Niemand will eine Matrix bauen. Google I/O 2014 zeigt Android TV.

Google I/O 2014 Keynote - Vorstellung Android TV. Screenshot: YouTube

"Ein Silo ist ein großer Speicher für Schüttgüter. Silos werden zum Speichern von Zement, Kalksteinmehl, Kunststoffgranulat, Futtermittel und Ähnlichem verwendet."
                                                                                                                                Wikipedia

So ist es. Wikipedia hat Recht, wie fast immer. Was vielleicht in dem Zitat noch fehlt, ist eine weitere Eigenschaft des Silos: Die darin enthaltenen Dinge bleiben unter sich. Wenn kein Unfall passiert, werden Zement und Futtermittel sich nicht vermischen. Die im Silo enthaltenen Güter bleiben unter ihresgleichen und treffen nicht aufeinander. Von daher kommt der Begriff "Silodenken" im Management- große Firmen sind meist genau so organisiert. Das "Silo Produktion" mischt sich beispielsweise nicht mit dem "Silo Vertrieb", beide wissen dadurch nichts oder nicht viel von den Problemen und Aufgaben an denen das andere Silo arbeitet. Sie können deshalb den Anderen auch nicht wirklich verstehen- oft mit der Folge, dass man innerhalb der Firma gegeneinander oder bestenfalls aneinander vorbei arbeitet.

Dieses Silodenken prägt auch die Medienwirtschaft. So können sich zum Beispiel Zeitungen für die Nachrichten der Zukunft im Netz nur Zeitungen vorstellen. Am besten geht das dann als PDF-Datei, die sieht am Windows-Rechner so schön aus wie eine Zeitung aus Papier- und natürlich im Abonnement. Der Nachrichtenkonsument außerhalb des Silos versteht diese Idee dann nicht und bleibt größtenteils fern. Genauso können sich Fernsehsender nur Fernsehsender vorstellen, mit einem von ihnen erdachten Programm mit festen Anfangszeiten und Werbeinseln.

Google und das Fernsehen im Netz, Google TV, Android TV oder wie auch immer man es nennen will ist in der vorigen Woche aus dem Silo ausgebrochen. Gerade einmal ein Jahr ist es her, dass Google zur I/O 2013 zum Thema nicht viel mehr zu bieten hatte als den Versuch, seinen VP9-Codec zum neuen Standard für die effizientere Videokompression zu machen. Nach 13 Monaten sieht nun der Konkurrenzstandard HEVC wie der sichere Sieger aus. Im Kampf um die großen Fernsehbildschirme könnte Google aber dagegen jetzt endlich auf dem Weg zum Erfolg sein.

Auf jeden Fall scheint das nun auf der Google I/O 2014 vorgestellte "Android TV" weit aussichtsreicher zu sein als alle bisherigen Versuche, im Kampf um den großen Wohnzimmer-Bildschirm zu punkten. Was da in der Vorwoche im Moscone Center in San Francisco gezeigt wurde, ist noch einmal ein deutlicher Schritt vorwärts gegenüber den schon erhältlichen "Vorversionen" und könnte den bereits sehr eindrucksvollen eigenen Lösungen für SmartTV-Betriebssysteme "webOS" und "Tizen" der auf dem Weltmarkt führenden koreanischen TV-Hersteller Samsung und LG tatsächlich überlegen sein. Der Hauptgrund: "Android TV" ist eine Entwicklung, die das "Silodenken" endgültig verlässt.

Denn Google arbeitet in Wirklichkeit schon nicht mehr an einem "Google" oder "Android TV". Ein "TV" für das Silo "Fernsehen" wird nicht mehr gebraucht. Wer die Keynote der I/O 2014 aufmerksam verfolgt hat, beginnt zu begreifen: Google baut Android, und Android kann weit mehr werden als ein erfolgreiches Betriebssystem. Android soll die Matrix zur Infrastruktur der allumfassenden, globalen digitalen Cloud werden. Da wird nicht mehr für einzelne Silos wie Smartphone, Tablet oder Fernseher entwickelt. Okay, es gibt noch leichte Differenzen und geringfügig unterschiedliche Benutzeroberflächen mit eigenen Markennamen. Aber darunter, im Kern, ist es immer Android, die Google-Cloud- und über die bisher bekannten "Screens" hinaus geht es jetzt auch auf Uhren, Bordcomputer in Autos, "SmartHome" - Steuerungen und was auch immer demnächst digital gesteuert werden wird.

Mit Sony, Sharp und Philips alias TPVision hat Google die ersten TV-Hersteller als Partner an Bord, noch in diesem Herbst werden sie erste Fernseher mit Android TV und Set-Top-Boxen zum Nachrüsten ausliefern. Auch ASUS und LG wollen bald Android-TV's auf den Markt bringen. Statt mit einer zusätzlichen Fernbedienung wird bei Android TV mit dem "Second Screen" Smartphone, Tablet oder gar einer SmartWatch durch das Menü navigiert. Und alles arbeitet mit allem zusammen. Das ist das Datenschutz-Armageddon und der ultimative, für andere Lösungen unerreichbare Benutzerkomfort vereint in einem Produkt.

Hier ist die Keynote der Google I/O 2014 - Android TV kommt etwa bei 1 Stunde 16 Minuten. Der Netz-TV Tip ist: Alles anschauen....

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