Ratlos in Leipzig (2): Regeln für die Welt- aus der Sachsenklinik?

"Experten diskutieren über zukünftige Besetzung der Rundfunkgremien" Foto: Medientreffpunkt Mitteldeutschland
"The same procedure as last year, Miss Sophie?"
"The same procedure as every year, James."

Irgendwie an das legendäre "Dinner for One" fühlt man sich erinnert, wenn man das Geschehen auf dem gerade beendeten "Medientreffpunkt Mitteldeutschland 2014" in Leipzig zusammenfassen will.

"Wir sind zufrieden", so bilanzierte Martin Heine, Direktor der Medienanstalt Sachsen-Anhalt und Vorsitzender der "AG Medientreffpunkt Mitteldeutschland" die Leipziger Veranstaltung. "Neben den traditionellen medienpolitischen Runden haben wir auch ein breites Themenspektrum aus der Netzpolitik aufgemacht, teils kontroverse Diskussionen geführt und Lösungen vorgeschlagen. Nun richtet sich unser Blick bereits auf den Medientreffpunkt im nächsten Jahr."

Aber irgend etwas stimmt nicht mehr. Es sieht aus wie immer. Es hört sich an wie immer. Aber mit etwas Fantasie könnte man die Vorstellung entwickeln, dass die Konferenzteilnehmer ein Spaceshuttle benötigen werden, um aus den klimatisierten Hallen der "media city" zurück in die Stadt Leipzig zu kommen. Denn das Raumschiff scheint weit weg von festem Grund und den Kontakt zur "Welt da draußen" irgendwie verloren zu haben. Wenn aber Professor Simoni zum operieren in die Sachsenklinik zurück kommt, müssen sie wieder weg sein. Die Location wird als Drehort gebraucht.

"Regulieren" war wohl das meistgebrauchte Wort dieser Tage- egal wer, egal was, egal wozu, die Medienwelt schreit anscheinend nach Regulierung und "reguliert" werden müssen anscheinend auf jeden Fall andere, aus vielen verschiedenen Gründen, möglicherweise aber eigentlich nur aus einem: Es soll so schön kuschlig bleiben, wie es ist.

"Es nützt nichts, wenn wir uns an die Prinzipien halten, wenn der Nutzer woanders hingeht." Internationale Unternehmen wie Google würde man sicherlich nicht dazu bringen, sich an die deutsche Plattformregulierung zu halten, so Dr. Wolf Osthaus vom Kabelnetzbetreiber Unitymedia KabelBW auf einem Panel über den "Reformbedarf bei der Regulierung von Plattformen". Genau das ist das Problem. Während die potentiellen Regulierer ihren Blick gerade vorsichtig von der Länder- auf die Bundesebene erweitern, verwandelt das Internet die deutsche Medienwirtschaft anscheinend alternativlos in einen Hühnerhof mit weit geöffneter Tür für Füchse aus aller Welt.


42 Panels, 200 Referenten und, so hatte es Martin Heine im Vorfeld der Veranstaltung versprochen, "im Zentrum der Diskussionsrunden steht in diesem Jahr die Frage nach der Relevanz". Waren die wirklich relevanten Referenten und Themen dabei?

Die Diskussion zur "Plattformregulierung" ist dafür ein schönes Beispiel. Ja die Zeiten waren schön und kuschlig, als es auf dem Fernseher nur "Sender" gab, noch schöner, als es nicht zu viele davon gab und von vornherein feststand, wer "Das Erste" auf der Fernbedienung war- und niemand daran zweifelte, wenn es hieß: "mit dem Zweiten sieht man besser".

Das ist aber leider vorbei. Immer mehr Inhalte drängen auf den TV-Bildschirm, Videoportale, Pay-TV-Anbieter, Internetgiganten und selbst einzelne Gerätehersteller fungieren mittlerweile faktisch als Plattform-Betreiber und stellen eigene Startbildschirme und Benutzeroberflächen zur Verfügung.
Für ZDF-Justiziar Peter Weber ein Grund, für die Fernsehsender "diskriminierungsfreien Zugang" zu den Plattformen und den "Schutz ihrer Signale" vor Überblendungen und Veränderung zu gewährleisten. Die unterschiedlichen Benutzeroberflächen, die teilweise gerätespezifisch und teilweise geräteübergreifend seien, müssten endlich reguliert werden.

Gelegentliche Hinweise auf die Realität störten da nur. So wies Jörg Meyer, Vice-President im Bereich Content & Consumer bei Zattoo darauf hin, dass eine Regulierung der unterschiedlichen Endgeräte kaum möglich sei, da es schlicht eine unzählige Anzahl von Geräten gäbe.

Die Reihe der Beispiele könnte man endlos fortsetzen. Nicht einmal in kleinsten Ansätzen war erkennbar, dass bei den Verantwortlichen in irgendeiner Weise realisiert wird, woran die Facebooks, Googles, Amazons gerade mit unglaublichem Tempo arbeiten und was das für die deutsche Medienwirtschaft bedeutet. Wie will man einen vom Zuschauer konfigurierbaren Browser regulieren, wenn er der "Startbildschirm" eines Fernsehgeräts mit eigenem Betriebssystem wird? Wie den Fernseher, der nur noch das Display für virtuelle Games-Welten ist, weil "Fernsehprogramm" für ihn nur noch ein Zusatzfeature unter vielen ist?

ZDF-Intendant Thomas Bellut meinte, er habe keine Angst vor Netflix. Das ist sicher richtig. Er sollte aber Angst davor haben, von irgendeinem anderen Zug  überrollt zu werden, den er gar nicht erst kommen sieht.

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