Vielleicht auch schon von gestern: Die Fernsehnachrichten

Screenshot: YouTube / tagesschau
"Zum Regieren brauche ich nur BILD, BamS und Glotze" - so soll einst Bundeskanzler Gerhard Schröder die medialen Grundlagen seiner Regierungstätigkeit zusammengefasst haben. Aber wie so vieles ist es heute nicht mehr so einfach. So ist über seine Nachfolgerin mittlerweile auch auf Twitter oder YouTube zu hören und die Auflagen von BILD und BamS sind beständig im Sinkflug.

Eine felsenfest stehende Institution der bundesdeutschen Medienordnung bleibt aber: Die Fernsehnachrichten. Tagesschau, Tagesthemen, heute und Heute-Journal und für die ganz experimentellen Zuschauer vielleicht noch RTL aktuell, aber nur wenn Peter Kloeppel mit Ulrike von der Groeben moderiert. Oder bleiben sie doch nicht? Denn die Einschaltquoten der Fernsehnachrichten sinken im Durchschnitt ebenfalls seit vielen Jahren beständig- auch wenn die Quoten von Nachrichtensendungen natürlich stark von der Ereignislage geprägt sind. Die Zeiten, in denen es als unschicklich galt, zwischen 20.00 und 20.15 Uhr beim Tagesschau-Gucken mit Telefonanrufen zu stören, sind auf jeden Fall vorbei.

Erst kürzlich wurden die Nachrichtenstudios überall aufwendig digital modernisiert. Bei Bedarf können sich die Moderatoren jetzt zu Fuß auf den Weg direkt durchs virtuelle Weltgeschehen begeben. Also ein etablierter Bestandteil deutschen Fernsehens. Also ewig.

Oder doch nicht? Interessante Nachrichten dazu gab es dieser Tage bei DWDL vom "Banff World Media Festival" zu lesen. Die Veranstaltung im kanadischen Teil der Rocky Mountains gilt als international bedeutendes Branchentreffen mit hohen Teilnahme-Standards, das insbesondere der Fernsehbranche ein Forum zum gegenseitigen Austausch bietet.

"Im TV-Geschäft läuft alles auf on-demand hinaus", so hörte man dort wenig überraschend vom Chairman der Lionsgate Television Group und Produzenten der Netflix-Erfolgsserie "Orange is the new black", Kevin Beggs, im Podiums-Gespräch mit der US-Anchorman-Legende Dan Rather. Wie es denn dann um die Zukunft des Journalismus im Fernsehen bestellt sei, wollte der frühere CBS-Nachrichtenmoderator daraufhin wissen. Und bekam eine undiplomatisch klare Antwort: "Das Verlesen von Nachrichten hat keinen Platz in der neuen Fernsehwelt."

Darüber wird, wie über alles in der deutschen Medienordnung, bei uns noch sehr viel diskutiert werden. Schließlich leben wir in einem Land, wo Fernsehnachrichten wie die Tagesschau schon immer verlesen wurden. Als Innovation gilt, dass sie vom Produzenten auf YouTube gezeigt werden dürfen (siehe Screenshot oben), aber dann aus unerfindlichen Gründen nach spätestens sieben Tagen wieder gelöscht werden müssen. Als hätte nicht auch ein Archiv einen großen Wert für die Zuschauer.

Aber alle Diskussion darüber wird nichts daran ändern, dass die Aussagen von Kevin Beggs zutreffen. Alles wird on demand. Warum soll man sich ausgewählte Nachrichten vorlesen lassen? Der Zuschauer der Zukunft will selbst auswählen und danach sofort sehen, was passiert.

So wie etwa bei Vice. Dessen Videoreporter sind sehr jung, sehr wild und ungewohnt mittendrin, wenn etwas geschieht. Und das ist dann im Netz revolutionär erfolgreich. Eigentlich ist Vice immer noch so etwas wie eine Klitsche. Eine Klitsche, von der Time Warner gern Anteile hätte. Und deren Gesamtwert dabei auf über 2 Milliarden Dollar taxiert. Denn Vice wächst. CNN schrumpft.

Eine weitere, ständig wachsende Nachrichten-Plattform ist auch YouTube. Während in Deutschland noch diskutiert wird, ob so etwas wie YouTube Live überhaupt erlaubt ist, könnte in Großbritannien schon im nächsten Jahr auf dieser Plattform die frühere "Fernsehdebatte" der Spitzenkandidaten zur Wahl stattfinden. Und von den großen "Tageszeitungen" live übertragen werden. Nein- wenn es so kommt, wird man die Debatte dort nicht nach sieben Tagen löschen.

Und die Zeichen für eine Veränderung mehren sich jeden Tag.

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