Aereo, dish, Fox und die Anderen: digitales Boston Legal vor US-Gerichten

Screenshot: dish.com
Bei "Boston Legal" haben wir viel darüber gelernt, was für ein bizarres Parallel-Universum US-amerikanische Gerichte so sind. Wahrscheinlich werden in ein paar Jahren von dort noch weit skurrilere Geschichten erzählt werden können. Geschichten von den großen klassischen, "linearen" Brodcastern, die verzweifelt versuchen, das einst so schön einträgliche Geschäftsmodell des Fernsehsenders mit Heerscharen von teuren Anwälten vor der Digitalisierung zu schützen.

Wie war das doch einst aber auch schön. Man strahlte seine Ultrakurzwellen durchs Land und wer Fernsehen wollte, musste diese empfangen und sofort die darin enthaltenen Sendungen anschauen. So, wie der Sender es gesendet hatte und auch im gleichen Moment, in dem der Sender gesendet hatte- und alles war gut. Waren die Wellen unempfangen an der Antenne vorbeigegangen, dann waren sie weg, für immer. Niemand konnte sie zurückholen und das Programm später schauen. Niemand musste sich Gedanken machen, wem die Rundfunkwellen gehören- denn so wie sie da waren, waren sie auch wieder weg.

Dann kamen die Videorekorder. Das war schon ein erstes Problem, aber die Handhabung war so, dass zum Glück nur die allerhärtesten Zuschauer diese Dinger wirklich benutzten. Nun aber sind Fernsehbilder in der Regel nur noch Daten. Und Daten sind, so haben wir gelernt, schwer zu schützen- vor unliebsamen Zuschauern genauso schwer wie vor dem späteren Gebrauch ohne weitere Genehmigung und das vielleicht sogar auch noch in veränderter Form.

In den USA bezahlt man in der Regel sehr viel Geld für seinen Kabel-TV-Anschluss. Weil niemand den Schlüssel zu den Rundfunkwellen verlieren wollte, konnte man deren Preis in ungeahnte Höhen treiben. Die Amis sind aber nicht blöd und wollen eigentlich gar keine Rundfunkwellen. Sie wollen auch nicht zehn Minuten am Stück Werbespots gucken. Sie wollen nur, zum Beispiel, möglicherweise "Boston Legal" sehen. Dann mussten sie bisher einen teuren Kabel-TV-Anschluss haben, sich zur richtigen Zeit vor dem Fernseher versammeln, bis es dann losging. Und wenn die Werbepause kam, dann hieß es dranbleiben, bis es weitergeht.

Dann kam der technische Fortschritt. Dann kam die Digitalisierung. Dann kam der allmähliche Erkenntnisgewinn beim Zuschauer: Es geht auch anders. Und jetzt- jetzt geht's drunter und drüber. Zuerst gab es in den USA die "Cordcutter". Die schnitten (symbolisch) das teure Fernsehkabel ab und machten sich per DVD und Internet auf die Suche nach Programm. Dann mussten die Gerichte die Frage klären, ob man Sendungen auf digitalen Videorecordern speichern und gar beim Abspiel vorspulen darf, wenn die Werbeinsel kommt. (ja !! man darf !!)

Als nächstes kam die Firma Aereo mit einer ganz cleveren Idee. In manchen Gegenden der USA gibt es nämlich auch frei empfangbare Sender. Also konnte man bei Aereo sehr günstig eine kleine, eigene Antenne mieten, die empfing und Aereo streamte den Zuschauern als Dienstleistung das Ergebnis kostengünstig per Internet in Haus. Das ging durch allerlei Instanzen zum "Supreme Court", dem oberste Gerichtshof, und der hat es verboten.

Weil Aereo "wie Kabelfernsehen aussehe", müsse es auch als solches behandelt werden, so die interessante Begründung der Richter. Und Kabelfernsehanbieter müssen in den USA den Rundfunkanstalten Gebühren für die Übertragung ihrer Programme zahlen, da sie sie "öffentlich aufführen". Kann man so sehen. Klingt vielleicht aber schon ein wenig Verzweiflung durch.

Es gibt aber auch Satelliten-TV in den USA. Zum Beispiel von "Dish Network". Die bieten ihren Kunden jetzt einen digitalen Videorecorder (DVR) an. Der zeichnet das Programm auf- man kann ja nicht immer zu Hause sein, wenn "Boston Legal" läuft. Aber nicht nur das. Man kann auch vorspulen, wenn die Werbepause kommt. Und das ist immer noch nicht alles. Der dish-DVR streamt das Programm auf Anforderung auch per Internet woanders hin. Man könnte ja auch gerade verreist sein, wenn Boston Legal kommt. Und das fand ein anderes US-Gericht gestern wiederum okay.

Das Lustige daran: Der klagende Sender Fox hatte argumentiert, dies wäre im Prinzip das gleiche ungenehmigte Streaming seines Contents wie bei Aereo. Dish konterte erfolgreich mit dem Hinweis, im Gegensatz zu Aereo stünde der dish-DVR als Empfänger ja im Haus des Kunden. Im Prinzip ist also jetzt gerichtlich festgestellt, dass ein außer Haus empfangenes "Boston Legal" nicht das gleiche "Boston Legal" ist wie das, welches man im Haus empfängt. Auch dann nicht, wenn man es anschließend gleich wieder außer Haus schafft. Alles klar?

Ich glaube, so wirklich versteht das keiner mehr- vielleicht nicht mal das Gericht. Es ist nur ein schönes Beispiel dafür, dass es zu nichts außer allgemeiner Verwirrung führt, wenn man versucht, Geschäftsmodelle aus der vordigitalen Zeit mit Hilfe von Gesetzen, Paragrafen und Anwälten in die Zukunft zu retten.

Aereos Anwälte haben dem obersten Gerichtshof übrigens sehr aufmerksam zugehört. Die Folge: Aereo gibt bekannt, ab sofort selbst zu glauben, Kabelfernsehen zu sein. Und deshalb weitermachen zu können.

Spätestens jetzt käme bei "Boston Legal" der alte, knorrige Richter, der alle Beteiligten zusammen in Schutzhaft sperrt, bis sie ein Ergebnis präsentieren, dass alle unterschrieben haben. Das reale Leben aber ist nicht in Staffeln unterteilt und geht immer weiter...

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