutsche Fernsehmacher rum, gegen US-Produktionen "keine Chance" zu haben. Klassiker aus deutscher TV-Produktion müssen sogar Streaming-Asyl auf US-Plattformen suchen, um endlich ins Netz zu kommen.

Ich denke, mit Spielern, die glauben "in Brasilien gegen Brasilien sowieso nichts holen" zu können, wäre Jogi Löw nur ungern zur WM gefahren. Wer denkt, gegen Toyota sei in den USA nichts zu gewinnen, ist wohl kaum der geeignete VW-Manager für die Region. Nicht anders ist es im Bereich Streaming Video. Holt endlich die richtigen Leute, baut Plattformen, die die Welt braucht und zeigt dem Publikum da draußen, dass auch in Deutschland tolle Filme und Programme gemacht werden.

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